Nachlese: Die Dorfkirche in Groß Särchen
Schlesischer Gottesfreund 59. Jg. – Nr. 2 – Ausgabe Februar 2008 – S. 18
Das gab es im „Schlesischen Gottesfreund“ immer wieder, vor Zeiten sogar ganz regelmäßig; daß eine schlesische evangelische Dorf- oder Stadtkirche vorgestellt wurde. Daß wir nur den Segen Gottes über der Geschichte unseres evangelischen Schlesien nicht vergessen! 225 Jahre alt ist jetzt das Gotteshaus in Groß Särchen geworden; ein „kleines“ Jubiläum nur, das weder gefeiert noch am Jubiläumssonntag auch nur erwähnt wurde, aber doch Anlaß ist für diesen Bericht. Das 1000-Einwohner-Dorf, das sich mit dem Beiwort „Groß“ schmücken darf, finden Sie etwas südlich Hoyerswerda an der Bundesstraße nach Bautzen.
Die Kirche ist bereits das dritte Gotteshaus an gleicher Stelle auf einer leichten Bodenerhebung über dem Schwarzwasser. Und gewiß wurde gerade deshalb dieser Platz von den sorbischen (wendischen) Dorfbewohnern für Kirche und Friedhof gewählt. Sie waren vom Domstift Bautzen aus christianisiert worden. Von Anfang an sind Koblenz, Maukendorf und Rachlau eingepfarrt; die Bergarbeitersiedlung Werminghoff-Knappenrode kam nach dem 1. Weltkrieg dazu.
Bis zum Jahre 1913, als die Erschließung der reichen Braunkohlevorkommen der Lausitz begann, der das zur Gemeinde gehörende Dorf Buchwalde weichen mußte, war es eine Bauerngemeinde, und bis 1939 noch wurde der sonntägliche ´Hauptgottesdienst` in wendischer Sprache gehalten, deutschsprachiger aber nur 14-tägig. Nationalsozialismus, Krieg, die in großer Zahl aufgenommenen Flüchtlinge, die fortschreitende Industrialisierung ließen diese Sprachtradition in den folgenden 30 Jahren (bis 1989) gänzlich abbrechen.
Irgendwann zwischen der ersten urkundlichen Nennung des Ortes als „Zore“ um 1374/1382 und der ersten urkundlichen Erwähnung der Kirche in der Neufassung 1495 der sog. „Meißner Bistumsmatrikel“ von 1345 ist das erste (Schrotholz-?) Kirchlein gebaut worden. Es war der damals sehr beliebten Heiligen Barbara geweiht, die zu den Vierzehn Nothelfern gerechnet wird. Zwei Zeugnisse aus diesem Kirchlein haben die Jahrhunderte überdauert: einmal die sog. „mensa“, das ist der Altarstein, ganz grob behauen; er steht jetzt im Turmeingang; deutlich erkennbar ist noch die ausgehauene Vertiefung, in der einst die Reliquie aufbewahrt wurde. Erhalten ist weiterhin der spätgotische Corpus eines Kruzifixus, um 1490/1500 geschnitzt.
Ob das Kirchlein abbrannte oder einfach baufällig oder zu klein geworden war? Jedenfalls errichtete die im Jahre 1540 (mit der ganzen Standesherrschaft Hoyerswerda, an die das Dorf kurz vorher gekommen war) lutherisch gewordene Gemeinde (um) 1592 eine neue Kirche, wir haben Grund zur Annahme: Fachwerk auf steinernem Sockel.
Zweihundert Jahre später genügte auch diese Kirche nicht mehr: eine außen über dem Südeingang eingemauerte Tafel gibt uns das Jahr der Einweihung der jetzigen Kirche an: 1782, vor 225 Jahren also, und das Bibelwort, unter dem die Gemeinde am dritten Adventssonntag ihr neues Gotteshaus in Gebrauch nahm, Johannes 17,17, aus dem Hohenpriesterlichen Gebet Jesu für seine Gemeinde: „Heilige sie in deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit.“
Aufmerksame Besucher entdecken freilich auf der Wetterfahne des Kirchturms eine andere Jahreszahl: 1750; und das heißt, daß der Kirchturm älter ist als die jetzige Kirche und an die zweite Kirche angebaut wurde (das Kreuzgratgewölbe im Turmeingang ist ganz offensichtlich noch älter). Der Turm hat 1927 eine Reparatur und bald nach dem Zweiten Weltkrieg eine neu gestaltete Dachhaube erhalten; damals erst sind die vier Zifferblätter eingebaut worden, bereits 1947/48 ein neues Geläut.
Der Innenraum zeigt sich als schlichte, helle Saal- und Predigtkirche, im Übergang zum Kunststil des Klassizismus. Es ist aber bemerkenswert – rechnen mußten die Kirchväter damals auch! –, daß man 1782 aus dem Vorgängerbau Kanzel und Altar in die neue Kirche übernommen hat, mit einer wesentlichen Änderung: man setzte den Kanzelkorb an Stelle eines ursprünglichen Altarbildes mitten in den Altar hinein. Man kann das an dem leicht ´angeschnittenen` ehemaligen Rahmen jenes nicht mehr vorhandenen Bildes erkennen. Übrigens: etliche Balken und Bretter aus der zweiten Kirche hat man kurzerhand als ´Notsitze` auf der zweiten Empore eingebaut.
Und noch etwas anderes ist offensichtlich geschehen: man nahm dem Altar seinen figürlichen Schmuck. Der muß feinste Schnitzarbeit gewesen sein, um 1600 geschaffen, denn von ihm dürfte ein Fragment eines Apostelkopfes (Paulus?) stammen; wir haben diesen Torso an einem Seitenpfosten am Altarraum angebracht.
Und die lange vergessene Namenspatronin, Barbara, bekam einen Platz am Kanzelkorb: mit dem Turm in ihrer Hand, Zeichen ihrer Standhaftigkeit im Glauben, schaut sie in die Gemeinde; zur Rechten und Linken zwei Frauen aus dem Alten und dem Neuen Testament: die Prophetin Mirjam, tanzend mit der Pauke in der Hand, deren Siegeslied (nachzulesen im 2. Buch Mose, Kap. 15 Vers 21) das älteste uns aufgeschriebene gesungene Gotteslob ist, und die Frau, der Jesus am Jakobsbrunnen begegnet und ihren Lebensdurst stillt (lies im 4. Kapitel des Johannes- Evangeliums). Unsere Orgel ist 1868 unter dem Orgelbauer Friedrich Ladegast von der Firma Conrad Geissler gebaut worden.
Die schmiedeeisernen Gitter der Seitentüren sind eine Bildpredigt. Auf der Nachtseite Sündenfall (Adam und Eva) und Brudermord (Kain und Abel), auf der Mittagsseite Kreuzigung und Auferstehung Jesu. Das ganze Elend des Menschen und die ganze liebende und rettende Zuneigung Gottes ist in diesen vier Geschichten: Schuld und Tod, Vergebung und Leben; oder, verschränkt zu lesen: Schuld und Vergebung, Tod und Leben.
20 ´pastores` - d.h. ´Hirten hat die Gemeinde seit der Reformation gehabt; erstaunlich wenige, was auf ein wohlhabendes Dorf schließen läßt, das auskömmlichen Lebensunterhalt sichern konnte.
Von der ältesten, noch aus der Zeit vor der Reformation stammenden kleinen Glocke wissen wir nur die in alter Schrift geprägte Aufschrift: „Hilf got maria berot [berate] allis das wir beginnen das ein gut ende gewine.“ 1917 mußten zwei von inzwischen drei Glocken „für Heereszwecke“ abgegeben werden. 1922 konnte die Gemeinde ein neues Geläut anschaffen, dessen kleinste Glocke wiederum der Gemeinde blieb, als im 2. Weltkrieg die Glocken abermals zum ´Endsieg` helfen sollten. Sie hängt heute als kleinste (Bronze-) Glocke in der Turmlaterne. Bereits zwei Jahre nach Kriegsende konnte die Gemeinde ein neues Dreiergeläut beschaffen!, mit der Tonfolge: b - as - ges und den sorbischen Namen WERA [Glaube] – NADZEJA [Hoffnung] – LUBOSĆ [Liebe]. Als größte Glocke kam ein Jahr später noch die auf den Ton es gestimmte Glocke FRIEDE hinzu.
Vier „große Worte“ sind das, vier wunderbare Geschenke unseres Gottes an seine Christengemeinde und – vier Aufgaben, die dieser und jeder Gemeinde gestellt sind, sie miteinander und füreinander immer neu zu verwirklichen.
Dietmar Neß, Pastor em.
