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Fundstück: Hermsdorf bei Ruhland

Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)

Lage und Geschichte

Ungefähr 6 km südwestlich vom Bahnhof Ruhland liegt Hermsdorf, umgeben von ausgedehnten Wäldern. Es ist ein ausgesprochenes Reihendorf mit 380 Einwohnern und besitzt Kirche, Friedhof und Pfarrhaus. Zu der Kirchengemeinde Hermsdorf gehören die beiden Ortschaften Lipsa und Zeisholz mit insgesamt 660 Einwohnern, vor denen die erste 1,5 km, die zweite 4,5 km von Hermsdorf entfernt ist.
Die Anfänge von Hernsdorf liegen weit zurück. Nach glaubwürdigen Aufzeichnungen soll es bereits um 1400 bestanden haben und zwar als Besitz der Familie von Gersdorff. So erfahren wir, daß im Jahre 1606 ein Georg v. Gersdorff seine beiden Güter Hermsdorf und Lipsa an Hieronymus v. Gersdorff „wegen Schuldenlast“ verkaufen muß. Nach dem Tode von Hieronymus v. Gersdorff übernimmt sein Sohn Siegmund im Jahre 1620 und von 1623 ab dessen Bruder Wolf Caspar das Gut Hermsdorf, das bis Ende des 19.Jahrhundert in den Händen der Familie v. Gersdorff bleibt. Das Gut Lipsa geht dagegen bereits im Jahre 1671 in den Besitz des kursächsischen Kammerjunkers und Oberstwachmeister Leonhard Wilhelm v. Falckersemb über, der es um 1692 an seinen Sohn Jacob verkauft. Im Jahre 1718 wird als Schlossherr von Lipsa ein Wulf Heinrich von Baudissin genannt, und seit 1726 wechseln die Namen der Gutsbesitzer ständig. Als letzte Gutsherrschaft von Hermsdorf und Lipsa wird eine Familie von Schumann erwähnt. Hermsdorf entwickelte sich nach Aufhebung der Leibeigenschaften zu einem typischen Bauerndorf. Diesen Charakter hat es sich trotz aller bisherigen Umwälzungen bewahrt, wenn auch der Anteil der Werktätigen in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen hat.

Kirche und Pfarrer

Über das Entstehungsjahr der Kirche schweigen die Quellen. Im 15.Jahrhundert soll eine kleine Kapelle an der Stelle des jetzigen Altarraums gestanden haben. Erst das 18. Jahrhundert gibt uns eine sichere Nachricht über den Bau des Gotteshauses in seiner heutigen Gestalt. Aus der „Chronik der Parochie Kroppen“ erfahren wie folgendes: „Das jetzige Kirchengebäude daselbst mag etwa im Jahre 1732 neu gebaut worden sein; denn 1732 d. visit. Mariae wird zum Hermsdorfischen Kirchenbau auch in der Kirche zu Kroppen collectiert.“ Seit dieser Zeit sind keine großen baulichen Veränderungen an der Kirche vorgenommen worden. Im Jahre 1931 wurde sie innen wie außen neu hergerichtet. Sieben Jahre später schlug der Blitz in das Kirchendach und beschädigte es nicht unerheblich. Der Schaden konnte aber bald behoben werden. Eine der beiden Glocken, die die Kirche vor dem letzten Kriege besaß, mußte während des Krieges abgeliefert werden. Sie wurde etwas beschädigt 1950 an die Kirchengemeinde zurückgegeben und wird nach ihrer Instandsetzung bald wieder ihren Dienst tun.
Außerordentlich wichtig ist die Feststellung der Chronik von Kroppen, das Hermsdorf eine selbständige, jedoch mit Ruhland eng verbundene Mutterkirche ist; denn „der Archidiaconus zu Ruhland ist zugleich wirklicher Pfarrer zu Hermsdorf“. Die Reformation muß in Hermsdorf sehr früh Eingang gefunden haben. So begegnet uns bereits im Jahre 1540 der erste evangelische Pfarrer zu Hermsdorf, Mattheus Zschorne. Von ihm heißt es: „Vorher Schulmeister, ward er 1540 von Dr. Pomerano zu Wittenberg zum Diaconus nach Ruhland geweiht.“ Ihm folgen eine große Anzahl von Geistlichen, als letzter Pfarrer Blasius, der von 1895 – 1929 in Hermsdorf amtierte. Seit dieser Zeit ist die Pfarrstelle unbesetzt. Sie wurde bis 1932 und von 1941 bis 1947 von Ruhland mitbetreut und in den Jahren 1932 bis 1940 vikarisch versorgt. Vom 15.11.1947 bis 15.10.1950 nahm Pfarrvikar Mirle, jetzt Pfarrer in Geierswalde, die Amtsgeschäfte wahr. Seit dem 1.11.1950 ist Pfarrvikar Lichterfeld in Hermsdorf eingesetzt.

Die neueste Entwicklung

Krieg und Zusammenbruch haben auch die Kirchengemeinde Hermsdorf in Mitleidenschaft gezogen, jedoch keine ernsten Zerstörungen verursacht. Nur das Schloß fiel den Flammen zum Opfer. Bereits in den Monaten Mai und Juni 1945 kehrte ein großer Teil der Ansässigen in ihre Wohnstätten zurück. Zu ihnen gesellten sich im Laufe der Jahre 1945-1947 die Ausgeheimateten, die in allen drei Dörfern untergebracht wurden. Durch sie nahm der katholische Bevölkerungsteil, besonders in Lipsa, erheblich zu. Aber ebenso ist zu betonen, daß die Evangelischen unter ihnen sehr zur Förderung des kirchlichen Lebens beitrugen. Im Verlauf der neuesten Entwicklung wurde ferner im ehemaligen Schloß in Lipsa ein Feierabendheim eingerichtet. Es wird auch gottesdienstlich betreut. Schließlich verdient hervorgehoben zu werden, daß die kleine nur 180 Seelen zählende Gemeinde Zeisholz, die zum Kreise Kamenz gehört, sich im Jahre 1950 trotz ihrer geringen finanziellen Mittel auf ihrem Friedhof eine eigene Kappe erbaut hat. In diesem freundlichen Gotteshaus findet alle 4 Wochen Gottesdienst statt; auch Amtshandlungen dürfen in ihr vorgenommen werden.
So haben die gewaltigen Umwälzungen des letzten Jahrzehnts dazu beigetragen, daß die Kirchengemeinde Hermsdorf sich auf ihrem Wege in die ungewisse Zukunft mehr als bisher des ewigen Lichtes erfreuen darf, das der Welt einen neuen, hellen Schein gibt. Möge der Herr dieses Licht nie verlöschen lassen, sondern stets neu anfachen durch sein Wort.

Lichterfeld, Pfarr-Vikar, 8.12.1950

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