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Nachlese: Interview mit Präses E. Schulze

Schlesischer Gottesfreund 59. Jg. – Nr. 4 – Ausgabe April 2008 – S. 52

Herr Schulze, die Synode des neu  gebildeten Kirchenkreises Schlesische Oberlausitz hat Sie zu ihrem Präses gewählt. Sie waren ja viele Jahre Landrat des Niederschlesischen Oberlausitzkreises. Haben Sie diese neue Herausforderung gesucht oder ist diese eher auf Sie zugekommen?

Gestatten Sie mir zur Beantwortung Ihrer Frage ein wenig weiter auszuholen. Die Arbeit in der Synode ist für mich ja kein Neuland mehr. Seit 1975 war ich Mitglied in der Provinzialsynode der Ev. Kirche des Görlitzer Kirchengebietes. Bereits damals habe ich diesen Schritt bewusst und gern getan. Das hing einerseits mit meinem christlichen Elternhaus zusammen, beruhte auf einem ausgesprochen guten Verhältnis zu unserem damaligen Ortspfarrer Hennerjürgen Havenstein und andrerseits war sicherlich auch eine gute Portion jugendlicher Oppositionsgeist mit im Schwange. Schließlich erleichterte man sich zu DDR-Zeiten auf solche Weise nicht gerade das persönliche Fortkommen. In besonderer Weise wichtig war für mich seinerzeit, daß ich mit demokratischen Spielregeln und Strukturen vertraut gemacht wurde. Das kannte ich so weder aus meiner Schul- noch Studienzeit. Ohne Frage haben diese Jahre des offenen und kritischen Umgangs miteinander – wenn auch nur auf kirchlicher Ebene – mir den Übergang in die neuen Verhältnisse nach der Wende sehr erleichtert. Ich musste ja nicht Neues erlernen sondern konnte Wissen endlich in die Praxis umsetzen. Übrigens, im Herbst 1989 hat hier in Daubitz – noch vor Görlitz – das Neue Forum die erste Demonstration organisiert. Nach dem das Ansinnen an mich gerichtet wurde, für das Amt des Landrats zu kandidieren und ich gewählt wurde, stand für mich außer Frage, meine synodale Tätigkeit ruhen zu lassen. Die Herausforderung, der ich mich jetzt stelle, ist also weder neu, noch habe ich mich nach ihr gedrängt. Sie begleitet mich seit vielen Jahren und ich stelle mich ihr, wo und wie es notwendig ist.

Die Jahre des Neuanfangs  nach 1990 forderten ja nicht nur im säkularen Bereich ein komplettes Umdenken, auch im Raum der Kirche wurden Veränderungen notwendig. Sie haben all das in ihrer Doppelfunktion wahrnehmen und mitgestalten dürfen. Wie beurteilen Sie die Entwicklungen aus heutiger Sicht?

Durchaus positiv. Wobei ich keinen Hehl daraus mache, dass mich nicht alles begeistert hat. Den Altkreis Weißwasser, zu DDR-Zeiten dem Bezirk Cottbus zugehörig, in Sachsen einzugliedern erachte ich auch heute noch als richtige Entscheidung, gerade auch was die kirchlichen Belange betrifft. Die Wiedereinführung des schlesischen Namens im politischen wie kirchlichen Bereich gehört auch dazu. Als wohltuend empfand ich ebenfalls die Neuerungen und Veränderungen auf kirchlicher Ebene. Wobei auch da schmerzliche Erkenntnisse und Einsichten nicht ausblieben. Schwer nachvollziehbar ist nach wie vor, dass die Regelüberprüfung auf eventuelle Mitarbeit für die Staatssicherheit abgelehnt wurde. Und, um Ihre Frage vorwegzunehmen, ich gehörte auch zu denen, die den Kirchenneubildungsprozess mit der Kirche von Berlin-Brandenburg befürwortet haben.

Nun hatte ja der Sprengel Görlitz mit seinen vier Kirchenkreisen kaum Zeit sich an seinen neuen Status zu gewöhnen inzwischen besteht er ja nur noch aus zwei. Die „Zusammenlegung“ der Kirchenkreise Görlitz, Niesky und Weißwasser brachte ja  einige Überraschungen, zumal für die Görlitzer.

Natürlich wäre es auch mir lieber gewesen, wenn wir die Zeit gehabt hätten, die Dinge etwas ruhiger anzugehen. In den Vereinbarungen zur Kirchenneubildung las sich das auch alles ein wenig anders. Zunächst war ja die Bildung von drei Kirchenkreisen mit im Gespräch. Als aber dann klar wurde, dass der jetzigen Variante der Vorzug gegeben wird, habe ich mich dafür stark gemacht, dass der Sitz der neu zu schaffenden Superintendentur Niesky sein. Das hat wenig mit Lokalpatriotismus zu tun, sondern eher mit einer Vorliebe für dezentrale Strukturen. Vergessen wir auch nicht, dass unsere Region stark ländlich geprägt ist und die Stärkung des ländlichen Raums war mir immer ein zentrales Anliegen.

Welche Aufgaben erwarten Sie und die Synodalen in der kommenden Zeit?

Kennenlernen und Zusammenfinden, sind die ersten Stichworte, die mir bei Ihrer Frage in den Sinn kommen. Natürlich kennen wir einander alle irgendwie, aber jetzt bedarf dieses „einander Kennen“ einer neuen Qualität, schließlich liegt es in unserer Verantwortung die Interessen des Kirchenkreises zu wahren und voran zu bringen. Wir sind ja sozusagen der wichtigste Ansprechpartner der Kirchengemeinden. Wir werden über neue Finanzierungssysteme zu beraten haben und uns um Stellenpläne kümmern müssen. Dabei wird es immer wichtig sein, darauf zu achten, dass unsere kreiskirchliche Ebene eine starke Position gegenüber der landeskirchlichen bezieht. Im Gegensatz zu manchen Regionen im Norden Berlin-Brandenburgs sind wir hier noch stark volkskirchlich geprägt. Was dort an Strukturwandel notwendig ist, wäre hier angewendet, kontraproduktiv. Mit anderen Worten, wir werden bei allem gebotenen konstruktiven Miteinander in unserer Landeskirche immer wieder deutlich machen, dass wir nicht ausnahmslos mit der „Brandenburger Elle“ gemessen werden können. Die Synode wird gut daran tun, unablässig auf die Besonderheit und Eigenständigkeit des geistlichen Lebens im Kirchenkreis zu verweisen, diese zu bewahren und zu stärken.

Herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch.

Das Interview führte
Andreas Neumann-Nochten

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