Kinder: Spielzeugfrei in Görlitz Weinhübel
Die evangelische Kindertagesstätte Regenbogen in Görlitz Weinhübel hat sich entschieden: Zwei Monate lang wird alles Spielzeug verbannt. Keine Puppen, keine Bausteine, keine Autos, keine Musik. (07.06.2006)
Anfang Mai war es so weit. Jedes der 82 Kindergarten-, Krippen- und Hortkinder fasste mit an, trug Bagger, Sandspielzeug und Eimerchen in Kisten, bis der Garten nur noch Gras, Steine und Sand war. Drinnen räumten die Kinder die Regale leer, schoben ganze Spielzeugschränke ins Abseits, und irgendwann waren sie allein auf ihre Fantasie gestellt. „Wir haben uns vorher viel zu große Sorgen gemacht. Dachten, die Kinder würden sich langweilen und uns fragen, was sie machen sollen.“ Aber nichts davon sei der Fall gewesen, sagt KiTa-Leiterin Antje Simon. „Klar, einige haben sich auch beschwert, als keine Roller mehr da waren, aber nicht lange.“

Sie hätten sich auf einmal für Dinge interessiert, für die sonst keine Zeit ist. „Viele haben ganz lange am Fenster gestanden und einfach nur beobachtet. Vögel beim Nestbau oder die vielen Maikäfer.“ Und ganz viel bewegt hätten sich alle. Bäume waren plötzlich zum Klettern da, aus Stöcken und Laub konnte man Höhlen und Buden bauen, ein paar Steinchen ersetzten so manches Brettspiel, und Kaufmannsladen, Kiosk, Kaffeekränzchen, Schule ließen sich auch spielen ohne vorgefertigtes Zubehör. Zwar sei es extrem laut und durcheinander gewesen in der ersten Zeit, weil sich niemand mehr still mit etwas beschäftigte, aber zum Kindsein gehört das ja schließlich dazu.
Ein Problem mit dem Spielzeugentzug hätten nur manche von den Eltern, meint Antje Simon, doch das seien Ausnahmen, die meisten zögen mit. Einige sagten, „aber mein Sohn spielt doch immer nur mit Autos, wie soll das werden!“ Oder andere befürchteten, wenn Stift und Schere für eine Weile tabu sind, lerne ihr Kind nichts. „Wir aber setzen dagegen, dass die natürliche und soziale Entwicklung der Kinder mindestens genauso wichtig ist. Schreiben lernen sie auch später noch.“
Dafür, dass sie durchaus etwas lernen, und zwar aus eigenem Erkenntnisdrang, hat Antje Simon ein Beispiel. Im Garten wachsen nämlich Kletten. Die Kinder hätten die Pflanze irgendwann entdeckt, sich mit allen Teilen davon behängt, gelacht, gespielt und sich mehrere Stunden lang davon faszinieren lassen. „Aha, danach hat also der Mensch den Klettverschluss erfunden, damit wir Kinder uns die Schuhe zumachen können“, hätten sie am Ende resümiert, ohne dass ihnen das jemand eingab.

Nichts mit sich anzufangen gewusst habe bisher noch niemand hier. Auch sei zu sehen, wie sich das Miteinander der Kinder verändert. „Sie sind wesentlich kommunikativer“, erzählt die KiTa-Leiterin, „jetzt spielen manche zusammen, die vorher nie ein Wort miteinander gewechselt haben.“ Sie lernten sie auch besser sprechen, weil sie sich mehr mit den anderen befassen als mit sich allein.
Aber nicht nur für die Kinder ist die spielzeugfreie Zeit eine wichtige Erfahrung, auch die Erzieherinnen lernen dadurch viel über sich und ihre Methoden, die sie jetzt als manchmal zu eingreifend und bevormundend erkennen. Die Beobachterrolle sei ganz neu für sie, sagt Antje Simon, es falle schwer, sich zurückzuhalten und nicht einzugreifen. „Wenn man den Kindern immer alles vorgibt, kommen sie gar nicht auf die Idee, sich selber Gedanken zu machen und sich zu kümmern. Wir unterschätzen oft, dass sie es aber sehr wohl können.“
Etwa als die Maikäfer flogen, da wollten ein paar Mädchen welche sammeln. Aber Eimer? Tja. Was könnten wir sonst nehmen? Überlegt mal. Eine alte Verpackung vielleicht? Zum Beispiel. Gibt’s davon nicht welche in der gelben Tonne? Na geht mal suchen. Es habe zwar eine Weile gedauert, aber irgendwann setzte die Fantasie der Kinder ein. „Wir helfen ihnen oft viel zu schnell, das wird uns nun bewusst.“
Die Kinder sollen aber zu sich finden, all das wahrnehmen, was in ihnen steckt, ihre Stärken erfahren und lernen, woher sie Hilfe bekommen oder wie sie sich selbst helfen können. „Deshalb legen wir es jetzt manchmal darauf an und unternehmen nichts, bis sie nach Hilfe fragen“, sagt Antje Simon, „so lernen sie und auch wir, wie stark und unabhängig sie jetzt schon sind.“ Sie sollen ihre Sprache gebrauchen, die richtigen Fragen stellen lernen, damit sie aus eigener Kraft bekommen, was sie wollen. „Das heißt fürs Leben lernen.“
Zwei Monate kommen die Kinder erst mal ohne ihre Spielsachen aus, „doch wir wollen es vielleicht noch länger ausdehnen. Auf jeden Fall werden wir danach Spielzeug aussortieren, und hoffen, dass wir uns einige unserer Erfahrungen bewahren können“, sagt Antje Simon. Denn es sei eindeutig: „Fantasie haben die Kinder genug, aber durch Spielzeug wird sie nicht angeregt.“
