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Diakonie: Behindertenwohnstätte in Großkmehlen

Im Wohnprojekt "Christophorus" leben geistig Behinderte soziale Integration und Normalität. (01.02.2006)

Fünf Häuschen, drei flache Etagen hoch, mit großer Küche, einem Fahrstuhl, einem Raum für alle und einem eigenen Zimmer für jeden der zwölf Bewohner stehen am Rand des südbrandenburgischen Ortes Großkmehlen. Jetzt aber ist es in fast allen Häusern still. Denn es ist Vormittag, die meisten Bewohner der kleinen Siedlung sind unterwegs oder haben zu tun, auch wenn sie anders sind als andere.

„Ziel war es, für jeden Bewohner ein zweites Lebensmilieu zu schaffen“, sagt Gisa Kern, die das „Christophorus“ leitet, seit die Einrichtung zunächst 1992 vom Diakonischen Werk dann 1996 vom Diakonie-Sozialwerk Lausitz übernommen wurde. Damals begann man, die einstige recht verrufene „Geschlossene“, wo zugleich psychisch Kranke, Demente, Suchtkranke und Pflegefälle untergebracht waren, zu einem Modellprojekt für humanes Wohnen geistig Behinderter umzugestalten.

Heute leben und arbeiten hier 60 Menschen ab 18 Jahre, die Ältesten sind über 80. Gleich welchen Alters und Schweregrads, haben sie einen klar strukturierten Tag mit festen Zeiten, gemeinsamen Mahlzeiten, regelmäßigen Abläufen. Bestimmte Pflichten, Aufgaben und Verantwortungen machen ihnen das Leben lebenswert, genau wie Ruhe und Freizeit, sowohl für sich selbst als in der Gemeinschaft. Sie kennen Alltagsroutine, Urlaub und Höhepunkte im Jahr, unterscheiden zwischen Woche und Sonntag, an dem man ausschlafen kann, aufs Frühstück verzichten darf und zum Gottesdienst geht.

Alle unter 65 – etwa die Hälfte der Leute – gehen einer Beschäftigung nach. Entweder arbeiten sie oder werden gefördert mit dem Ziel, „werkstattfähig“ wie einige ihrer Mitbewohner zu werden oder zumindest alle vorhandenen Fähigkeiten zu nutzen, zu erhalten und auszubauen.

Jene fünf, die zu einer Erwerbsarbeit in der Lage sind, werden jeden Morgen kurz nach sechs Uhr in die Werkstätten nach Lauchhammer gefahren, wo sie Schreibutensilien zusammenstecken, Lampen montieren, etwas sortieren oder im Recycling arbeiten. Andere übernehmen Aufgaben in der Küche oder Reinigungsdienste.

Die „Nicht-Werkstattfähigen“ verteilen sich auf vier verschiedene Fördergruppen, je nach Behinderung, Eignung und Interesse. Keramiker und Seidenmaler sind die Kreativen, bauen Töpfe aus feuchtem Ton und halblebensgroße Figuren aus Draht, Gips und Pappmaché. In der „Garten- und Tiergruppe“ hütet man Schafe, Ziegen, Hühner, aber auch ein Hängebauchschwein und Wellensittiche.

Im Winter liegt der weite Garten brach, umso mehr Zuwendung bekommen Pferde und Ponys. Mit einem Mix aus Verschiedenem beschäftigt sich die „Mosaik-Gruppe“. Sowohl kreativ sind deren Teilnehmer als auch eine Menge Hauswirtschaftliches wird ihnen gezeigt, und zum Beispiel die Gräber werden von Behinderten gepflegt.

Für die zweite Hälfte der Bewohner, die Senioren, bietet die Wohnstätte fast ebenso viel außerhalb von „Zuhause“ an. Vier Vormittage in der Woche können sie gemeinsam kochen, etwas gestalten, musizieren oder etwas für die Bewegung tun, und alle 14 Tage gibt es einen Ausflug in die Umgebung.

In den Häusern treffen die Bewohner am Nachmittag, spätestens zum Abendbrot zusammen, das sie gemeinsam vorbereiten. Dann hatte jeder einen ereignisreichen, ausgefüllten Tag. Statt den Betreuern sind es, soweit möglich, die Behinderten selbst, die sich um ihren Haushalt kümmern. Jeder ist mal an der Reihe, ein Essen zu kochen, und gerade die Älteren, viele vom Land, wissen noch von ihrem früheren Zuhause, wie man Wäsche wäscht und legt, aufräumt, putzt und Geschirr spült. Sie erledigen das allein oder zeigen es ihren jüngeren Mitbewohnern.

Zu dieser Alternative – Wohnprojekt statt Behindertenheim – zählt auch die Integration der Bewohner in das Leben der Dorfgemeinschaft. „Sie gehören dazu“, sagt man hier. Wenn die Schüler des Ortes Theater spielen, Programme zu den Festen oder Märchenspiele einstudieren, treten sie immer auch in „Christophorus“ auf. Dreimal im Jahr spielt eine Kapelle nur für die Bewohner – „da singt jeder mit“, erzählt Gisa Kern. Doch auch umgekehrt gestalten die Behinderten beim jährlichen Sommerfest ein großes Programm zur Freude aller aus Großkmehlen und den umliegenden Orten.

Und es gibt sogar Leute, die ganz bewusst Häuser in direkter Nachbarschaft oder zwischen den Unterkünften der Behinderten bezogen haben. Denn hier fühlt man sich auch als Unbeteiligter behütet und aufgehoben.

Ines Eifler

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