Kirchen: Horka setzt historische Wehranlage in Stand
Bauforscher und Archäologen graben ab Oktober in der 900-jährigen Geschichte der monumentalen Feldsteinmauer rings um die Kirche.
Von Bettina Ernst-Bertram
„Dies ist mein Leidenschaftsobjekt“, sagt Frank-Ernest Nitzsche, der Restaurator und Bauforscher, und streift mit Händen und leuchtenden Blicken über die Außenhülle der charaktervollen Wehrmauer. Die sechs Meter hohe und an ihrem Fuße 1,5 Meter dicke Mauer wurde vor 800 bis 900 Jahren aus ungebrochenen Feldsteinen errichtet, und zwar als Ringwall mit 58 Metern im Durchmesser. In der Mitte des monumentalen Mauerrings steht die evangelische Kirche des heutigen 2000-Seelen-Dorfes. Deren Ursprünge sind etwas jünger, frühgotisch, aus dem 13. Jahrhundert. „Die Wehrmauer ist eine intakte Anlage, weit und breit einzigartig und von einer außerordentlichen technisch-konstruktiven Qualität“, schwärmt Nitzsche, während er den Mitgliedern des Vereins „Historische Wehranlage in Horka e.V.“ die Richtung der Schichtung der Steine erklärt und sie für die archäologischen Grabungen am Fundament begeistert, die in zwei Wochen beginnen werden. Die sollen weiteren Aufschluss in bautechnischer und geschichtlicher Hinsicht bringen. Dass es versierte und hochqualifizierte Handwerker gewesen sein müssen, die diese stabile Anlage übereinander gesetzt haben, steht für Nitzsche außer Frage. Doch dass solche Fachleute um 1150 in dieser Gegend bereits gelebt haben, bezweifelt er. Ob es sich um eine frühere (böhmische?) Burganlage – womöglich von landesherrlichem Charakter – handelte und ob die pfiffigen Handwerker Kenntnisse oberitalienischer Bautechnologien im Gepäck hatten? Am Freitagabend an der Mauer in Horka – da war Gelegenheit, den Steinen jede Hypothese vorzutragen. Später sei die Wehrfunktion aufgegeben worden – „warum?“ – und die Anlage ging in den Kirchenbesitz über.
Heute braucht die Wehranlage dringend Hilfe. Risse machen die Maueroberfläche porös. Die Zinnen-Etage, die zur Zeit der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert aufgestockt wurde, bröckelt. Das Dramatische ist, dass die physikalischen, chemischen und biologischen Schädigungen immer schneller voranschreiten, sagt Frank-Ernest Nitzsche. Wenn die Mauerkrone angegriffen ist und Feuchtigkeit in die Kernmauer dringt, wird’s richtig kritisch und akut. Deshalb soll nun im Frühjahr 2011 die Instandsetzung beginnen. Der Mörtel wird im Institut für Diagnostik und Konservierung in Dresden schon probeweise angerührt. Heute wachsen Bäume an der alten Mauer, deren Wurzeln den Ring zu zersprengen drohen. Die müssen weg.
269.000 Euro sind für die Instandsetzung veranschlagt. Unterstützung wird u.a. vom Programm „Integrierte Ländliche Entwicklung“ (ILE) erwartet, 50.000 Euro hat der rührige Verein „Historische Wehranlage“ bereits selbst zusammen getragen, 10.000 Euro kommen von der Kirchengemeinde. 24.000 Euro sollen allein an Eigenleistung erbracht werden.
Fototext: Frank-Ernest Nitzsche, Diplom-Restaurator und Bauforscher, erklärt am 17. September 2010 an der Historischen Wehrmauer das Schichtungsprinzip der Feldsteine, aller 2,70 m kommt ein neuer Abschnitt.
Foto: Bettina Ernst-Bertram
