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Fundstück: Die Kreuzkirche in Görlitz

Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)

Daß sich die Lausitz und Schlesien schon frühzeitig der Reformation erschlossen, wissen wir aus der Geschichte der Heimat. Schriften von Luther wurden bereits 1518 in Breslau gedruckt. Aber auch das Land stand keinesfalls zurück. Und wenn man das Ganze überblickt, so ist „die schlesische Reformation ohne überragende Führer eine Volksbewegung im besten Sinne des Wortes gewesen“. „Das Jahr 1525 war für die Stadt Görlitz und ihre Umgebung der Anfang tiefgreifender kirchlicher Veränderungen.“ (Zobel)
Auch im Kirchenleben der Neuzeit steht unsere Heimat nicht hintenan. Es zeigt manchen Fortschritt, der Vorbild sein kann. Im Kirchenbau, der als äußeres Merkmal religiösen Lebens doch Letztes und Tiefstes verrät, gibt Görlitz einige bedeutungsvolle Beispiele: Da prangt als erste nach der Reformation erbaute evangelische Kirche der Stadt der auf einen Felsen gestellte anspruchsvolle Backsteinbau der Lutherkirche. Einst an der Stadtgrenze, auf dem Gelände der Industrie- und Gewerbe-Ausstellung von 1885 errichtet, beherrscht er heute die Stadtmitte. Er läßt sich nicht übersehen, ein typischer Ausdruck der Zeit, die den Gründerjahren folgte. Der Grundstein wurde am 1.November 1898 gelegt. Wie anders, bescheiden und still, fügt sich dagegen die von dem bekannten Kirchenbauer Professor Bartning 1938 in Rauschwalde erbaute Christuskirche in Vorstadt und Landschaft ein!
Mit erfrischendem Wagemut aber hatte bereits vor dem ersten Weltkriege eine Kirchenbaukommission der evangelischen Kreuzkirche in der Südstadt unter Vorsitz von Pastor Georg Bornkamm getagt. Aus 109 Entwürfen eines Wettbewerbs hatte sie den Bauplan des Architekten Rudolf Bitzan, Dresen, am 11.März 1912 ausgewählt und zur Ausführung bestimmt. Wenn Professor Dr. Hans Preuß, Erlangen, den Baustil des 19. Jahrhunderts als „müdes Epigonentum“ kennzeichnet, so ist von dieser Geisteshaltung bei den Männern die die Kreuzkirche in der Südstadt planten und erbauten, nichts zu spüren. Sie haben sich vielmehr mit erfreulichem Bekennermut zu dem suchenden Stil ihrer Zeit bekannt und haben schon etwas gewagt. Über diese Kreuzkirche und ihre Baugeschichte sei einiges nach der von Bornkamm herausgehobenen Schrift berichte: Der Bezirk der evangelischen Kreuzkirche zu Görlitz, bis 1898 nur ein Anhängsel der Frauenkirche, war bis zum letzten Weltkriege etwa auf 12000 evangelische Einwohner angewachsen. Auf Antrag von Pastor Nithack-Stahn wurde zunächst. der „Konkordia-Saal“ in der Kunnerwitzerstraße, der nicht immer seinem Namen Ehre machte, als gottesdienstlicher Raum gemietet. Er kostete jährlich 1700 Mark Pacht und fasste rund 500 Personen. Der Saal wurde 1914 der Gemeinde wieder entzogen, weil er als Übernachtungsraum für Verwundete beansprucht wurde. Die schöne Aula der Höheren Lehranstalten in der Seydewitzstraße wurde willkommener Ersatz. Schon im Februar 1900 tauchte der Gedanke auf, auf dem hochgelegenen Gelände zwischen Biesnitzer- und Ringstraße, also etwa auf dem gegenwärtigen Standorte der Kirche, einen Neubau zu errichten. Das Grundstück lag allerdings weit von den nächsten Häusern entfernt in allzu ländlicher Einsamkeit. So rasch wie die ersten Gedanken freilich eilten die Taten nicht. Erst im Frühjahr 1903 boten zwei verwitwete Frauen, Mutter und Tochter, Frau Lydia Müller, geb. Becker, und Frau Bertha Becker, geb. Müller, dem Gemeindekirchenrat eine Schenkung an. Die Schenkungsurkunde bestimmte allerdings, daß bis 1. Oktober 1912 der Kirchenbau gesichert, d. h. von allen Stellen mindestens genehmigt sein müßte. Übereifrig, wie es bisweilen die kirchlichen Körperschaften der Gesamtgemeinde Görlitz empfanden, drängten in diesen Jahren eine Reihe fördernder Kräfte des 5. Bezirks (die Südstadt) zur Tat. Die Frist bis 1912 schien viel zu lang. Ein wahrer Begeisterungssturm für Kirchenbau fegte durch die Gassen der geruhsamen Rentnerstadt Görlitz. Eine Zeitung versuchte vor Überspitzung des edlen Wettstreits zu warnen.
Kirche v. 23.9.1951

Oberlausitzer Gemeinde-ABC - Die Kreuzkirche in Görlitz


(Fortsetzung)

Man vergegenwärtigte sich heute für einen Augenblick die Lage um die Jahrhundertwende und überschaue die Neubauten und die Bauvorhaben, die in jenen Jahren anwuchsen:
Erst 1885 bis 1891 waren die beiden Türme der Peterskirche bis zu 86 Meter Höhe in Beton aufgestockt worden. 1901 entstanden die katholische Jakubskirche, die Kirche der katholisch-apostolischen Gemeinde, Bautzener Straße, die Lutherkirche! Dazu gesellten sich die Kirchenbaupläne für Moys, Rauschwalde und die Südstadt (Kreuzkirche).
Für das Lutherdenkmal waren bereits zwei Jahre zuvor 5000 Mark gesammelt worden. Zur Erneuerung des Daches der Dreifaltigkeitskirche waren erhebliche Mittel von der Stadt als Patron dringend angefordert worden. Aus der Ratlosigkeit heraus, wie das Geld für solche kostspieligen Projekte aufzubringen wäre, war sogar der absurde Vorschlag erwachsen, die Kirche (den Mönch) doch lieber abzubrechen. „Peterskirche und Frauenkirche wären ja nahe genug beieinander und würden ausreichen“, begründete der Stadtvater seinen ernstgemeinten Antrag. Auch dem reichsten Patronat konnte angst und bange werden vor so viel Tatendrang.
Aber wer der Gegenwart von einst entrückt ist, überschaut heute lächelnd, wie sich am Ende doch alles ordnete und fügte. Inzwischen hatte Kommerzienrat Raupach 10000 Mark dem Kirchenbaufonds der Kreuzkirche unter der Bedingung überwiesen, daß die Grundsteinlegung bis 1. Oktober 1908 erfolgt sein müsse. Freiwillige Spenden waren bis Ende 1907 auf 25 000 Mark gewachsen. Der Bezirksverein Südstadt überwies bis 1908 20000 Mark, woraus auch Glocken, Uhr usw. bestritten werden durften. In selbstloser Weise stellte sich Architekt Röhr an Stelle des zum Heerdienst eingezogenen Bauinspektors als Bauführer zur Verfügung. Das Vorprojekt Röhrs hatte gezeigt, daß die in Aussicht genommene Fläche von 3750 qm völlig genügte, um Kirche und Doppelpfarrhaus, Konferenzräume, Vereins-, Verwaltungs- und Sitzungszimmer samt Kirchendienerwohnung darauf zu schaffen. Der öffentliche Wettbewerb, für den 7000 Mark ausgesetzt waren, ist schon anfangs erwähnt worden. Dem Preisgericht gehörten an Baurat Gräbner, Dresden, Professor Pützer, Darmstadt, und aus Görlitz Superintendent Kirchhofer (als Vorsitzender), Pastor Bornkamm, Stadtbaurat Dr.-Ing. Küster, Stadtbauinspektor Labes, Pastor Lic. Macholz, Baurat Nöthling, Architekt und Kirchenältester Röhr. Der Entwurf Bitzan, Dresden, hatte zwar keinen der drei ausgesetzten Preise erhalten, war aber mit drei anderen Entwürfen zum Ankauf empfohlen und schließlich in mancher Einzelheit noch überarbeitet worden. Er wurde mit 33 von 42 Stimmen zur Ausführung bestimmt. Die Gesamtkosten des Kirchenbaues einschließlich des Pfarrhauses waren auf 455000 Mark bemessen. Die um ein Gutachten gebetenen Sachverständigen erklärten, daß die Kirche von Bedeutung sein werde und daß die Gemeinde damit ein „würdiges, ernstes Kunstwerk erhalten werde, daß die Frage des protestantischen Kirchenbaues ein gutes Stück vorwärts bringt“. Daß der Entwurf das Kennwort „Kreuz“ trug, war für den Namen der Kirche nicht ohne Einfluß. Für den Vorsitzenden des Bauausschusses, Pastor Bornkamm, war es oft nicht leicht, wie er in humorvoller Selbstbescheidung gesteht, sich in das ihm fremde Gebiet der Technik und Architektur hineinzufinden. Er sagt: „Ich war manchmal froh, wenn es mir nur auch gelang, trotz der fehlenden Anschauung und Sachkenntnis bei der Leitung der Sitzungen die richtige Vokabel an der richtigen Stelle verwendet zu haben“. Vom ersten Spatenstich aber berichtet er in seiner packenden Art: „ Am 13. Juli 1913, früh 6 Uhr, zwei Stunden vor der Abfahrt des Zuges in meinen Sommerurlaub, habe ich in Gegenwart von Baumeister Kämpffer, von Baumeister Golle, Bauführer Shadow und zwei Vorarbeitern bewegten und dankerfüllten Herzens den ersten Spatenstich getan. Diese kurze Handlung in der Morgenfrühe, die durch schlichten Gebetswunsch eine Feier wurde, ist mir einer der ergreifendsten Momente in der Baugeschichte gewesen.“
Glücklicher als bei der Beschreibung mittelalterlichter Kirchen ist im Falle der Kreuzkirche der Chronist daran, wenn er etwas von der Urkunde sagen will, die auf der Schwelle der Tür von der Sakristei zum Kirchenraum eingenommen wurde. Sie wurde, wie es in dem Bericht heißt, vom Ältesten Feilhauer verlesen und enthält nach den üblichen Angaben über die Regierung des Landes und der Stadt Angaben über das Görlitzer Kirchenleben, über die Vorgeschichte des Baues, den Architekten, die ausgeworfenen Mittel und ist von sechs Pastoren, elf Ältesten und 27 Gemeindevertretern ...
Kirche vom 30.9.1951

Oberlausitzer Geimeinde ABC - Die Kreuzkirche in Görlitz


(Fortsetzung)

Die Bevölkerung hat sich an ihre neue Kirche gewöhnt. Der Umriß des Bauwerks ist schließlich in das Bewußtsein der Anwohner als eine Bereicherung und Verschönerung der Südstadt hineingewachsen. Das Innere, ein glücklich zusammengefaßter und in seiner Schlichtheit feierlich und würdig gestalteter Raum, drückt den Gedanken der Gemeindeeinheit überzeugend aus. Vielleicht hätte die Decke ruhiger gehalten werden können, sagen wir Heutigen. In der Brauthalle kennzeichnen die Porträts Luthers und Calvins in den Fenstern die Kirche als eine Kirche der Union. Beide sind durch charakteristische Worte über- und unterschrieben. Luthers Frömmigkeit steht mit den beiden Worten. ,“Einer ist euer Meister Christus“ und „Ein’ feste Burg ist unser Gott - Das Reich muß uns doch bleiben“ klar vor dem Beschauer, während auf Calvins Bedeutung für das Gemeindeleben und seine immer wiederkehrende Betonung der Ehre Gottes durch die beiden Sprüche hingewiesen ist: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater unser aller“ - „Von ihm, durch ihn und zu ihm sind alle Dinge, ihm sei Ehre in Ewigkeit“. Welche Gedanken die Bauherren, d. h. den Bauausschuß und den Gemeindekirchenrat, bei der Ausbildung des Kirchenraumes bewegten, lassen wir uns am besten aus Pastor Bornkamms lebendiger Darstellung der Baugeschichte deuten. Er schreibt zum Schluß: Protestantischer Eigenart entspricht auch die Ausführung des Altarplatzes und die Anordnung von Altar, Kanzel und Orgel. Dem Marmorkreuz, das mit seinen gewaltigen Abmessungen von sechs Meter Höhe und über drei Meter Breite dem ganzen Kircheninnern seinen Stempel aufgedrückt, ist mit dem Worte (nach 1. Kor. 1, 18 und 24) am Architrav des Altarraumes seine Deutung beigegeben worden: „Das Wort vom Kreuz göttliche Kraft und göttliche Weisheit.“ Der Altarplatz ist bestimmt für Ansammlung der Abendmahlsgäste, Hochzeitsgesellschaften und Konfirmandenscharen. Gerade auch, daß er so mitten zwischen Sängerempore und Gemeinde gelegen ist, entkleidet ihn jenes besonderen Charakters, der ihm nach Auffassung der römischen Kirche eignet. Die Altarrückwand wie die Altarstufen sind aus gelbem Jurasandstein hergestellt, während der Altar selbst, der die Form eines ovalen Tisches empfangen hat, aus grünlichem (Tinos-) Marmor hergestellt ist und durch Bronzeverziehrung seine vordere Gliederung empfängt. Neben einem Altarkreuz und vier Leuchtern trägt er die kunstvoll gebundene Altarbibel.
Die Kanzel liegt, dem Dibeliusschen Vorschlage entsprechend (auf der Baukonferenz in Dresden), in der Mitte der Linie, in der Altarraum und Schiff einander begegnen und ist, um einer Überschneidung mit den Linien des dahinterliegenden Altares vorzubeugen, niedrig gehalten. Um den Blick auf den Prediger für alle Hörer im Schiff freizumachen, ist der Fußboden des Schiffes, auf dem sich das dunkle Gestühl erhebt, nach der Kanzel zu ein wenig geneigt. Mehrfach ist bei der Durchführung des Wiesbadener Programms beobachtet worden, daß die hinter Altar und Kanzel dominierende Orgel alles andere zurückdrängt. Um sie zwar gebührend zur Geltung kommen zu lassen, zugleich aber sie in ihre Schranken zu weisen, ist sie geteilt, rechts und links des Altarplatzes aufgestellt worden, während der Spieltisch in der Mitte der Sängerempore seinen Platz gefunden hat. Die Fenster der Kirche sind licht gehalten, nur die Fenster der Sängerempore haben die Aufgabe, das helle Morgenlicht mit ihrer reichen Ornamentik zu dämpfen, und in der Turmempore leuchten die Apostelfiguren Petrus und Paulus in prickelnder Farbenfreude. Besondere Erwähnung sei noch der Glocken getan, die von dem Obergeschoß des Turmes aus mit ihrem Akkord gis h d die Gemeinde rufen. Der Grundton des Christenlebens stimmt die große, die Freudenglocke an, die ihre hehre Aufgabe mit ihrer Inschrift nennt. „Siehe ich verkündige euch große Freude.“ Der mittleren ist in ihren Mund die Mahnung gelegt worden: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott“, während die dritte, die Friedensglocke, jubelnd bezeugen soll: „So haben wir nun Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesum Christum.“ – Unser Bericht sei geschlossen mit wenigen Worten über das heutige kirchliche Leben der Kreuzkirchengemeinde, wie es sich dem stillen Beobachter von ferne darbietet. Dabei zeigt sich zuallererst, welch beglückender Vorteil dem Gemeindeleben aus der Geschlossenheit der ganzen Anlage, d.h. der Vereinigung von Kirche, Pfarrhaus und Gemeinderäumen, erwächst. Keine andere Kirche der Stadt, auch die Lutherkirche nicht, kann eine solche vorteilhafte Gestaltung aufweisen. Dazu kommt der Besitz des Paul-Gerhardt-Hauses, das außer der Schwesternstation, dem Kindergarten und Kinderhort eine geräumige Küche für die noch heute durchgeführte Kinderspeisung, genügend Raum für kirchlich – soziale Arbeit und damit Bewegungsfreiheit für Jugend und Alter bietet. Auch die Einrichtung einer dritten Pfarrstelle erlaubte eine erfreuliche Belebung und Intensivierung aller Gemeindearbeit der Pfarrer und ihrer Mitarbeiter. Frauenhilfe, Jungmädchen- und Männerarbeit konnten dank dieser günstigen Umstände je einen Geistlichen als sein besonderes Anliegen anvertraut werden. Und dieser soviel stärker mögliche Einsatz des einzelnen Pfarrers hat gerade in der Kreuzkirchengemeinde eine überraschende Bereitwilligkeit und eine allgemeine Resonanz bei den Gemeindegliedern gefunden. Besonders rege ist die „Junge Gemeinde“ der Kreuzkirche, und unbekümmert um manches anfangs verträumte Langschläferlein beginnt der Kindergottesdienst alle Sonntage schon früh 8.30 Uhr pünktlich. Auf Pünktlichkeit wird besonderer Wert gelegt. Es ist eine ansehnliche Schar froher evangelischer Kinder, die Sonntag für Sonntag ins Gotteshaus zu Gesang und christlicher Unterweisung und zu kindlich frommer Gemeinschaft zusammenkommt. All diese von den Räumen der Kirche umschlossene, und im Paul-Gerhardt-Haus geborgene Arbeit aber wäre nicht möglich ohne die tragende Bereitwilligkeit der Elternschaft und des gutgeschulten Gemeindehelferinnenkreises, der praktisch jedes einzelne Wohnhaus eifrig und willig betreut. Die mit Hingabe geleistete Mitarbeit der Laien hat sich beim Aufbau des Gemeindelebens, bewährt und als unentbehrlich erwiesen. Möge über der Kreuzkirchengemeinde und ihrem Gotteshaus immer das Wort stehen, das der Pastor Apelt als Senior der Diözesangeistlichkeit mit drei Hammerschlägen in den Grundstein schlug: „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit. Das ist das Wort, das hier verkündigt werden soll!“
E.W.G.
Kirche v. 7.10.1951

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