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Nachlese: Ein Zeichen der Hoffnung

Schlesischer Gottesfreund 59. Jg. – Nr. 6 – Ausgabe Juni 2008 – S. 85

Die Hoffnungskirchengemeinde in Görlitz-Königshufen  erinnerte mit einem Festtag an die Indienststellung ihrer Kirche vor 10 Jahren

Andreas Neumann-Nochten

„Anruf  vom Bischof; Er will Dir eine Kirche schenken, kommt 19.30 Uhr als Clown in den Kirchwagen“. Diesen unscheinbaren grauen Zettel mit der um so erstaunlicheren Nachricht fand Pfarrer Georg Scheuerlein vor mehr als 20 Jahren auf seinem Schreibtisch. In aller Eile hatte seine Frau diese Zeilen auf das erstbeste greifbare Stück Papier hingeworfen. So recht will sich heute keiner mehr erinnern, ob der damalige Bischof Dr. Rogge tatsächlich im Kostüm eines Spaßmachers zur Sitzung des Gemeindekirchenrates erschien. Aber die Kirche, von der die Nachricht kündete, gibt es heute tatsächlich. Sie steht am Rande der nördlich von Görlitz gelegenen Plattenbausiedlung, die seit 1978 stetig wuchs und den wenig prosaischen Namen Görlitz-Nord trug. Heute heißt sie Königshufen. Reichlich Grün ist seit den Tagen des ersten Spatenstichs hinzugekommen. Ein paar Blöcke mußten weichen und frische Farbe gibt dem Wohngebiet einen freundlicheren Anschein. So ganz aber wird es den spröden Charme solcher Neubaugebiete nie abstreifen können.
Mit den ersten Bewohnern kamen natürlich auch Christen in den Stadtteil, den die DDR-Machthaber als Abbild sozialistischer Lebensweise und Weltsicht verstanden wissen wollten: Moderner und ausreichender Wohnraum für alle, kurze Wege zu Kaufhallen und Gaststätten und vor allem keine Kirchen. So versammelte sich die stetig wachsende Gemeinde seit 1983 zunächst in einem ausrangierten Zirkuswagen. ‘Die Aktivisten der ersten Stunde’ waren eine Handvoll gläubiger Männer und Frauen, die sich zum mühevollen Besuchsdienst aufmachten. Wenig Mutmachendes begleitete ihre Bemühungen. „In den Neubauten wohnen doch sowieso nur Kommunisten“, hieß es allenthalben. Doch allen Unkenrufen zum Trotz gab es allsonntäglich Gottesdienst im gelben Zirkuswagen – weit und breit keine Toilette, dafür im Winter sehr kalt und im Sommer sehr heiß. Doch die Gemeinde wuchs ständig. Selbst ein Brandanschlag vermochte nicht die Aufbruch-stimmung zu trüben. Gegen allen Widerstand streitbarer Funktionäre kündete ein Schaukasten von der Frohen Botschaft: Jesus lebt! – direkt an der ‘Straße der Oktoberrevolution’.
Im Zirkuswagen wurde es zusehends enger. Gerade 25 Plätze standen mitunter 40 oder mehr Gottesdienstbesuchern zur Verfügung.
Da war es Gebetserhörung im wahrsten Sinne des Wortes, als Bischof Rogge am Abend jenes denkwürdigen Tages die Worte auf dem kleinen grauen Zettelchen entschlüsselte: „Die bedeutende Rokokokirche aus Deutsch-Ossig muß dem Braunkohletagebau weichen und wird in dieses Gemeindegebiet umgesetzt.“
In den Zeiten vor der politischen Wende des Jahres 1989 nahmen die Menschen im Osten Deutschlands wohl oder übel die Inanspruchnahme ihrer Dörfer für den Kohleabbau hin. Für offenen Widerstand gab es keinen Spielraum. Manche Kirchengemeinde im damaligen Görlitzer Kirchengebiet hatte schon den Verlust ihres Gotteshauses verkraften müssen. Mit der „neuen Freiheit“ waren auch im alten Deutsch-Ossig, südlich von Görlitz gelegen, kurz die Hoffnungen wiedererwacht, der drohenden Abbaggerung entgehen zu können. Doch am Ende allen Wünschens und Bangens stand dann doch der Verlust der angestammten Heimat – nicht aber der des in Teilen uralten Gotteshauses. Ein eindrucksvolles Foto zeigt die alte Kirche vereint mit dem Modell des Nachbaus.
Deutsch-Ossig wurde vermutlich im 13. Jahrhundert von deutschen Bauern gegründet. Archäologische Grabungen ergaben, daß bereits um 1250 hier eine Kirche gestanden haben muß. Für die Zeit nach 1400 sind zahlreiche Umbauten und Erweiterungen belegt. 1443 wurde das Gotteshaus neu geweiht. Nach 1715 entstand unter Einbeziehung des alten Gebäudes der heutige rechteckige Saalbau, welcher von einem vierjochigen Kreuzgratgewölbe überspannt wird. Der Turm und Teile der Süd- und der Westwand stammen vom Vorgängerbau, davon zeugt unter anderem ein gotisches Fenstergewände an der Südseite des Turmes. So schmucklos die Kirche in ihrem äußeren Erscheinungsbild ist, so prachtvoll empfängt ihr Inneres den Eintretenden.
Der für Görlitz und die Oberlausitz bedeutsame Stein- und Holzbildhauer Caspar Gottlob von Rodewitz zeichnete im Wesentlichen für die Innenausstattung verantwortlich. Aus seiner Werkstatt stammen der Kanzelaltar, der Beichtstuhl und der Taufengel. In Görlitz selbst hinterließ er mit den Beichtstühlen der Peterskirche, dem Hochaltar der Dreifaltigkeitskirche und zahlreichen plastischen Arbeiten in der Altstadt und auf dem Nikolaifriedhof unübersehbare Zeugnisse seines hohen handwerklichen und künstlerischen Vermögens.
Als nach 1986 feststand, daß mit dem Ort auch die Kirche abgebrochen werden sollte, kämpften viele Menschen um den Erhalt dieses Kunstwerkes als Ganzes. Die Einzelteile der Ausstattung sollten nicht wie bei anderen der Kohle geopferten Kirchen auf verschiedene Orte und Museen aufgeteilt werden.
Nach langem zähen Ringen fiel die Entscheidung zu einem Bauvorhaben, welches es bis dahin in der DDR noch nicht gab: Sofort nach dem letzten Gottesdienst 1988, wurde damit begonnen, die gesamte Ausstattung in transportable Einzelteile zu zerlegen und in der Görlitzer Nikolaikirche einzulagern. Steinerne Tür- und Fenstergewände, Altarstufen, Pfeilerabdeckungen, ja selbst der komplette Dachstuhl sollten im künftigen Neubau Wiederverwendung finden. Eine besondere Leistung war die Abnahme und  Konservierung der wertvollen Ausmalung.
Der Torso der alten Kirche in Deutsch-Ossig, inzwischen direkt am Rand der Kohlengrube gelegen, wurde 1991 gesprengt. Kurze Zeit später wurde der Kohleabbau eingestellt und die Grube geschlossen. Eine Umsetzung der kompletten Kirche, wie in den 70er Jahren im böhmischen Brüx (Most) vorgenommen, kam aufgrund der geografischen Situation nicht in Frage. So entstand ab 1992 eine exakte Kopie des Gotteshauses in Königshufen. Altes Handwerk kam wieder zum Einsatz, denn auch die Gewölbe wurden in traditioneller Maurerarbeit eingefügt. Die Grundsteinlegung erfolgte 1992 und bereits ein Jahr später konnte das Fest der Turmbekrönung begangen werden. „Es war ein bewegender Augenblick“, erinnert sich ein Augenzeuge, „als die Glocken der neuen (alten) Kirche erschallten, die Menschen ihre Fenster öffneten, die Balkone betraten und miterleben konnten, daß die Gemeinde Jesu Christi alle politischen Herrschaftssysteme überdauert.“
Bis 1998 sollte es allerdings noch dauern, bis alle Ausstattungsstücke, ihren Platz wieder eingenommen hatten. Sie waren zuvor jeweils einer aufwendigen Restaurierung unterzogen worden. Der Außenbereich der Kirche erhielt eine Gestalt, die an den vormaligen Friedhof in Deutsch-Ossig erinnern soll. Die wertvollsten Grabsteine fanden hier Aufnahme umgeben von einer stilisierten Friedhofsmauer.
Am Pfingstmontag 1998 wurde das Gotteshaus in Dienst gestellt. War es Zufall oder ein mit Bedacht gewählter Termin?  Augenfällig ist jedenfalls, daß der Pfingstmontag eng mit den Geschicken des Gotteshauses verknüpft ist. Die Neuweihe der Kirche im Jahre 1718 erfolgte an diesem Tag und desgleichen die Entwidmung 1988. War die Kirche am alten Standort noch der „Heiligen Dreifaltigkeit“ geweiht, so entschied sich die Gemeinde ihr nun den Namen „Hoffnungskirche“ zu geben, denn hier war aus Altem etwas ganz und gar Neues geworden.
Zur 10. Wiederkehr dieses denkwürdigen Tages formulierte es Regionalbischof Dr. Hans Wilhelm Pietz in seiner Festpredigt folgendermaßen: „Sie hat denen, denen die Heimat genommen worden war, wieder eine Heimstatt gegeben. Sie ist mitten im Wandel unserer Zeit zu einem sprechenden Zeichen der Treue Gottes geworden. ... In der Geschichte dieser (Königshufener) Gemeinde ist nun aber auch ein Zeichen und Echo solchen Gotteshandelns vor uns: wo alles so fest und eingemauert zu sein schien, stand sie im Zeichen eines leichten Wagens. Wo die demografische Situation und die sozialen Probleme so zum Rückbau geführt haben – lädt sie mit dem Zeichen bleibender Güte und bleibender Herrlichkeit ein. ... Da sind so viele Familien weggezogen, da bleiben die Konfirmanden aus – da werden Kräfte kleiner. Und doch wächst auch Neues: Das Miteinander dieser schönen Kirche mit dem Gemeindehaus und die Möglichkeiten dieses Miteinanders sprechen sich herum. Die Gemeinde wird in stärkerem Maße Gastgeberin für andere. Eine noch einmal neue Dienstaufgabe wartet auf sie. Und auch die, die hier in Königshufen zu Hause sind, nehmen doch noch einmal neu wahr, was es hier zu entdecken und erfahren gibt: Es muß doch neugierig machen und ein wenig stolz, so gleichsam Tür an Tür mit Gottes Schönheit zu leben, so einen Raum voller Himmelsschlüssel in der Nähe zu haben.“
Fast bis auf den letzten Platz war die Kirche an diesem strahlend hellen Pfingstmontag gefüllt. Nur ein wenig war die Werbetrommel gerührt worden und dennoch hatten viele den Weg in ihre Hoffnungskirche gefunden. Bläser aus Ludwigsdorf und Zodel hatten Aufstellung genommen und begrüßten die Gottesdienstbesucher mit föhlichen Chorälen. Auf der Empore, direkt vor dem barocken Orgelprospekt ließ der kleine, wiewohl feine Kirchenchor die Stimmen zum Lobe Gottes erschallen.
Danach versammelte sich die Festgemeinde auf der Freifläche vor dem Gemeindehaus, um bei herzhaftem oder süßem Imbiß miteinander ins Gespräch zu kommen, Erinnerungen auszutauschen und Pläne für die Zukunft zu schmieden.

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