Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Kirche Verband Bildungswerk Schlesischer Gottesfreund Nachlese: Johannes Evangelista Goßner

Nachlese: Johannes Evangelista Goßner

Schlesischer Gottesfreund, 59. Jahrgang, Ausgabe April 2008, Mai 2008

von Andreas Neumann-Nochten

Am 30. März diesen Jahres jährte sich zum 150sten Male der Todestag Goßners, dessen Wege und Wirken auch in Schlesien Spuren hinterlassen haben.
So außerordentlich wie das Lebenswerk ist auch sein Lebensweg. Nur kurze Zeit währte sein Aufenthalt im Niederschlesischen, doch war es genau der Zeitpunkt, an dem er die wichtigste Entscheidung für sein Leben traf. Im nahe Görlitz gelegenen Königshain vollzog er nach langen Jahren inneren Ringens am 23. Juli 1826 durch Teilnahme am evangelischen Abendmahl den Übertritt zur Evangelischen Kirche. Es lohnt sich also, einen Blick auf die Wege und Stationen vor diesem Wendepunkt zu werfen und desgleichen auch sein Wirken danach zu betrachten.
Johannes Evangelista Goßner kam am 14. Dezember 1773 in Hausen in Bayerisch-Schwaben – wie sein Name bereits vermuten läßt – als Sohn frommer katholischer Eltern zur Welt. Er besuchte die Dorfschule in Waldstetten und das Gymnasium in Augsburg. An der Universität Dillingen belegte er zunächst Philosophie und Physik um dann aber  in Ingolstadt Theologie zu studieren. Am 9. Oktober 1796 wurde er zum Priester geweiht.
Nicht überliefert ist, wie er schon zu dieser Zeit mit evangelischen Schriftstellern wie Matthias Claudius, Gerhard Tersteegen und Johann Caspar Lavater, der ihn besonders tief beeindruckte, in Verbindung kam. Er selbst allerdings bezog sich in späteren Jahren immer wieder auf diese frühen „literarischen“ Begegnungen. Lange bevor überhaupt der Gedanke an einen Wechsel der Konfession in ihm reifte, wurde ihm bewußt, daß er im evangelischen Verständnis die Bibel auslegt. Auch andere merkten das und so war es kaum verwunderlich, daß sich Goßner Anfeindungen ausgesetzt sah, die schließlich zu seiner Festsetzung im Priestergefängnis Göggingen führten. So unheilvoll letztendlich Napoleons Feldzüge gewesen sein mögen, für Goßner hatten sie zunächst ihr Gutes. Im Zuge der Säkularisierung und der Umstrukturierung des bayrischen Staatswesens unter Minister Maximilian Joseph Graf von Montgelas erlangte er seine Freiheit und konnte sogar seiner pfarramtlichen Tätigkeit wieder nachgehen. Eine schwere Erkrankung fesselte Goßner 1810 für mehrere Monate ans Bett, und viel gemutmaßt wird, ob nicht 1811 der Ruf nach Basel, bei der dortigen überkonfessionellen „Christentumsgesellschaft“ als Sekretär tätig zu werden, maßgeblich zu seiner Genesung beitrug. Nachweislich überlegte er bereits hier, zum evangelischen Bekenntnis zu wechseln, verwarf aber diesen Gedanken, „da die Zeit noch nicht reif war“.
Der Sieg über Napoleon und die nach dem „Wiener Kongress“ einsetzende Restauration brachten für Goßner erneut Zeiten der Bedrängnis, der Ruhelosigkeit, Wanderschaft und Suche. Einer Stellung als Gymnasialprofessor und Schulpfarrer in Düsseldorf, folgte 1820 eine Berufung zum Pfarrer an die katholische Malteserkirche in Sankt Petersburg. Auch hier blieb er seinem ganz persönlichen Stil der Gemeindebegleitung und Seelsorge treu.
Neu mag für alle ihm Anempfohlenen die Verbindung von Seelsorge und Sozialarbeit gewesen sein. Das überzeugte Diplomaten und reiche Kaufleute gleichermaßen, wie die Armen und Benachteiligten. Doch auch hier war seines Bleibens nur von relativ kurzer Dauer. Seine Art der Bibelauslegung und die Verwendung muttersprachlicher Übersetzungen fanden eben auch reichlich Gegner, die ihren politischen Einfluß geltend machten, so daß der Zar  auf Anraten von Fürst Metternich1824 die Ausweisung Goßners aus Russland verfügte. Goßner litt sehr am Verlust seines Petersburger Wirkungskreises, dem er aber lebenslang persönlich verbunden blieb. Schwer nachvollziehbar mag für uns Nachgeborene sein, daß noch vor knapp 180 Jahren die Ächtung seiner geistlichen Ansichten ihn zugleich zum politisch Verfolgten machten. Eine, wie auch immer geartete Anstellung lag für ihn in unerreichbarer Ferne. Freunde und Gönner in ganz Deutschland gaben ihm wechselweise Obdach und Gelegenheit, als Prediger und Seelsorger tätig zu sein. Wegweisend für seinen Werdegang mag letztlich die „zu Herzen gehende“ Bekanntschaft mit der Herrnhuter Brüdergemeine gewesen sein. Nach langen und intensiven „Gesprächen und innigem Gebet“ fühlte er sich bereit, sich dem Los über eine Mitgliedschaft in der Brüderunität zu stellen. Doch es kam anders als gedacht und erhofft: das Los entschied gegen ihn.
So kam es, daß er am schon erwähnten 23. Juli 1826 in Königshain zur evangelisch-lutherischen Konfession wechselte. (Zu diesem Zeitpunkt galt die 1817 verfügte „Altpreußische Union“ im Schlesischen gemeinhin als Verwaltungsunion, nicht als Bekenntnisunion). Auf Anraten von Freunden stellte Goßner am 12. Januar 1827 den Antrag auf Übernahme in den Pfarrdienst beim Evangelischen Konsistorium in Berlin. Der inzwischen weit bekannte Theologe und Prediger mußte ein vollständiges Kirchenexamen ablegen, was am 17. Dezember 1827 geschah und ihm am 24. Januar 1828 beurkundet wurde. Er wurde zunächst Hilfsprediger an der Sophienkirche.
Wenig erstaunlich ist, daß ihm der ortsansäßige Klerus die Zusammenarbeit verweigerte – einem gewesenen katholischen Priester, der aus seinen Sympathien für die Herrnhuter keinen Hehl machte, war ja auch nicht über den Weg zu trauen. So wechselte er, wiederum als Hilfsprediger schon im Mai 1827 an die Luisenstadtkirche.
Infolgedessen bezog er in der Alten Jakobstraße  eine Mietwohnung. Hier erlebte er hautnah das Elend der Menschen in den Berliner Vorstädten. Sein soziales Engagement führte zur Einrichtung der ersten „Kinder-Bewahr-Anstalten“. Von hoher Seite wurde ihm dabei Unterstützung zuteil. Kronprinzessin Elisabeth Ludovika, verheiratet mit Kronprinz Friedrich Wilhelm war vom Elend in den Vorstädten Berlins in gleicher Weise betroffen. Ihrem Einfluß war es zu danken, daß auch die Kreise des Hofes die neu entstehenden Werke christlicher Nächstenliebe unterstützten.
In den folgenden Jahren – immer auf der Suche nach einer festen Anstellung – wirkte Goßner als Gefängnispfarrer, als Prediger in den Kottwitzschen Anstalten und betrieb Hausseelsorge bei den Ärmsten der Armen. Am 31. März 1829 wurde Goßner schließlich als „zeitweiliger Prediger“ der Bethlehemskirche ordiniert. Die Gemeinde verstand sich als durchaus interkonfessionell und war durch einen hohen Ausländeranteil geprägt. Hier blieb er 15 Jahre – länger als an jeder anderen Station seines unermüdlichen Wirkens.                                                                                           Goßner folgte Pfarrer Johannes Jaenicke, dem Prediger der Böhmischen Gemeinde in Berlin im Amt. Jaenicke hatte 1800 eine erste Berliner Missionsanstalt und eine Bibelgesellschaft gegründet. Vier Jahre vor seinem Tod gründete er 1823 die „Berlinische Missionsgesellschaft“. Ein Jahr später kam es 1824 zur Neugründung einer „Gesellschaft zur Beförderung der Ev. Missionen unter den Heiden“, die als „Berliner Mission“ noch heute besteht. Wie der Gründer Jaenicke, Pfarrer der Lutherisch- Böhmischen Gemeinde der Bethlehemskirche und berufenes Mitglied im Komitee der Berliner Mission war, so wurde auch Goßner als dessen Nachfolger 1831 in das Komitee der „Berliner Mission“ berufen. In seiner Predigt zur Aussendung von deren ersten Missionaren am 29. Mai 1833 in der Dreifaltigkeitskirche auf der Kanzel Schleiermachers – plädierte Goßner für eine Kirche, die die Sache der Mission zu ihrer eigenen Sache mache und nicht Vereinen überlassen sollte. Erstmals hat er den Gedanken der Integration von Kirche und Mission vorgetragen. Es wäre übertrieben, zu behaupten, daß die Kirchenleitung die Arbeit des Komitees behinderte, aber reichlich Argwohn mag im Umgang mit dessen Aktivitäten schon vorhanden gewesen sein. Auffällig ist jedenfalls die Zurückhaltung Goßners hinsichtlich seiner Mitarbeit in diesem Gremium, aus dem er 1836 schließlich austrat.
Am Anliegen der Mission hielt er aber fest und gründete 1834 die Zeitschrift „Die Biene auf dem Missionsfelde“. Er informierte und warb darin für den Gedanken der „Äußeren Mission“.
Seinen Arbeitsschwerpunkt fand er aber in der „Inneren Mission“, in Sozialarbeit und Armenfürsorge. Er gründete den Verein zur Förderung von Kinderwarteanstalten und war an der Gründung der ersten sieben Kinderwarteanstalten maßgeblich beteiligt. Goßner umriß mit den Worten, daß „die Innere und Äußere Mission als Zwillingsschwestern, Lieblingstöchter Jesu“ seien, den Beweggrund seines Wirkens.
Goßner gründete erstmals einen Krankenpflege- und Krankenbesuchsverein. Mit Unterstützung von Kronprinzessin Elisabeth wurde 1836 in der Berliner Hirschelstraße eine Wohnung angemietet und als Krankenstube mit 15 Betten eingerichtet. So begann die Geschichte des Elisa-bethkrankenhauses. Gleichzeitig vertiefte er unermüdlich durch seine Missionszeitschrift das Interesse und die Verantwortung für die grenzüberschreitende Mission.
Am 12. Dezember 1836 meldeten sich erstmalig sechs junge Handwerker für eine Missionarsausbildung bei Goßner, die zusammen mit später Hinzugekommenen nach beendeter Ausbildung am 9. Juli 1837 von der Bethlehemskirche aus zum Dienst ausgesandt wurden.
Am 18. Oktober 1837 wurde das Elisabeth-Krankenhaus Haus vor dem Potsdamer Tor mit 40 Betten als erstes evangelisches Krankenhaus in Berlin eingeweiht.
Nicht nur die sichtbare Zusammengehörigkeit von Innerer und Äußerer Mission, sondern auch der Weg dorthin kennzeichneten Gossners Vorgehensweise. Er wartete auf den Auftrag, der ihm durch Menschen entgegengebracht wurde und er fand Möglichkeiten, Wollen und Wünsche zu kanalisieren und einer guten Verwirklichung zuzuführen. Die zeitnahe Gründung des Krankenhauses und die Anfänge des Missionsseminars in den Jahren 1836 und 1837 empfand er als Fügung und als Bestätigung seiner Erkenntnisse über ganzheitliche Mission.
Goßner hat bis zu seinem Lebensende die Krankenhausleitung und die Missionsleitung in seinen Händen behalten. Er bezog auch deshalb eine Sommerwohnung auf dem Grundstück des Elisabethkrankenhauses in Berlin vor dem Potsdamer Tor. Goßner bezeichnete seine Stiftungen und Gründungen als Glaubenswerke der ganzheitlichen Mission, die er als Botschaft der Bibel vernommen hatte.
Um Goßner hatte sich eine Personalgemeinde, vorwiegend aus Berlin-Schöneberg, Berlin-Moabit und aus der Krankenseelsorge gebildet. In der überfüllten Kirche konnte bald die Sitzordnung nach Bekenntnissen und Konfessionen nicht mehr eingehalten werden. Unter seine Kanzel kamen Professoren, Studenten, Handwerker, Offiziere und Beamte, Adelige, Bürger, Arbeiter, Arbeitslose und Obdachlose, Reiche und Arme, aus allen Berufsgruppen und Ständen und Klassen, Kinder, Eltern und Großeltern.
Bei dieser entstehenden Glaubensbewegung um Goßner gerieten folgerichtig die vorgegebenen Regeln für ein übersichtlich geordnetes Kirchenwesen in Bewegung. Gemeindeaufsicht und Schulaufsicht, Missionsleben und Kirchenordnung gerieten in Widersprüche bis zur Zerreißprobe mit der aufsichtsführenden Behörde. Da stellte Goßner den Antrag auf Verselbständigung der Bethlehemsgemeinde. Das Konsistorium verweigerte die Zustimmung. Da war es für Goßner an der Zeit, das Ersuchen um Versetzung in den Ruhestand zu stellen. Goßners Verhalten begegnet wieder in der Lebensgeschichte seiner Missionare und deren Umgang mit den Ordnungen von Kirche und Staat und den Regeln in der Gesellschaft. Die Missionare Goßners sind geprägt durch ihre Suche nach einer Gestaltung aus dem lebensschaffenden Geist. Goßner ermutigte sie nach Überwindung des Buchstabens durch den Geist zu trachten. Goßner trat für Glaubensmission ein, war zurückhaltend gegenüber Kirchenmission und lehnte Kolonialmission ab.
Goßners Gesuch um Versetzung in den Ruhestand ging beim Konsistorium am 11. Februar 1846 ein und erhielt erst am 10. April 1847 die Zustimmung. Er zog nun für seine letzten 11 Jahre in das Gartenhaus in der Potsdamer Straße Nummer 119. Nun konnte er sich noch intensiver der Betreuung des Elisabeth-Krankenhauses widmen.
Am 25. Oktober 1850 starb nach schwerem Leiden seine Lebensgefährtin Maria Ida Bauberger. Ihr Vermögen bestimmte sie für Goßners Missionsanstalten. Schwester Alwine betreute Goßner bis zu dessen Tod 1858.
In seinem Ruhestand sendete Gossner noch 29 Missionare auch in neue Gebiete nach Java, Neuguinea, Südafrika, Polynesien, Neuseeland, Mauritius aus.
Insgesamt hat er 141 Missionare ausgebildet und entsandt. Goßner, der in verschiedenen politischen Systemen gelebt und gelitten hatte, beharrte angesichts der Leiden der Menschen und Scheitern der Systeme auf der biblischen Weisung: Das ist der Wille Gottes, daß ihr mit guten Taten den unwissenden und törichten Menschen das Maul stopft als die Freien … Ehrt jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehrt den König. (1.Ptr. 2,16.17).
Die Sorge um die Zukunft seiner Glaubenswerke konnte Goßner dem Generalsuperintendenten Carl Büchsel anvertrauen. Dieser war Pfarrer der Ortsgemeinde St. Matthäus, in deren Zuzugsgebiet Goßner wohnte. Auf Bitten Goßners übernahm Büchsel die Leitung der Stiftungen, Gründungen und Pflanzungen. Büchsels Bereitschaft zeigt, wie Glaube und Geist, Charisma und Autorität Goßners bis in sein hohes Alter wirkten. Am Montag, dem 29. März 1858 bekam Goßner heftiges Nierenbluten. Am Dienstag, dem 30. März reicht ihm Carl Büchsel das Abendmahl. Zur Mittagsstunde des 30. März 1858 starb Johannes Evangelista Goßner.
 Während der Stillen Woche blieb er aufgebahrt in seinem Gartenhaus. Am Karfreitag, 2. April 1858 hielt Missionar Schatz dort die Aussegnung und begleitete den Sarg zur Bethlehemskirche, wo die Aufbahrung nachmittags erfolgte. Am Karsamstag begann um 16 Uhr die gottesdienstliche Feier. Nach deren Beendigung bewegte sich der Trauerzug durch die traditionsreiche Wilhelmstraße. Am Halleschen Tor erwartete den unübersehbaren Trauerzug ein Posaunenchor. Er gab Geleit zum Jerusalemsfriedhof bis an die Grenze des Friedhofs der Böhmischen Gemeinde.
Goßner wurde an der Seite von Ida Bauberger beigesetzt. Die Grabrede hielt Generalsuperintendent Büchsel:
„Er hat zurecht gebetet die Mauern des Krankenhauses, er hat zurecht gebetet die Herzen der Schwestern in dem Krankenhause, er hat zurecht gebetet die Herzen der Reichen, daß sie ihre Hand haben aufgetan weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus, er hat zurecht gebetet die Missionsstation in Indien und hier auf Erden, er hat durch sein Gebet gehalten und getragen in den Versuchungen und Gefahren die Herzen der Missionare, er hat durch sein Gebet das Werk begossen und begleitet weit in alle Welt hinein. Nicht bloß hier am Grab stehen seine geistlichen Kinder, sondern er hat seine Kinder gehabt reichlich ausgebreitet weit hin über unser Vaterland hinaus. Der alte Goßner ist ein Beter gewesen.“               

Artikelaktionen
Losung
Losung
Ich, ich bin euer Tröster! Wer bist du denn, dass du dich vor Menschen gefürchtet hast, die doch sterben?
Jesaja 51,12
Lehrtext
Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Römer 8,31
Losungen…
 
Startseite | Impressum