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Diakonie: Ein Stift für gebildete Frauen

Das Görlitzer Luisenstift ist nicht nur ein Altenpflegeheim mit langer Tradition. Das neobarocke Haus in der Biesnitzer Straße hat auch eine wechselvolle Geschichte durch mehr als 150 Jahre, aber vor allem verbirgt sich noch in seinem Namen eine Pionierleistung. (30.11.2005)

Luise Tschierschky hieß die Gründerin des „Vereins Frauenheim“, der auf dem reichlich 5000 Quadratmeter großen Grundstück im Jahr 1882 einen „Zufluchtsort“ für „alleinstehende Frauen und Jungfrauen aus gebildeten Kreisen“ einrichtete. Das damals 35 Jahre alte Gebäude hatte seit seinem Bau als Wohnhaus für vier Familien bis zu seiner Zwangsversteigerung elf Besitzer, verschiedene Nutzungen und zahlreiche Umbauten erlebt.

Die Gattin des Görlitzer Polizeidirektors Tschierschky war selbst als Kind einer allein stehenden Mutter aufgewachsen, hatte viele der Vorbehalte, missbilligenden Blicke aus der „feinen Gesellschaft“ und auch Gefahren miterlebt und wusste um den Sinn ihres Vorhabens.

Als man das „Frauenheim“ im Jahr 1901 nach ihr „Luisenstift“ benannte, gab es darin einen Speisesaal, eine entsprechend große Küche, die oberen Etagen waren zu Wohnräumen umgestaltet, und ein eiserner Zaun umgrenzte die Anlage. Ein zweigeschossiger Anbau mit einem weiteren Saal und über 20 Zimmern war nach Westen hin entstanden, und der Garten reichte nun bis zum katholischen „Ottostift“. Damit war das Grundstück beinah doppelt so groß wie beim Erwerb.

Solche gravierenden Baumaßnahmen erfährt das Luisenstift erst heute wieder, wenn ein Jahrhundert ins Land gegangen ist. Die Tafel zur Erinnerung an Luise Tschierschky, die mitten im Ersten Weltkrieg starb, hängt heute im Eingang des soeben eingeweihten und frisch bezogenen Neubaus rechterhand des sanierungsbedürftigen alten Gebäudes.

In den Jahren zwischen den Kriegen und bis 1945 waren auch Verein und Stift von Inflation, finanziellen Nöten und den Sorgen der Zeit beeinträchtigt. Als nach dem Nationalsozialismus alle Vereine aufgelöst wurden, ging 1947 das Vermögen des Luisenstifts an die Schlesische evangelische Kirche westlich der Neiße über, sechs Jahre später übernahm das Diakonische Werk die Trägerschaft.

In dem nun als Feierabend-, später Alten- und Pflegeheim geführten Anwesen lebte es sich gut. Zwar bildeten nicht mehr nur begüterte Frauen dessen Klientel, aber ein wenig privilegiert waren die Bewohner doch. Oft zogen Leute aus der Görlitzer Südstadt ein, die früher ein Geschäft besessen hatten, dann allein lebten, aber noch rüstig waren – und vornehm. Mit Binder und Anzug gingen die Männer, frisiert und im Kleid die Damen durch die hohen Flure und Zimmer ihrer Residenz. Im Garten hatten viele ihre eigenen Beete, man lebte gemeinsam und hatte es bequem in dieser Alternative zur eigenen Wohnung.

Nach der Wende änderte sich dies mit der Einführung der Pflegeversicherung. Das Luisenstift nahm nur noch pflegebedürftige Menschen auf, seit 2004 gehört es zur Stiftung Diakonie Görlitz. Im Moment wird der alte Teil des Luisenstift saniert. Wenn er Ende des Jahres 2006 wiedereröffnen kann, werden in Alt- und Neubau insgesamt ca. 70 Menschen wohnen und gepflegt werden.

Zwar geht man heute hier nicht mehr in feiner Kleidung durch die Gänge, aber kleine Privilegien gibt es auch jetzt noch. Ins Luisenstift darf man nämlich seine Tier mitbringen. Dazu leben hier fünf hauseigenen Vögel, Fische im Aquarium und der Kater Julius, der die Bewohner in ihren Zimmern besucht und im Winter aus dem Fenster schaut.

Ines Eifler

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