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Fundstück: Lindenau

Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)

Wer zur Zeit der Lindenblüte in unser Dorf kommt, wird unter den bienenumsummten Bäumen, die die Straße zu beiden Seiten begleiten, den Namen Lindenau von ihnen herleiten. Er soll freilich von einem Adligen gleichen Namens stammen, der das Dorf im 13.Jahrhundert mit etwa 20 deutschen Siedlern anlegte.

Wer aber in der Pfingstzeit unseren Schlosspark besucht, der jetzt unter Naturschutz steht, dessen Auge und Herz wird erfreut von den in großen Gruppen blühenden pastellfarbenen Azaleen und Rhododendren. Will er jedoch durch das „Torhaus“ zum wasserumspülten Schloß und in den von drei Seiten durch die Pulsnitz eingefaßten Park, so führt in sein Weg an unserer Kirche vorbei.
Das Sandsteinportal an der Mitteltür lädt mit seinem Spruch „Der Herr behüte deinen Eingang und Ausgang“ zum Eintreten ein, und die Jahreszahl AD 1668 verrät das Alter der Kirche. Das Wappen und die Buchstaben L.G.V.M. weisen auf ihren Erbauer hin. „ . . Lott Gotthard von Minkwitz“, Herr auf Lindenau, Drehna und Tettau hat dies Haus 1668 Gott zu Ehren auf eigne Kosten zu bauen angefangen und solchen Bau binnen Jahresfrist durch Göttliche Gnade glücklich vollendet.“ So erzählt die Tafel über der Kanzeltreppe vom Entstehen der Kirche. Eine Grabplatte in der Wand des Altarraumes zeigt die lebensgroße Figur des Stifters. Damit sind wir gleich beim Eintreten in die Kirche von Erinnerungen an die Geschichte der Gemeinde umfangen.
Das älteste Bild zeigt in Sandstein den evangelischen Ritter Peter von Hellwigsdorff, Pfandesherrn von Lindenau, der im Dreißigjährigen Krieg 1631 bei Lindenau seinen Glauben mit seinem Blut besiegelt hat. Die zinnerne Taufschale aus demselben Jahr, von seiner Schwester Anna von Ponickau, geb. von Helligsdorff, geschenkt, beweist, daß schon vor dieser Kirche ein Gotteshaus hier gestanden hat. Noch einige ähnliche Grabtafeln und das gewaltige Grabmonument im Altarraum mit einer lebensgroßen marmornen Ritterfigur nennen den Namen Minkwitz. Die Wappen in den Fenstern des Altarraumes erinnern an die Familie der Fürsten Lynar, der der letzte Patron unserer Kirche war.
Das Altarbild ist eine Kopie von Correggios Gemälde „Heilige Nacht“, früher im Grünen Gewölbe in Dresden, wo die Besitzer von Lindenau zumeist Hofämter inne hatten. Es weist auch den stillen Beschauer eindringlich auf den Herrn hin, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt.“

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Alles Licht auf dem Bilde strahlt von dem Kinde in der Krippe aus und trifft Maria, die Hirten und selbst die schwebenden Engel. So möchte Jesus Christus in seiner Gemeinde im Gottesdienst und Sakrament gepriesen sein.
Gleich neben der Kirche liegt das Pfarrhaus, in dem sich ein groß Teil der Gemeindearbeit abspielt. Es ist 1929 erbaut und birgt einen ansehnlichen Gemeindesaal. Aller kirchliche Unterricht an den Schulklassen und Konfirmanden kann hier stattfinden. Frauenabend, Jungmädchen- Jungmännerkreis, Kirchenchor, Kirchenratssitzung und in der kältesten Zeit der Gottesdienst vereinigen aus hier unter Gottes Wort und im Gespräch über unser Leben als Christengemeinde in der Welt. Wird die Kirche selbst bald 300 Jahre alt sein, so sind es bei der Gemeinde über 600 Jahre. 1346 wird bereits ihr Name als besondere Kirche in der Matrikel des Bistums Meißen genannt. Kapläne der Dompropstei Ruhland versorgten sie. Schon 1550 jedoch hielt die Reformation Martin Luthers ihren Einzug; als erster evangelischer Prediger für Lindenau wurde damals Pfarrer Wolfgang Menken in Wittenberg ordiniert. Seitdem hat die Gemeinde ununterbrochen evangelische Geistliche. Die Chronik nennt ihre Namen. Zur Zeit des Kirchbaues ist es M. Paulus Herpestus. Während des Dreißigjährigen Krieges amtierte Joh. Leuschner, von 1681 – 1731 50 Jahre lang Samuel Roscho. 1870-80 war ein Pfarrer namens Cherubim in unserer Gemeinde. Von ihm erzählt sein Sohn: Wie der junge Geistliche die Ortrander Bürgermeisterstochter heimgeführt habe,  hätte Mackensen, der 1866 hier eingesegnet worden ist und der dasselbe Mädchen geliebt habe, den Ausspruch getan: gegen Erzengel kämpfe man eben vergeblich. In seinem Alter hat der spätere Feldmarschall, der sein Leben lang ein treuer Christ war, Lindenau noch einmal besucht und sich dankbar seiner Jugendzeit hier erinnert. 1908 wurde die Kirche unter J. Vetter, dem jetzt emeritierten Superintendenten, der hier seine 1. Pfarrstelle hatte, völlig renoviert. P. Lotze baute 1929 das Pfarrhaus. Dann folgten Pfarrer Muth und Pfarrer Helmut Doehring, der 1943 berufen und eingeführt wurde, aber eigentlich erst 1948 nach Rückkehr aus der Gefangenschaft das Amt richtig übernehmen konnte. In der Zwischenzeit hatte Pfarrer Muth die Gemeinde in schwerer Zeit treulich versorgt. Er hielt die Gedenkfeiern für fast 50 gefallene Söhne und Männer der Gemeinde und tröstete die Angehörigen mit Gottes Wort. Zu den Höhepunkten im Leben der Gemeinde seit dem Kriege gehört 1950 die Rückkehr der 1940 abgelieferten großen Glocke aus Hamburg. Sie trägt die Aufschrift: „Gott zu Ehren will ich klingen / hier in diese Eitelkeit / bis all Auserwählte singen: / Lob und Preis in Ewigkeit. 1669 Lott Gotthard v. Minkwitz…“

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Sie ist mit einer zweiten Glocke schon beim Bau der Kirche vom Patron gestiftet worden. Am Abend ihres Eintreffens versammelte sich eine große Gemeinde in der Kirche und begrüßte diesen fast 300 Jahre alten „Heimkehrer“. 1950 erlebte die Gemeinde die Generalkirchenvisitation durch den Bischof der Schlesischen Kirche. Der Gemeindekirchenrat und der Helferkreis waren fast den ganzen Tag im Pfarrhaus mit den Visitatoren beisammen und nahmen regen Anteil an den Beratungen bis zum Schlußgottesdienst, der wieder eine große Gemeinde vereinigte. 1952 brachte die Einweihung einer Glocke für die zur Kirchengemeinde gehörende Gemeinde Tettau. Dazu sammelten sich wohl 300 Gemeindeglieder/ am Sonntag Nachmittag vor dem Turm inmitten des Dorfes. Superintendent König hielt die Weiherede mit dem Spruch: „Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket euer Herz nicht.“ Die Bronzeglocke trägt das Bibelwort: „Ich will den Herrn loben allezeit,“ dazu die Jahreszahlen 1969-1922-1952. Unter Vorantritt eines Bläserchors zogen dann Kinder und Kirchenrat, Kirchenchor und Gemeinde in den Saal, wo alle die Predigt des Superintendenten anhörten. Als Kollekte und Spende kam schon in diesem Gottesdienst die Hälfte der erforderlichen Kosten zusammen. Diese Opferfreudigkeit zeigte die Dankbarkeit der Gemeinde, die nach jahrelangem Bemühen nun wieder eine Glocke hat. Der Herr segne ihr Rufen zu Seinem Wort. In T e t t a u wird neben Christenlehre und Konfirmandenunterricht vierzehntägig auch Gottesdienst gehalten, wobei die Taufen jeweils vor der ganzen Gemeinde stattfinden. Passionsandachten, Frauenabend, Jungmädchenabend sammeln außerdem die Gemeinde. Bis 1945 hielt der Lehrer bei Beerdigungen die Feier am Hause selbständig. Der Leichenzug wanderte darauf zum Friedhof in Lindenau, wo der Geistliche mit den Singkindern ihn erwartete. Heute besitzt die politische Gemeinde Tettau schon seit den Tagen, als der Weg bis Lindenau gefährlich war, einen eigenen Friedhof. Auf ihm sind wie in Lindenau auch alle bekannten und unbekannten Soldaten aus den letzten Kämpfen in der Heimat beigesetzt.
1950 begannen wie eine notwendige Instandsetzung am Mauerwerk und Außenputz der Kirche in Zusammenarbeit mit dem Denkmalspflegeamt in Dresden. 1952 soll nun die Ausmalung der Kirche in getreuer Anlehnung an die ursprüngliche Art in Angriff genommen werden.

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Die Gemeinde hat in den letzten l00 Jahren die Wandlung von einer rein landwirtschaftlich bestimmten mit Gutsherrschaft und selbständigen Bauern zu einer gemischten Gemeinde erlebt, in der neben die Landwirte ebensoviel Arbeiter aus den benachbarten Industrien getreten sind. Sie hat in ihrem Kern eine treue Kirchlichkeit bewahrt, die durch das Hinzukommen von Familien aus Schlesien und Ostpreußen noch verstärkt wurde. Alle Kinder sind zur Christenlehre angemeldet, alle Kinder werden getauft, alle Paare begehren die kirchliche Trauung. Austritte sind auch in der Zeit vor 1945 eine Seltenheit geblieben und zum Teil später durch Wiedereintritt rückgängig gemacht worden. So freut sich die Gemeinde aller Regungen kirchlichen Lebens und hält gern Verbindung zu den Brüdern und Schwestern außerhalb. Über 50 Gemeindeglieder nahmen am Kirchentag in Berlin teil.
Aber sie sieht auch gern Gäste, wie nun schon drei Mal am Trinitatisfest die Mädchen der Jungen Gemeinde aus dem Kreis. 1951 waren es über 250. Freilich erschwert die entfernte Lage für unser übriges Kirchenspiel die Anreise; denn wir liegen ja nicht nur jenseits der Bahnlinie Cottbus – Dresden, sondern sogar noch jenseits der Autobahn Berlin – Dresden. Aber dafür halten wir treue Nachbarschaft mit den provinzsächsischen und landessächsischen Gemeinden.
Der Herr der Kirche segne ferner die Verkündigung der Botschaft von Jesus Christus bei uns! „Gebe der getreue Gott“, so scheißt die gemalte Stiftungsurkunde in der Kirche, „daß alle, so in diesem Hause ein- und ausgehen, Lehrer und Zuhörer, gläubig und selig werden“.

Pf. Helmut Doehring

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