Fundstück: Klitten
Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)
Klitten mit Bahnstation an der Strecke Horka-Hoyerswerda liegt im südlichen Zipfel des Kirchenkreises Weißwasser. Zum Kirchspiel Klitten gehören die eingemeindeten Ortsteile Jahmen, Kaschel, Ölbrück, die Dörfer Dürrbach mit dem Ortsteil Thomaswalde, Kringelsdorf mit dem Ortsteilen Eselsberg und Wilhelmsfeld, ferner die Gemeinden Klein Radisch und Zimpel. Vom Weigersdorfer Fliess im Süden und vom vereinigten Schöps im Norden umflossen, geben zahlreiche Teiche inmitten von Wäldern, weiten Wiesen und Feldern der Landschaft ihr Gepräge. Der Name Klitten, wendisch Kljetnow, zeigt an, das das Dorf einst von den Sorben gegründet worden ist. In den Görlitzer Gerichtsbüchern heisst das Dorf 1451 Kletin, 1479 Kletten und Klethen, 1493 uf dem durffe Cletin“. Der Name ist von dem altslavischen Worte Kleti-Vogelbauer, kleines Haus abzuleiten, er bedeutet also ein Dorf mit kleinen Häusern. Die Bewohner des Dorfes hatten unter den Drangsalen des dreißigjährigen Krieges sehr zu leiden. Im Kirchenbuch von Creba berichtet Pfarrer Büttner aus jener schweren Zeit: „Als die Schweden nach dem benachbarten Klitten zogen, zündeten etliche Bösewichter ein Feuer bei der Kirche an, so dass die ganze Pfarre, zwei Bauernhöfe und der Kretscham abbrannten“. Von der Pest blieb Klitten verschont, doch forderte sie im nahen Boxberg ihre Opfer. „Als nun die Boxberger ihre Pestleichen nach Nochten schaffen wollten, wo sie hin gehört hätten, da wurde die Aufnahme auf dem dortigen Friedhof verweigert. Ebenso erging es ihnen in Schleife und Merzdorf. Nun wandten sie sich nach Klitten, wo ihnen freundlich ein eigner Friedhof gewährt wurde.“ Die Folge war, dass sich von jetzt an die Boxberger nach Klitten zur Kirche hielten.
Die massiv erbaute Kirche mit Zwiebelturm und hohen Dach liegt etwa in der Mitte des Dorfes mit dem sie umgebenden weiten Friedhof, der allen Verstorbenen im weiten Kirchspiel Ruhestatt bietet. Wann die Klittener Pfarre errichtet worden ist, wird ungewiss bleiben. Eine Chronik existierte bisher nicht. Pastor Dr. Alpermann hat auf Grund von Akten und Kirchenbüchern sowie alten Schöppenbüchern eine Chronik geschrieben, die einen kostbaren Schatz für die Gemeinde und darüber hinaus für die Geschichte der Oberlausitz bildet. Darnach war hier 1415 ein gewisser Petrus Windisch. Plebanus in Klethin, zugleich als Altarista in Görlitz amtierte. Die Klittener Pfarre muss früher bedeutend größer gewesen sein. Sie umfasst einen alten Teil um Klitten herum mit den Ortsnamen wendischen Ursprungs und einen jüngeren Teil mit Namen durchwegs deutschen Ursprungs: Merzdorf, Schöpsdorf, Bärwalde, Boxberg, Kringelsdorf, Dürrbach, Eselsberg und Reichwalde. Merzdorf und Reichwalde wurden später eine eigene Pfarre. Die Einwanderung deutscher Kolonisten begann um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts. Damals dürften die Orte mit deutschen Namen durch Urbarmachung bzw. Holzung entstanden sein. Über die Entstehung des Gotteshauses herrscht Ungewissheit. Die 1904 in einem Glasfenster angebrachte Innschrift, die Kirche stamme aus dem Jahre 1346 ist irrig, denn in den Matrikeln des Bischofs von Meissen ist Klitten noch nicht genannt. Über die Einführung der Reformation ist auch nichts Genaues bekannt. Sie scheint sehr spät erfolgt zu sein. Der erste evangelische Prediger, von dem die Akten berichten, ist Johann May um 1606. In der „Chronik der Parochie“ werden seit der Reformation 17 Klittener Pastoren aufgeführt, über die unsere neue Chronik manches zu berichten weiss. In die Amtszeit des 17. Pastors Ernst Gotthelf Pech (1810-1848) fällt die Separation der Altlutherischen Gemeinde. Es waren nicht allein dogmatische Gründe, die zur Separation führten, sondern auch lokale. Nach Gottes Wort hungrige Gemeindeglieder liessen sich von anderen Pfarrern, die über die sächsische Grenze kamen, mit Gottes Wort versorgen. Die frommen Kreise schlossen sich in den dreissiger und vierziger Jahren darum der altlutherischen Kirche an, die mit dem sächsischen Pfarrer Kilian zuerst in Kotitz, dann in Weigersdorf eine Gemeinde bildete. Mit einem Teil der Gemeinde wanderte später Pfarrer Kilian nach Texas aus, wo er die Kolonie Sorbin gründete. Von den 300 Seelen, die auswanderten, fand ein großer Teil im Meer sein Grab. Die Kirchenbücher zählen 1845:97 später noch 20 Personen, die ihren Austritt aus der Landeskirche erklärten. Schon im Jahre 1847 konnte die Weihe eines Gotteshauses vollzogen werden, das nahe der Jahmenschen Grenze errichet wurde. Das Gotteshaus, ein schmucker Fachwerkbau, hat den Krieg fast unversehrt überstanden, nachdem im Jahre 1930 der morsche Dachreiter durch einen Glockenturm ersetzt worden war. Heute zählt die altlutherische Gemeinde ca. 250 Seelen Beide Gemeinden verkehren brüderlich miteinander. Die Glocken beider Türme sind aufeinander abgestimmt und rufen gleichzeitig die Gläubiger zum Gottesdienst und zum Gebet.
Den 17 in der Chronik aufgeführten Pastoren schlossen sich weitere 8 an. Der derzeitige Ortspfarrer Wilhelm Fuhrmann ist somit der 25. Geistliche nach der Reformation.
Das Gotteshaus ist 1945 ein Opfer des Krieges geworden und bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Damit verlor die Gemeinde eine Kirche, die zu den schönsten barocken Dorfkirchen Schlesiens gehörte. Aus der Geschichte dieses Gotteshauses möge das Wichtigste erwähnt sein. Der Altarraum, die Mauern aus Feldsteinen stammen aus vorreformatorischer Zeit. Das eigentliche Kirchenschiff ist 1555 von Kasper v. Nostiz als Patron aufgebaut worden. Die mittlere Glocke des 1904 abgegebenen Geläutes trug auch diese Jahreszahl.
Demselben Mann verdankt auch die Gemeinde das kostbare Altarbild. Es ist ein Flügelaltar, in der Schule des Lucas Cranach entstanden, auf Holz gemalt. Das Mittelbild zeigt die Einsetzung des Abendmahls: Christus, umgeben von den Zwölf, die beiden neben ihm sitzenden Jünger in reformatorischer Tracht als Luther und Melanchthon gezeichnet, die anderen Zehn in zeitloser Jüngertracht Judas trägt die Züge des Kurfürsten Moritz v. Sachsen. Der Fensterdurchblick wie die Darstellung der Gesichter ist eine typisch Cranachssche Eigenart. Das rechte Seitenbild stellt die Geburt Christi dar, darunter das Bild der Frau v. Nostiz, das linke die Auferstehung Christi, darunter das Bild des Stifters, des Gatten der oben Genannten. Die beiden Seitenbilder zusammen zeigen auf der Rückseite die Verkündigung an Maria. Dieser Altar konnte durch Verlagerung 1945 gerettet werden und bildet heute wieder die würdige Stätte der Anbetung des dreieinigen Gottes. Neben wertvollen Epitaphien
der Geistlichen und Patronatsfamilien, die erhalten blieben, barg die Kirche auch einen wertvollen Taufengel, der, im Jahre1699 vom Patron gestiftet, die Gesichtszüge der Gräfin Königsmark, einer Geliebten August des Starken trug und ein Meisterwerk des Bautzner Bildhauers Pausewein war.
Unter Johann Karl v. Metzradt wurde die Kirche in den Jahren 1769-1773 erneuert. Die letzte große Renovation fand in den Jahren 1904 statt durch Wilhelm v. Jena, Gutsherr auf Jahmen, und Pastor Friedrich Mahling. Damals wurde das ganze Gotteshaus erneuert, der gesamte Altarraum ausgemalt, die Sakristei umgebaut und ein neues Geläut geschaffen. Nachdem die Glocken im ersten Weltkrieg abgeliefert werden mussten, erhielt 1924 die Kirche ein neues Geläut aus Gußstahl in den Tönen fis-a c (18,12 u. 8 Ctr.) Beim Brand unseres Gotteshauses am 29. IV. 1945 kamen die Glocken mit dem Stuhl langsam nach unten und blieben so erhalten. Sie tragen die Inschriften: Ps.85, 8, Hebr.13, 8, Jerem.22, 29. Die älteste Orgel stammt aus dem Jahre 1699. Im Jahre 1857 baute der berühmte Orgelbauer Ladegast aus Weissenfels eine neue Orgel. 1934 wurde der Kirchturm neu gedeckt. Er war 1713/14 an Stelle eines hölzernen Glockenturms, der nur 2 Glocken getragen hatte, erbaut worden. Das erste erwähnte Pfarrhaus brannte 1643 ab, das zweite im Jahre 1646 erbaute, musste dem jetzigen 1909 erbauten wegen Baufälligkeit weichen. Im Jahre 1933 wurde unter Pastor Ney die Pfarrscheune zum Gemeindehaus umgebaut. In seinen Räumen wird täglich die Christenlehre erteilt und sammeln sich am Abend die Werke der Gemeinde.
Das größte Ereignis in der gesamten Geschichte der Gemeinde bisher ist wohl der Wiederaufbau der zerstörten Kirche. Unter der tatkräftigen Führung von Pastor Dr. Alpermann und des Gemeindekirchenrates wurde der Wiederaufbau des Gotteshauses nach einem Rüstgottesdienst am 29. Juni 1947 in Angriff genommen werden. Schon am 20. IX. desselben Jahres wurde in Anwesenheit des Herrn Bischofs Hornig das Richtfest gefeiert. Am 28. XI. wurde die Wetterfahne mit der Zahl 1947 aufgesetzt. Am 12. III. 1950 wurde die Weihe des Hauses festlich begangen. Die vom Ortspfarrer gestellte Aufgabe war eine getreue Wiedergabe des äußeren Bildes der Kirche, das nach Fotographien und Mauerresten festzustellen war. Das Werk ist gelungen. Der Turm wurde etwas schlanker und höher als ehedem. Im Innern wurde das Altarschiff, das früher ca.80 cm. niedriger war als das Hauptschiff, mit diesem auf gleiche Höhe gebracht. Ein von dem Bildhauer Hilger in Hohenbocka geschnitzter und in Dresden vergoldeter Taufengel hielt auch seinen Einzug und schwebt nun bei den Taufen aus der Höhe des Altarraums hernieder. In seinen ausgestreckten Händen hält er die alte zinnerne Taufschale. Neben dem Altar verdient Erwähnung die aus Görlitz stammende barocke Kanzel (1708 geschnitzt von Johann Gottlob v. Rodewitz), die nach ihrer Restaurierung nun in Klitten wieder eine würdige Stätte gefunden hat.
Am 9. Juli 1950 fand in Verbindung mit der Einführung des jetzigen Ortspfarrers die Weihe der neuen Orgel statt, eines Werkes der Orgelbauanstalt Schuster in Zittau, die mit ihren 3 Manualen und 21 Registern wohl mit zu den schönsten Dorfkirchenorgeln zählt. Mit seinem in die Orgelempore eingebauten Rückpositiv fügt sie sich formvollendet in den Raum ein.
Die Nachwelt wird kaum ermessen können, welche Nöte, Sorgen und Schwierigkeiten der Bau bereitet hat. Die Opferbereitschaft der Gemeinde, die mit Geld und Naturalspenden, Hand und Spanndiensten unter Mitwirkung der Gesamtkirche den Bau ermöglichte, ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Gemeinde, das vorbildlich für manche andere Gemeinde sein muss, deren soziale und wirtschaftliche Lage eine bessere ist. Klitten ist eine Gemeinde von Arbeitern und kleinen Bauern. So stolz sie auch auf ihr neues Gotteshaus blickt, so hat sich noch nicht ein Denkmal ihres Opferwillens setzen wollen, der hier mit einmalig sein sollte. Stets zum Opfer bereit trägt sie heute neben der Schwesternstation auch die Katechetin und hält die Häuser offen für die Teilnehmer an Rüst und Freizeiten und ist aufgeschlossen für Arbeit und den Dienst der kirchlichen Werke der Jungen Gemeinde, der Frauenhilfe und des Männerwerkes.
(Ist das Gotteshaus auch in seiner alten Form wiedererstanden, so trägt es doch im Inneren die Züge der neuen Zeit. Im Gegensatz zu der Fülle barocker Verzierung früher lenkt es mit seinen schlichten Formen und allen lichten nur von einem zarten Blau und Gold durchbrochenen Farben heute die Sinne der Gläubigen ganz allein hin zum Altar und zur Kanzel, zum Wort und Sakrament. Der Besuch der Gottesdienste gibt Zeugnis davon, dass die Gemeinde hier zu Hause ist.)
Bemerkt sei noch, das an der Stelle der heutigen Gärtnerei in Jahmen das „deutsche Haus“,das Geburtshaus des Dichters des Liedes: „O, dass ich tausend Zungen hätte…, Johann Mentzer stand. Davon kündet heute eine Marmortafel mit seinem Geburtsdatum 27. Juli 1658 und Widmung.
