Fundstück: Lohsa
Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)
Wer mit der Bahn aus Richtung Falkenberg oder Horka nach Lohsa O/L kommt, muß erkennen, daß die ganze Umgebung im Zeichen der Abholzung steht. Der Kiefernwald gab der Gegend bisher das charakteristische Gepräge. Aber das Bild wandelt sich ohne Aufhören. Wo jetzt noch Kiefern rauschen, wird früher oder später ein Bagger oder eine Förderbrücke die Braunkohle freilegen, der Reichtum unserer Heimat neben dem Kiefernwald. Man kann nicht mehr auf jedem Wege ins Dorf gelangen, denn die Tagebaugruben liegen dazwischen, und Fremde verlaufen sich zuweilen, ehe sie ins Dorf finden. Die Alten erzählen, wie schön Lohsa einmal war mit dem Park, den Teichen und den uralten Bäumen. Wehmut überkommt uns, wenn wir nach Neida blicken, westlich Lohsa, denn unaufhaltsam nähert sich die Förderbrücke dem Ort, und ein Haus verschwindet nach dem andern. Neulich heiratete dort noch ein junges Paar. Ehe dieses Jahr noch vergeht, wird das Haus auch verschwunden sein, und im nächsten wird man nur noch ungefähr, nach den Sandhalden zeigend, sagen können, wo Neida einst gestanden hat. Lohsa entstand durch slawische Siedler, die in die undurchdringlichen Wälder unserer Heimat vordrangen. Wendisch heißt der Ort Laz = Rodeland. Lohsa ist also der Ort auf gerodetem Boden. Der Ort ist schon sehr alt. Nur wissen wir wenig aus der ältesten Zeit, da am 13. Juni 1637 fast der ganze Ort niederbrannte und damit alle Urkunden verloren gingen. Die wendische Bevölkerung hat sich bis in die Gegenwart hinein gehalten. Aber das deutsche Element breitet sich weiter aus durch Zuzug von Grubenarbeitern usw. Andere finden ihre Beschäftigung im Forst, bei der Eisenbahn oder in der nahen Kreisstadt Hoyerswerda. Die Bauern, meist Wenden, suchen bessere Höfe in fruchtbareren Gegenden zu kaufen. Während die Dörfer Neida, Ratzen und Lippen zum Teil oder ganz verschwinden werden, wächst der Ort Lohsa noch und hat mit dem alten Dorf, dessen Kennzeichen Kirche und Schloß sind, und der Siedlung eine ansehnliche Größe. Nun werden Häuser an der Chaussee nach Weißkollm erstehen, und viele freuen sich schon auf eine nette Wohnung dort. Man spürt es jedem Bewohner des Dorfes ab: Je trostloser die Umgebung wird, um so hübscher soll es innerhalb des Ortes werden, und jeder will sein Teil dazu beitragen.
So alt wie das Dorf ist auch seine Kirche. Sie wurde im 12. oder 13. Jahrhundert vom Domkapitel Budißin = Bautzen aus erbaut.
Bautzen wieder unterstand dem Bischof zu Meißen, der sich die Förderung des Christentums unter den heidnischen Wenden sehr angelegen sein ließ.
1637 wurden die Kirche, die Pfarre, die Schule und die übrigen Gebäude, die zur Kirchengemeinde gehörten, ein Raub der Flammen. So können wir aus keiner Urkunde mehr ersehen, welche die Besonderheit und Zierde der ursprünglichen Kirche einst gewesen sind. Und auch die dann angelegten Akten wurden wieder, als der Herr von Kyau vom Lohsaer Schloß wegzog, mit dem herrschaftlichen Archiv verbrannt. Der damalige Kirchvater Boran aus Mortka hat einen ganzen Tag die Akten aus dem herrschaftlichen Archiv in die Schloßküche getragen, wo sie auf dem Herde verbrannt worden sind. Aus dem Schloß ist übrigens auch die wertvolle Sammlung von Wirbeltieren des 1855 verstorbenen Barons Alexander von Loebenstein verschwunden, der sich einen bedeutenden Namen als Naturforscher gemacht hat. Durch den Brand geriet die Kirche in einen erbarmungswürdigen Zustand, da sämtliche Gebäude, Glocken, Geräte, Inventar und Kostbarkeiten dahin waren. Beschwerlich, Armselig und langsam war ihr folgender Auf- und Ausbau. Bei der Kirchenrechnung am 2. Oktober 1637 betrug das Barvermögen der Kirche 23 Taler, an Interessen in der Gemeinde 67 Taler, die nun bald eingefordert wurden. Schulmeister und Kirchväter gingen in den Dörfern der Kirchengemeinde mit Brand–Briefen umher, erbettelten Kollekten, die nach vielem Laufen nicht mehr als 41 Taler erbrachten. Die Beiträge der
Gemeinde waren sehr schlecht, weil die unglückliche Zeit des Dreißigjährigen Krieges jedermann sehr mitgenommen und in Armut gebracht hatte. Die Dörfer waren kaum noch bewohnt. In Mortka waren damals nur 3 Wirte nebst den Gemeindehirten. Zu der Zeit ging das Dorf Leßke ein. Vorher, 1633, hatte in Lohsa sie Pest gewütet und schon einen großen Teil der Einwohner weggerafft. Wegen der unruhigen Zeiten und der Durchmärsche fremder Soldaten wurde viele Wochen lang kein Gottesdienst gehalten. Jene Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges werden manchen an Erlebnisse des letzen Krieges denken lassen.
Die Pest begann schon 1631 in der Gegend zu wüten. So mußte sich der Pfarrer Lohmann aus Spreewitz in diesem Jahre über Hammer und Burg allmählich nach Hoyerswerda zurückziehen, hielt auf freiem Felde die Predigten, Taufen und das Abendmahl. 1644 marschierten Croaten, 1645 schwedisches Kriegsvolk durch die Gegend. Trotz aller Armut bemühte sich
der Herr von Bomsdorf sehr um Kirche und Pfarre. Die Kirche wurde vom Schutt geräumt, ausgebessert und gedeckt. Vom Holz aus der Mortkaer Heide wurde die Pfarrwohnung erbaut. Dem Schulmeister wurde in Saßerow ein Häuschen angewiesen, welches ihm die Kirche zurechtmachen und reparieren ließ. Ein neuer Beichtstuhl und ein Abendmahlskelch aus Zinn wurden in die Kirche gebracht. 1938 wurden das Glockenhaus und der Turm abgebunden, die Turmspitze wurde mit 13 Blatt Weißblech beschlagen und ein eisernes Kreuz daraufgesetzt. Aus den im Feuer geschmolzenen Glocken wurde in Bautzen eine große neue gegossen. Lohsa hat also bisher mindestens 4 Mal neue Glocken beschaffen müssen. 1639 werden wegen Geldknappheit nur 6 neue Fenster gemacht, 1640 nur die Kanzel und ein Teil des Schindeldaches. 1651 wurde die Decke fertiggestellt. Alles war gering und ohne Zierde. Besser wurde es durch den Landesältesten Johann Christian von Schönberg, der 1652 die Güter von Lohsa übernahm. Er stiftete 1666 den noch heute vorhandenen schönen Altar, die Kanzel und einen darunter befindlichen Beichtstuhl, dazu einen kleinen goldenen Abendmahlskelch. Um 1700 hatte sich das Land merklich erholt; die Menschen waren wieder zahlreicher in den Ortschaften, und der Herr von Kyau wollte die Kirche größer und schöner haben. Er baute große Gerüste um die Kirche, nahm das Ziegeldach ab und ließ das Dachwerk samt dem Turm in die Höhe schrauben, ließ 6 gleichgroße Fenster in die Mauern hauen, erhöhte die Kirchenmauern um 2 Ellen, baute außen 10 starke neue Pfeiler von Grund auf und ließ das Dach wieder eindecken. 1711 wurde die Kirche durchgehend gewölbt, neue Chöre wurden eingesetzt, alles Holzwerk in der Kirche wurde gelb und mit schwarzem Laubwerk gestrichen. Aufmerksame Besucher finden diese Bemalung noch an der Innenseite der Chöre. Im Jahre 1712 übertraf diese so ordentlich eingeteilt, reinliche und lichte Kirche viele umliegende Nachbarkirchen. 38 Jahre lang erfreute das schöne Gotteshaus die Gemeinde bis Herr von Kyau sich an der Nordseite der Kirche hart an der Kirchmauer eine Gruft bauen und dabei einen Pfeiler abbrechen ließ. Auch an der Südseite wurde bei der Herrichtung eines herrschaftlichen Betstübchens die Kirchmauer durchbrochen. Nun konnten die Mauern die große Last des Gewölbes nicht mehr tragen, und letzeres begann zu sinken. Am Sonntag Invocavit 1750, gleich nach dem Textliede, fiel ein großes Stück Putz des Gewölbes auf Manual und Pedal der Orgel. Das Kyausche Wappen über der Orgel wurde dabei so abgeschlagen, dass es mit den Oberflügel nach unten an einem Draht hängen blieb.
Das Gewölbe wurde nun abgetragen und die Decke flach aufgezogen, wie wir sie noch heute finden, schon wieder in Sorge, dass die riesigen Balken die große Last nicht mehr sehr lange tragen könnten.
Die Friedhofsmauer um den alten Friedhof stammt aus dem Jahre 1674. In ihr befinden sich gegenüber der Kirche zwei Sühnekreuze mit eingemeißeltem Schwert, wahrscheinlich als Sühne für einen Mord gesetzt. Um die Jahrhundertwende wurde der Neue Friedhof angelegt. Gleich hinter ihm ostwärts beginnt die neue Braunkohlengrube.
Etwa 20 evangelische Pfarrer sind nachzuweisen. Nur vom bekannten Andreas Seiler, der viele wendische, gern gesungene Lieder gedichtet hat, da kein Wende vorhanden war. Bis 1889 wurde sie von Pfarrer Ritscher, Uhyst, verwaltet. Unter Pfarrer Mahling (1919 – 1938) wurde in Weißkollm ein Friedhof angelegt und eine Kapelle gebaut. Zu den Festtagen findet auch dort Gottesdienste statt. Mahling hat auch seit 1933 als Mitglied der Bekennenden Kirche dem Vordringen der Deutschen Christen in der Gemeinde standhaft gewehrt, bis er durch die geheime Staatspolizei ausgewiesen wurde.
Durch den Zustrom an Menschen seit 1945 ist die Kirchengemeinde von 2700 auf fast 4000 Seelen angewachsen. Zu ihr gehören außer dem Kirchdorf: Mortka, Friedersdorf, Litschen-Womjatk, Driewitz, Lippen, Ratzen, Neida, Weißkollm, Dreiweibern, Tiegling, Schreibe und Kolpen-Geißlitz. In verschiedenen Dörfern werden Frauenhilfs- und Jugendkreise gehalten neben der Christenlehre, um den Ruf zu Gottesdienst und Sakrament recht vielen eindringlich zu machen. Sollte man aber alle Kreise in jedem Dorf halten – Schreibe z.B. ist etwas 8 km von Lohsa entfernt – würde das schon rein zeitlich unmöglich sein. Dennoch soll sich jeder Ort zum Worte Gottes gerufen wissen. Das Lohsaer Kirchlein macht in seiner merkwürdigen Geschichte doch etwas deutlich von der Vergänglichkeit und Hinfälligkeit alles menschlichen Unternehmens und weist uns hin auf DEN, der nicht fällt und vergeht. In einem der neuen Seitenfenster der Kirche steht das Wort Hebräer 13, 8, wendisch:
gestern und heute
und derselbe auch in Ewigkeit!
Kö. (Pf. Körner)
