Vorstellung: Ulrike Scheytt. "Regionalkantorin nimmt den Takt auf"
„So vielfältig wie ihr Lebenslauf sind auch ihre Talente, gefördert von den besten europäischen Lehrern. Ob Klassik oder Pop, ob Solo oder im Ensemble, Orchester oder Chor, Frau Scheytt sprüht Musik aus jeder Pore“, schwärmte jüngst ein Mitglied ihrer früheren Kantorei. Sie ist seit dem 15. Juni als Regionalkantorin in Görlitz im Amt und Nachfolgerin von Britta Martini, die in das Konsistorium der Landeskirche gewechselt war.
Von Bettina Ernst-Bertram
Im Hinblick auf ihren neuen Wirkungskreis meint Ulrike Scheytt: „Ich bin keine Luxuskirche gewöhnt, sondern eine Kirche zum Anpacken!“ Der agilen Frau, die 1955 geboren wurde, scheinen Mut und Freude am Aufbrechen ins Unbekannte in den Genen zu stecken. Ihre Mutter kam in China auf die Welt, die Großeltern waren dort als Missionare im Dienste des Herrn unterwegs. Ulrike Scheytt stammt als zweites von sechs Pfarrerskindern aus einer Landgemeinde bei Schwäbisch Gmünd. Ihr Vater war ein engagierter protestantischer württembergischer Pastor in einer „stockkatholischen“ Gegend. So lernte sie von klein auf, wie sich „protestantisches Leben unter ländlichen Diasporaverhältnissen“ anfühlt. Sie wurde im Schulhaus getauft, denn die evangelische Kirche, die Orgel und das Pfarrhaus im Ort mussten erst erbaut werden.
Nach dem Abitur liebäugelte sie mit dem Gedanken, Musiktherapeutin zu werden, denn die Wirkung von Musik auf Menschen interessierte sie. Sie studierte Kirchenmusik in Stuttgart-Esslingen, schloss mit dem B-Examen ab und setzte in Trier noch ein Psychologiestudium drauf, das sie mit dem Diplom beendete. Schließlich war sie musikalische Assistentin bei Kirchenmusikdirektor Ekkehard Schneck an der Trierer Konstantinbasilika (Weltkulturerbe), bevor sie ihre Stelle als Kantorin in einer Eifelgemeinde (Ev. Kirche im Rheinland) antrat, die sie bis 2006 ausfüllte. Ein interessanter Ruf führte sie in die Nordelbische Kirche, dort konnte sie an einer der berühmten Arp-Schnitger-Orgeln spielen. Schnitger, das ist der „der Silbermann des Nordens“, der Vollender der norddeutschen Barockorgel.
Mit ihren musikalischen Schwestern ist Ulrike Scheytt öfter zu erleben, denn sie sind ebenfalls renommierte Konzertmusikerinnen. Begegnet man Formationen wie „Scheytterhauffen“ oder „G‘scheyttle“, sind gewiss mehrere Mitglieder der Scheytt-Familie daran beteiligt. Mit ihren Vettern, dem Blues- und Boogie-Pianisten Thomas Scheytt oder dem heutigen Geschäftsführer der „Ruhr 2010“, Oliver Scheytt, hat sie früher am Klavier des Großvaters gespielt, der Spaß ist in der Erinnerung heute noch präsent… Ulrike Scheytt, die als Konzertorganistin ihren Ruf hat, nahm an internationalen Meisterkursen für Orgel teil, besuchte die Meisterklasse der Konzertorganistin Suzanne Chaisemartin in Paris und diverse Chor- und Orchesterkurse. Im Jahr 2001 erhielt sie ihre Befähigung zur Orgelsachverständigen.
Berufsbegleitend hat Ulrike Scheytt den ersten Lehrgang der zweijährigen Weiterbildung „Popularmusik im kirchlichen Bereich“ an der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen absolviert. Neben der klassischen Kirchenmusik an der Orgel und in den Chören liegt ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit auf der Popularmusik im Kirchenkreis. Dabei ist ihr alles recht, „was zum Lobe Gottes und von Herzen gemacht ist.“ Das sei nicht primär eine Frage des Stils, „sondern eine Frage der Qualität.“ In den Sommermonaten wird sie den Takt der Gegend aufnehmen, Atmosphäre erspüren, „hinhorchen, welche Erwartungen und Bedürfnisse die Kirchengemeinden haben.“ Sie wird zu 70 Prozent für den Kirchenkreis und zu 30 Prozent für die Innenstadtgemeinde Görlitz arbeiten. Ihr Büro wird sie später in der Stadtmission auf der Langenstraße 43 beziehen können. Regelmäßig wird sie zur Mittagsrast in der Frauenkirche und zum Orgelpunkt in der Peterskirche spielen, zu den Gottesdiensten, zu Hochzeiten und Konzerten im Kirchenkreis. Auch Kurrende und Jugendchor werden nach den Sommerferien unter ihrer Leitung wieder mit den Proben beginnen.
Foto: Bettina Ernst-Bertram
