Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Kirche Gemeinden Evangelische Kirchengemeinde Groß Radisch Fundstück: Groß-Radisch

Fundstück: Groß-Radisch

Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)

Johann Gottlieb Mischka, Lehrer, Gerichtsschreiber und Schiedsmann zu Schadewalde, schildert den Charakter des deutschen Oberlausitzers in seinem Geschichtsbuche. „Das Markgrafenthum Ober – Lausitz“ vom Jahre 1861 wie folgt: „Er ist religiös, arbeitssam, genügsam, sparsam, freundschaftlich, dienstfertig, beharrlich, wohltätig, zurückhaltend, hat Sinn für Ordnung, wenig Gemütliches und Neigung zum Trotz, liebt Schnaps, Spiel und Tanz.“ „In den Fabrikdistrikten“, behauptet der Verfasser sei der Oberlausitzer „sorglos, leichtfertig, genusssüchtig“. Wir wollen nicht untersuchen, ob und wieweit dieses aus überschwänglichem Lob und hartem Tadel gemischte Urteil zu Lebzeiten des Chronisten, also vor rund 100 Jahren, berechtigt war, aber daß es heute so allgemein gültig nicht mehr zutreffen mag, scheint doch gewiß. Es ist überhaupt misslich, einen Volksstamm, wenn er schon als solcher abgegrenzt wird, nach guten und bösen Eigenschaften charakterisieren zu wollen. Das erinnert peinlich an Zeiten, in denen etwa Lob und Preis der „arischen Rasse“ über alle Maßen laut gesungen wurde. Damit gewinnen wir die Verbindung von Mensch zu Mensch nicht. Wir werden besser tun, uns von alter biblischer Weisheit daran erinnern zu lassen: „Wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhms, den wir vor Gott haben sollten“. Mit dieser Erkenntnis sind wir hineingestellt in die große Gemeinschaft aller Volksstämme und Völker.
Wenden wir uns den äußeren Umständen, der Lage, Ausdehnung und der Geschichte der Kirchengemeinde Groß-Radisch zu:
Groß-Radisch ist ein Röhendorf, dicht am Südrande der Hohen Dubrau, 8 km von der Bahnstation Mücka entfernt. Mit 250 m über dem Meeresspiegel ist es das höchstgelegene Dorf im Kreise Rothenburg. Nicht weit vom Dorf liegt ein 307 m hoher Berg, die Ölsaer Dubrau, von deren Felsplatte sich ein weiter Anblick über das sächsische Hügelland und die dunklen Nadelwälder der nördlichen Oberlausitz öffnet. Östlich des Dorfes ragt der Monumentberg (292 m) hoch, (in der Ebene wird die Höhe jedes Hügels recht genau angemerkt) so genannt nach einem Denkmal, das der Besitzer von Groß-Radisch v. Mestitz um 1800 dort setzen ließ. Der Name Radisch oder Radsow von dem altslawischen Worte radu – gern, rasch, tätig abgeleitet. Man führt den Name auch auf den wendischen Götzen Radegast, den ratgebenden oder Kriegsgott, zurück. Die Einwohner sprechen deutsch, die letzte wendische Predigt wurde 1915 gehalten. Was aber der eingangs zitierte Chronist über die Frömmigkeit des wendischen Volksteils zu sagen hat, trifft heute nur bedingt zu. Da heißt es in der Beschreibung der Religiosität der Wenden im Vorigen Jahrhundert: „er kommt oft von der größten Weite her in der Kirche, hält Gottes Wort hoch in Ehren und feiert oft das Heilige Abendmahl“. Solch alte gute kirchliche Sitte ist vom Zeitgeist recht merklich beeinträchtigt.

Die Kirche
Schon in der Meißner Bistumsmatrikel von 1346 wird Groß-Radisch genannt. Es gehörte zum Erzpriesterstuhl Rechenbach. Von 1646 bis 1659 war es Filialkirche von Gebelzig. Die Kirchgemeinde zählt heute 552 Seelen. Zur Muttergemeinde gehören Weigersdorf mit 482 Seelen, Thräna mit 144 Seelen und Jerchewitz mit 81 Seelen. Der neben der Kirche stehende Glockenturm mit 3 alten Glocken brannte am 7. Juni 1704 mit der Pfarre, wo das Feuer auskam, nieder. Dabei wurden auch die Kirchenbücher vernichtet.
Das alte Gotteshaus war ganz aus Holz gebaut und mit einem Schindelbuch und einem kleinen Dachreiter in der Mitte versehen. Neben dem Altarraum lag fast wie ein angebautes Häuschen die Patronatslage. Der Glockenturm mit der Uhr stand etwas abseits. Der alte Flügelaltar in der ersten Empore hinter dem Altar hat die Inschrift: Swjata marja praz sa nas. (Heilige Maria, bitte Für uns.) In der Mitte sitzt Maria mit dem Kinde. Die Mutter Gottes ist angetan mit einem langen faltenreichen Gewand. Sie trägt die Himmelskrone auf dem Haupt. Die beiden Flügel zeigen Paulus mit Buch und Schwert und Petrus mit den Schlüsseln. – In dem alten Kirchlein war auch eine ganz einfache Orgel ohne Pedal vorhanden. Das alte Gebäude wurde von Jahr zu Jahr baufälliger. 1791 mußte die Loge gestützt und untermauert werden. 1796 riß ein Sturm den Dachreiter herunter. So entschloß sich die Gemeinde zum Neubau der Kirche auf demselben Platze. Inzwischen wurde der Gottesdienst in der Schafscheune gehalten. 1801 wurde die Kirche gebaut und im nächsten Jahre der Turm. Das Taufbecken stammt aus dem Jahre 1697, die heiligen Geräte aus dem Jahre 1605. 1892 wurde eine Orgel beschafft. Aber damit ist die Baugeschichte der Kirche noch nicht beendet. Am 27. Juli 1936 hatte sie der Blitz so zerstört, daß sich eine gründliche Erneuerung notwendig machte. Nach dreimonatigem mühseligen Anbau konnte am 26. Oktober 1936 die wiedererstandene Kirche von Bischof D. Zänker von neuem geweiht werden. Dieser Festtag ist den Radischer Gemeindegliedern, die daran teilnehmen durften, unvergessen geblieben und hat dazu beigetragen sie noch fester zusammenzuschließen. Es wird davon erzählt: Als früh 7 Uhr die Glocken das hohe Fest der Kircheweihe einläuterten, strahlte nach langer Zeit wieder die Sonne und gab dem Tag einen besonderen Glanz. Um 9 Uhr zog unter feierlichem Glockengeläute der Bischof mit Superintendent Lindner und dem Ortspfarrer Lucka, gefolgt von der gesamten Geistlichkeit der Diözese Rothenburg I, den Kirchenvätern, den Patronen und den Ehrengästen durch die reich geschmückte Kirchenstraße in das Gotteshaus, das bis auf den letzten Platz besetzt war. Jedes hatte eine eigene Ehrenpforte zum Kirchenweihfest aufgestellt. Als die Geistlichkeit im Altarraum Platz genommen hatte, erbrauste aus Hunderten von Kehlen der Andächtigen der Choral: „Allein Gott in der Höh sei Ehr’!“ Eindringlich, schlicht und in einfachsten, allen verständlichen Worten packte der Bischof in seiner Weiherede die Gemeinde, die nicht müde wurde zu lauschen. „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Diese Glaubenswahrheit schwang aufs Neue in hellen Akkorden durch die Seelen der Kirchenbesucher. Ortspfarrer Lucka sprach aus dem Herzen kommende Dankesworte. Er übermittelte die eingelaufenen Glückwünsche, worunter auch einer aus Schweden kam. Unter den dargebrachten wertvollen Geschenken befanden sich Kokosläufer der Frauenhilfen und eine Sammlung für eine Altarbekleidung. Die Gemeinde hatte 7000 Mark für den Wiederaufbau des Gotteshauses aufgewandt, wovon nur 3000 Mark durch Versicherung gedeckt waren. Der gesamte Außenputz von Schiff und Turm war erneuert, sämtliche Türen neu, das Kirchendach völlig neu, der Turm innen geputzt und erneuert. Wände und Gestühl im Innern waren in weiß und gold neu gestrichen worden, die Orgel wiederhergestellt und mit einem „Ventus“ versehen, die Kirche elektrisch beleuchtet. In dem letzten Kriege wurden Kirche und Pfarrhaus in den um Groß–Radisch stattfindenden Kämpfen schwer beschädigt, konnten aber bereits wiederhergestellt werden. Auf dem Friedhof liegen 150 deutsche Soldaten.

Die Glocken
Die alten Glocken gingen am 7. Juni 1704 beim Brande des Turms im Feuer unter. Aus ihrem Metall ließ nach der Inschrift der großen Glocke „Herr Gottlieb von Nostitz aus fröhlicher Sorgfalt und Liebe zu Gottesdiensten und hiesiger Kirche“ von Christian Copinus in Bautzen drei neue Glocken gießen. Die große Glocke hatte die Inschrift: Verbau manet in aeternum (Gottes Wort blieb in Ewigkeit). Die mittlere Glocke zersprang 1763 beim Ausläuten des Todes Königs Friedrich August II. und wurde mit der großen Glocke zusammen 1799 von Puchler in Gnadenberg umgegossen. Die mittlere Glocke zeigte außer dem Namen des Patrons Carl Adolf v. Nostitz die Namen des Pfarrers Rentsch und des Lehrers. Beide Glocken wurden in dem Glockenturm, der neben der alten Holzkirche stand, aufgehängt. Nach dem Neubau der Kirche 1802 kamen sie in den massiven Turm. Als 1861 die mittlere Glocke sprang, wurden alle 3 Glocken von Gruhl umgossen. Am 27.7.1917 wurden die mittlere und die große Glocke abgenommen und abgegeben, sodaß die kleine Glocke, die noch dazu gesprungen war, 4 Jahre lang den Dienst allein verrichten musste. Die neuen Gußstahlglocken wurden von Schilling und Lattermann in Apolda gegossen. Sie wurden am 19. Juni 1921 geweiht. Sie tragen die Inschrift: „In schwerer Zeit – dem Herrn geweiht – und zur Seligkeit“.

Die Geistlichen
Die ältesten Geistlichen sind nicht bekannt. Von 1616 bis in unsere Tage führt Kantor Willy Schulze, Gebelzig, in seiner umfangreichen und gewissenhaften „Prediger- und Kirchengeschichte des Kirchenkreises Rothenburg I“ 18 Pastoren an. Während der Amtszeit von Pfarrer u. Superintendent Ernst Ferdinand Haeseler, der von 1876 bis 1915 in Groß-Radisch amtierte, konnte die neue Kirche ihr 100jähriges Jubiläum feiern. Unter Pfarrer Siegfried Weichert, der am Neujahrstag 1921 eingeführt wurde und bis 1928 in der Gemeinde blieb, wurde die Frauenhilfe gegründet und ein neuer Friedhof angelegt. Am 22. Januar 1933 wurde der jetzige Geistliche, Pfarrer Erich Lucka, eingeführt, der am 15.8.1932 nach Groß-Radisch kam.

Das Patronat
In den Jahren 1920 – 1922 wurde das Gut aufgesiedelt, als Siedler wurden Bauern aus dem Kreise Hohensalza angesiedelt, die dorthin 1908 aus Galizien gekommen waren. Da das Patronatsrecht sich durch die Siedlung auf 63 Personen verteilte, wurde es im Oktober 1932 abgelöst. 1940 ging die Schule in den Besitz der politischen Gemeinde über. Da Groß-Radisch ein wasserarmes Dorf ist, muß die Schule das Wasser aus dem Pfarrerbrunnen holen.
Der Religionsunterricht wurde bereits am 1. Juli 1945 aufgenommen und wird 100%ig besucht.
Am Kirchenweihtag, dem 28. Oktober 1951 feiert die Kirche ihr 150jähriges Jubiläum.
                               
EWG.

Artikelaktionen
Startseite | Impressum