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Fundstück: Die Stadtpfarrkirche zu St. Peter und Paul.

Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)

Als um 1200 Görlitz eine Stadt geworden war, wollten sich die Görlitzer Bürger nicht mehr begnügen mit der kleinen Holzkirche, die etwa hundert Jahre früher am Lunitzbach erbaut war. (Nikolaikirche). Ihr Bürgerstolz verlangte nach einem weithin sichtbaren Gotteshause. So ist die Peterskirce um 1225 auf dem Burgberg entstanden. Sie war ursprünglich eine spätromanische dreischiffige Pfeilerbasilika. Diese romanische Bauform ist noch mehrfach deutlich zu erkennen, besonders an dem prächtigen Hauptportal. (Brautportal) an der Westseite. Der Name „Kirche zu St. Peter und Paul“ ist erst später nachweisbar. Jedenfalls vermeldet die Inschriftentafel links vom Haupteingang, daß der Bischof von Meißen, Kaspar von Schönberg, 1457 beider Weihe des bis dahin fertiggestellten Neubaues der Kirche ihr diesen Namen gegeben hat. Von 1423-1497 fand nämlich unter Konrad Pflüger ein umfassender Erweiterungsbau statt, der die dreischiffige Basilika in eine fünfschiffige gotische Hallenkirche umschuf. Das erste bis 1431 fertiggestellte Bauglied war die dem Heiligen Georg geweihte Unterkirche (Krypta), ein vierschiffiger Hallenbau, der sich unmittelbar anlehnt an die ursprünglich äußere Chorwand mit dem spätromanischen Fries. „Es war ein genialer Baugedanke, das abschüssige und verwitterte Gelände unter dem nach Osten zu verlängernden gotischen Chor auszufüllen mit einem stützenden Unterbau in Gestalt einer Kapelle, wobei zugleich der kultische Gedanke mitgewirkt hat, für die Zeit des Erweiterungsbaues eine Stätte zu ununterbrochener Fortsetzung des Gottesdienstes zu besitzen“. (P. Horst in der trefflichen Beschreibung der Peterskirche in der Schriftenreihe der „Kirchenführer“: „Die schöne deutsche Kirche“.) Zum ersten Male bedeutsam geworden ist dieser künstlerisch so reizvolle Kirchenraum im Jahre 1525. In ihm hielten 200 Bürger der Stadt unter Führung des Pfarrers Rotbart die Feier des Heiligen Abendmahls in beiderlei Gestalt. Damit war der Durchbruch der Reformation besiegelt. Mehrere Jahrunderte wurde in der Krypta nur einmal jährlich, am 23. April, als dem Georgentag, ein Gottesdienst gehalten. Erst 1932/33 wurde sie für die Gottesdienste der Gemeinde für die Wintermonate hergerichtet. Sie erhielt ein Jahr später eine herrliche, für diesen Raum geschaffene Orgel nach der feinen Disposition von Kirchenmusikdirektor Eberhard Wenzel. 1945 wurde die Unterkirche leider durch Kriegs- und Nachkriegsereignisse samt der neuen Orgel unbrauchbar. Nun nahm der Kirchenrat das Projekt von 1936 wieder auf: Umorientierung des Altars von Westen nach Osten in die Apsis, seitlich von ihr eine niedrige Kanzel, Erneuerung des Gestühls und Verlegung der Orgel and die Westwand. Dank der geldlichen Beihilfe der Landesregierung und des Amtes für Denkmalspflege konnte gemäß Beschluß des Kirchenrats dieses Projekt unter Leitung von Dr. Asche und Architekt Mayer alsbald ausgeführt werden. Am Palmsonntag 1950 weiht Bischof Hornig die völlig umgestaltete Krypta. Sie ist zu einem herrlichen Kirchenraum neu erstanden und wird dank der neuen Gasheizung von der Gemeinde im Winter gern besucht (500 Sitzplätze). Als Orgel muß freilich vorläufig noch das kleine Positiv dienen, das aus einer namhaften Beihilfe des Evg. Hilfswerk 1947 von der Orgelbauanstalt Schuster in Zittau für die große Sakristei gebaut war. 1946 wurde nämlich, da die große Kirche wegen der zerstörten Fensterscheiben im Winter noch nicht benutzt werden konnte, infolge der hochherzigen Stiftung eines Gemeindesgliedes die große Sakristei zu einer Kapelle mit etwa 240 Sitzplätzen umgestaltet, die von wundervoll einheitlicher architektonischer Geschlossenheit ist und in ihrer neuen Gestalt das Alte nicht verdrängt hat, sondern erst recht zur Geltung bringt. (der Altar nicht mehr in einer Ecke, sondern in der Mitte der Schmalseite u.a.)
In dieser Sakristei fand am 24. Februar 1947 die denkwürdige Bezirkssynode für die 5 restlichen schlesischen Kirchenkreise in Anwesenheit von Bischof D. Dibelius statt.
Doch kehren wir zurück zur Geschichte unserer großen Peterskirche. Einen wichtigen Einschnitt in ihre Baugeschichte bildet der große Stadtbrand 1691. Sie besaß einst eine reiche Innenausstattung: 30 Altäre, 2 Orgeln, ein Sakramentshäuschen und viele Epitaphien. Das alles wurde damals ein Raub der Flammen. Verschont blieben die kostbare bronzene Taufglocke, die gotische Maria mit dem Kinde aus Sandstein (beide Kunstwerke wurden 1944 in Schloß Kuhna „sichergestellt“.) und die 13 Schlußsteine des Mittelschiffs mit dem Verlauf des ganzen Erlösungsdramas, von unten kaum erkennbar. Die alten Meister schufen ja nicht, um von Menschen bewundert zu werden, sondern zur Ehre Gottes! Die Wiederherstellung des zerstörten Kirchenraumes wurde überraschend schnell von 1691-1696 durchgeführt. Es entstanden der Barockaltar, des Dresdener Hofbildhauers Georg Heermann, die barocke Kanzel und der mächtige von dem Görlitzer Künstler reichgeschmückte Orgelprospekt. Görlitzer Bürger stifteten auch in reichem Barock gehaltene Beichtstühle, die ihren protestantischen Charakter in dem von allen Seiten offenen Durchblick erweisen. (Evangelische Privatbeichte, aber nicht katholische Ohrenbeichte!). Nach dem großen Brande wurde auch die neue Orgel 1703 vollendet – eine Schöpfung des damals berühmtesten Orgelbauers Casparine (gebürtig aus Sorau, Eugen Kasper). Dieses Orgelwerk war nach 2 ¼ Jahrhunderten vermorscht und musste 1928 vollständig erneuert werden. Unter großer Opferwilligkeit der Gemeinde und der ganzen Stadt konnte durch W. Sauer, Frankfurt/Oder, ein herrliches neues Werk geschaffen werden: keine Konzertorgel von übermächtiger Klangfülle, wie man sie noch um die Jahrhundertwende oft für Kirchen baute, sondern eine wirkliche Kirchenorgel in weihevoller, ruhiger Klarheit, eine Orgel zur Ehre Gottes, ein Orgelwerk von 89 klingenden Stimmen mit rund 6500 Pfeifen und 4 Manualen. Unvergeßlich wird noch vielen Görlitzern die Feier der Orgelweihe sein mit der Festpredigt von Pastor Onnasch und dem Orgelabend von Dr. Koch. Mir selbst wird ebenso unvergeßlich bleiben, wie unser Eberhard Wenzel nach Pfingsten 1945 als gewesener Volkssturmmann heimgekehrt, sofort zur Peterskirche eilte und in dankbarer Freude, daß seine Caspariniorgel unversehrt geblieben war, dem Choral spielte: „Jesu, meine Freude!“
Die beiden gotischen Türme unserer Kirche wurden erst 1891 bis zu einer Höhe von 86 m aufgesteckt. „Sie erheben sich unmittelbar über dem noch romanischen Kranzgesims in pedantisch schulgerechten gotischen Formen und erscheinen, vergleichen mit der Wucht des Gesamtbaues, etwas zu schmächtig.“ (Horst). Ihr Baumaterial besteht nicht aus Sandstein, sondern aus Kunststein (Zementboden). Man ist damals über diese wohl erstmalige Verwendung des neuen Baustoffs „Beton“ für einen sakralen Turmbau sehr stolz gewesen; heute denken wir anders darüber.
In den beiden Türmen hingen einst 6 Bronzeglocken. Die größte, vom Görlitzer Glockengießer Brorse gegossen, wog 217 Ztr. Sie wurde 1917 für Kriegszwecke eingeschmolzen, ebenso die beiden kleinsten Glocken. Von jeder dieser Glocken befindet sich ein Gipsabguß in der Südwestecke der Kirche.+ Im zweiten Weltkriege mußten auch die „Schützenglocke“ vom Jahre 1852 und die „Tuchmacherglocke“ vom Jahre 1732 geopfert werden. Letztere erhielten wir 1949 zurück. Jetzt läutet zum Gottesdienst die uns gebliebene zweitgrößte Glocke (120 Ztr.) ebenfalls von Brorse 1697 gegossen, mit ihrem ernsten tiefen Klang (Tonhöhe es). Die wunderbare architektonische Raumwirkung unseres altehrwürdigen Gotteshauses spürt man besonders, wenn von Osten her die Morgensonne durch die Chorfenster scheint oder auch zur Christnachtfeier, wo statt des blendenden elektrischen Lichtes die lebendigen Kerzen an den Christbäumen und den drei großen Kronleuchtern des Mittelschiffes in den dunklen Raum hineinstrahlen und geheimnisvoll Licht und Schatten verbreiten.
Indes darf über der Freude an unserer Peterskirche, die gottlob beim Ende des Krieges nur wenig gelitten hat und dank bedeutender Beihilfen der Landesregierung Sachsen fast völlig wiederhergestellt werden konnte, eins nicht vergessen werden: die Peterskirchengemeinde, die sich durch sieben Jahrhunderte in diesem Dom um die Kanzel versammelt hat.
Auf dieser Kanzel stand einst nach 1600 der innig fromme Martin Moller, dessen Trostlied wir im letzten Jahrzehnt oft gesungen haben: „Hilf, Helfer, hilf in Angst und Not“. Die „Mollerlinde“ am Eingang des Nikolaifriedhofs erinnert jeden Görlitzer an ihn. Ferner der Gegner Jakob Böhmes Primarius Gregor Richter, der Eiferer für den rechten Glauben ohne die rechte Liebe. Aus neuerer Zeit ist besonders zu nennen der Superintendent und Pastor primarius Siegmund-Schulze (1877-95), der in seltener Weise rednerische Begabung und Organisationstalent vereinigte. Er hat die Einteilung der bisher einen Kirchengemeinde der Stadt Görlitz in Seelsorgebezirke durchgeführt. Unvergessen bleibt auch Diakonus Kosmehl, ein Mann aus dem Volke mit hinreißender Beredsamkeit und großer pädagogischer Begabung, sowie der spätere Generalsuperintendent D. Schian, der von 1902-1906 hier Diakonus war. Der letzte Pastor primarius war Paul Schmidt, denn bei seinem Scheiden aus dem Amt 1920 erfolgte die Parochialteilung und zugleich die Patronatsablösung. Damit hörte die Peterskirche auf, d i e Stadtpfarrkirche von Görlitz zu sein.
Auch den ernsten Kirchenkampf hat unsere Gemeinde erlebt, der sie zur Entscheidung rief: stand doch auf unserer Kanzel 1934 einerseits der Reichsbischof der „Deutschen Christen“ Ludwig Müller und andererseits Martin Niemöller und D. Diblius – beide gerufen von uns Pfarrern der „Bekennenden Kirche“ und unserem Bruderrat.
Die Peterskirchengemeinde war einst die größte in Görlitz mit ihren fast 18000 Seelen und erstreckte sich von Klingewalde bis zu den Siedlungen von Leopoldshain. Auch die Evangelischen von Moys waren bis 1906 eingepfarrt in die Peterskirchengemeinde, darum hieß die Empore an der Nordseite das „Moyser Chor“. Heute hat unsere Gemeinde nach dem Verlust der Oststadt die geringste Seelenzahl: etwa 8500. Aber die kleiner gewordene Gemeinde ist lebendiger geworden. Wohl hatte auch früher ihr Gotteshaus gern Opfer brachte (z B. bei dem Orgelneubau, der Erneuerung des Kupferdaches u. a.), aber gerade bei der großen räumlichen Ausdehnung unseres Kirchenbezirks ließ die Teilnahme am gottesdienstlichen Leben oft zu wünschen übrig. Wie wenige von den 2500 Sitzplätzen waren an gewöhnlichen Sonntagen besetzt. Jetzt ist das Gemeindeleben reger geworden. Der Zusammenschluß in Frauenhilfe und Männerwerk, in Mütterkreisen und Bibelstunden hat erfreuliche Fortschritte gemacht. Vor allem spürt man etwas von der „Jungen Gemeinde“, die sich zum Dienst und Bekenntnis zusammenschließt in ihren Jugendkreisen und die als Jugendchor und Kinderchor neben dem Kirchenchor unserer Gottesdienste liturgisch mitausgestaltet. Eine wesentliche Verstärkung hat der Gottesdienst erfahren durch die Kirchenmusikschüler, welche die Freudigkeit an der musica sacra mit der nötigen musikalischen Befähigung vereinen.
So mögen sich in unserer alten Peterskirche immer wieder kommende Geschlechter zusammenfinden zur Anbetung Gottes im Geist und der Wahrheit zum Dienst für Sein ewiges Reich!

Th. Freu.

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