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Vorstellung: Hans-Christian Doehring. „Pfarrer statt Pferdezüchter“

Pferdezüchter war sein Traumberuf in der 9. Klasse. Doch statt um Vierbeiner sorgt er sich seit 30 Jahren um Zweibeiner. So lange ist Hans-Christian Doehring schon Pfarrer in Hähnichen.

Vorstellung: Hans-Christian Doehring. „Pfarrer statt Pferdezüchter“

Pfarrer Hans-Christian Doehring

Von Thomas Staudt

Dass er hier einmal landen würde, war für den heute 60-Jährigen undenkbar. Er macht was her in seinem schwarzen Anzug, der stattliche Mann mit dem inzwischen ergrauten Haupt und dem kurzgepflegten Vollbart. „Ich komme von einer Diamantenen Hochzeit“, entschuldigt er sich und erklärt, dass er sonst eher in Räuberzivil anzutreffen gewesen wäre. Wenn ihm beim Reden der Schalk aus den hellbraunen Augen blitzt, und das geschieht häufig, gehen seine Lachfältchen auf eine lange Berg- und Talfahrt. Obwohl selbst Lausitzer war für ihn die Gegend zwischen Cottbus und Görlitz früher so etwas wie Niemandsland. Der Weg, der ihn hierher führte war eben so geradlinig wie verschlungen – ein Paradox, das sich auflösen lässt: Schon sein Vater war Pfarrer und er sollte es auch werden. „Als ich Kind war, ging eigentlich fast jeder davon aus, dass ich Pastor werden würde“, erzählt Hans-Christian Doehring. Doch für die Erweiterte Oberschule und das Abitur hätte er auf ein Internat gehen müssen. Das kam für ihn nicht in Frage. Stattdessen wurde er Kfz-Mechaniker im Kraftverkehr Lauchhammer. Die großen, kräftigen Hände verraten noch immer den Tatmenschen. Als sein Vater mit der Information ankam, dass eine vortheologische Ausbildung auf der Grundlage eines erlernten Berufs im katechetischen Proseminar Naumburg möglich sei, meldete er sich an. Ein Studium der Theologie in Berlin und ein Vikariat in Görlitz folgten. Statt dort eine Pfarrstelle zu übernehmen, wie vorgesehen, wurde er zunächst „Hilfsprediger“ bei Pfarrer Seibt in Hähnichen. Das war im März 1980. Sein Vorgänger wechselte im Juni desselben Jahres, er blieb, obwohl er Angebote aus Berlin hatte und seine Frau gern dorthin gegangen wäre. „Das sind Führungen und Fügungen, die ich so nie getroffen hätte“, sagt er und ruckelt an seiner Krawatte, dessen schmales Ende ganz kurz gebunden ist. Der Mensch denkt, und Gott lenkt.

Hans-Christian Doehring hat es nicht bereut. Er ist längst in Hähnichen angekommen, hat hier mit seiner Frau vier Kinder großgezogen und genießt die Nähe zu den Menschen in der Gemeinde und im Dorf. Ein Vorzug, den eine Großstadt nicht bieten kann. Rund tausend Kirchenglieder betreut er in Orten der Kirchgemeinde Hähnichen und Kosel. „Ich war noch nie so lange an einem Ort. Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, ich komme hier nicht klar, wäre ich weggegangen“, meint er. In dreißig Jahren ist er die Lebenswege ganzer Familien mitgegangen, kennt die Kinder, hat vielleicht die Eltern getraut und die Großeltern beerdigt. Es ist diese tiefe Verbundenheit mit den Menschen, die er braucht, die ihn am Ort hält. Inzwischen geht er auch mit vielen ganz normal um, die noch zu DDR-Zeiten ganz anders tickten oder gar dazu gezwungen waren, anders zu handeln als sie vielleicht wollten. Begegnungen wie mit einem Lehrer, den er einmal im Auto mitnahm und der ihm dabei anvertraute: „Eigentlich darf ich das gar nicht“, hatten Seltenheitswert. Leicht war es damals ohnehin nicht. Als sich Doehring in den 80ern dagegen verwahrte, dass sich Konfirmanden, also Kinder von 14 Jahren, schon als Soldaten auf Zeit verpflichten sollten, erhielt er in einem Vieraugengespräch auf dem Rat des Kreises eine unmissverständliche Botschaft: „Wir treffen uns dort wieder, wo die Türen keine Klinken haben“. Gottseidank, blieb es bei der Drohung.

Politisch unbelastet, sollte er nach der Wende in der Kreis-CDU mitwirken. Er lehnte ab. An Ämtern mangelt es ihm dennoch nicht. Als Landessynodaler ist er für den Kirchenkreis NOL im Ältestenrat und im Finanzausschuss fest eingebunden und deshalb etwa zweimal monatlich in Berlin. Außerdem fungiert er nicht nur als stellvertretender Superintendent, er engagiert sich auch bei der Öffentlichkeitsarbeit und im Vorstand des Kirchenkreisverbandes. Alle Posten aufzuzählen, würde sicher noch einige Zeilen füllen...

Ob er in all dem, was er tut, perfekt ist, steht für ihn nicht zur Debatte. Im Gegenteil. Er will keiner sein, den alle für unfehlbar halten, der auf jede Frage eine Antwort hat. Seine unterschiedlichen Wirkungsbereiche verbindet der Wunsch, auf das zu hören, was die Menschen sagen. „Einmal saß ich am Bett eines Sterbenden. Es war sein letzter Tag. Ich betete mit ihm das Vaterunser und er betete laut mit“, erzählt der Pfarrer. Was da mit ihm passierte, entzieht sich eigentlich der Beschreibung. Doch sind diese kurzen Momente für Hans-Christian Doehring so wichtig, dass er die Erfahrung an Jugendliche weitergeben möchte. Gott spielt für ihn bei all dem eine entscheidende Rolle. „Er ist eine Sicherheit in all der Unsicherheit, in der wir leben.“

Seelsorge, Kirchenpolitik, Familie, Gemeinde- und Vereinsarbeit fordern ihren Tribut. Auszeiten müssen sein. Hans-Christian Doehring findet sie beim Musizieren, beim Singen mit den Schlesischen Schwälbchen aus Daubitz oder bei der Mitwirkung im Rothenburger Posaunenchor. Auch hier zählt für ihn das Gemeinschaftsgefühl, nicht die perfekte Beherrschung des Instruments. Mit ölverschmierten Händen unter einem Auto herumzuwerkeln hat er aufgegeben, spätestens seit die Westmarken Trabis und Wartburgs den Rang abliefen. Was ihm aus dieser Zeit geblieben ist, ist das Wohlgefühl, wenn ihm Benzingeruch in die Nase dringt. Gartenarbeit ohne einen ordentlichen Rasenmäher oder eine rappelnde Motorsäge ist ihm „nüscht“. Fünf Jahre bleiben ihm bis zur Rente. Pferde zu züchten oder den einstigen Wunsch nach Berlin zu gehen – diese Möglichkeiten sind dann mehr oder weniger zum Greifen nah. „Ich kann mir inzwischen gut vorstellen, hier zu bleiben“, meint Hans-Christian Doehring. Dieses Mal bleiben seine Augenwinkel so glatt wie unbeschriebenes Papier. Den Satz meint er ernst.

Biografie
1950 in Lindenau im Kreis Senftenberg geboren
1966-69 Lehre zum Kfz-Mechaniker im Kraftverkehr Lauchhammer
1969-72 vortheologische Ausbildung in Naumburg
1972-79 Studium der Theologie in Berlin
1979 Heirat
1979-80 Vikariat in Görlitz
seit 1980 Pfarrer in Hähnichen

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