Fundstück: Gersdorf
Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)
Gersdorf O/L
Lage und Geschichte
Gersdorf O/L, einst dem Kreise Görlitz zugehörig, jetzt Kreis Niesky O/L, ist Bahnstation. Es ist das erste Dorf nach Görlitz – Schlauroth an der Strecke Görlitz – Reichenbach – Bautzen – Dresden, das diesen Vorzug genießt. Alle Brennpunkte städtischen Lebens stehen den Gersdorfern offen, und diese Tatsache hat sicherlich Einfluss auf das Leben und Treiben im Dorf. Da gibt es Besuche herüber und hinüber, und gegenseitiges Verstehen bahnt sich an. Wer sich in die Ortsgeschichte von Gersdorf, geschrieben von Pastor und Kreisschulinspektor Brückner, vertieft, wird erfahren, dass sich etwa im 7. Jahrhundert nach Chr. hier die Sorbenwenden niederließen. Sie hatten nur in den ebenen, höchstens welligen Gegenden des Landes mit leichten Böden angesiedelt, die sie allein mit ihrem gebrechlichen Holzpfluge oder Haken zu bearbeiten vermochten. Die gebirgigen, mit Wald und Gestein bedeckten Gegenden nach dem Süden der Oberlausitz zu, wo auch Gersdorf liegt, ließen sie unbesiedelt.
Ihre Dörfer waren nach slawischer Siedlungsweise eng um einen freien Platz in der Mitte gruppiert, während sich das deutsche Dorf in der Regel langhin auf beiden Seiten eines Baches zieht. Ziemlich gleich weit voneinander entfernt liegen die einzelnen Bauerngehöfte.
Gersdorf ist sowohl nach seiner Anlage, wie nach seinem Namen von Anfang an eine deutsche Ansiedlung. Ursprünglich war das Land Milska – so hieß die Oberlausitz – Wendenland. Erst Ende des 12. oder Anfang des 13. Jahrhunderts erhielt unsere Gegend einen starken Zuwachs an deutschen Bewohnern aus dem Westen. Die alte Königliche Straße ( via regia ) von Königsbrück bis Lauban, die Gersdorf nahe berührte, wurde der urchgangsweg für Tausende von Kolonisten. So entstanden sämtliche am weißen Schöps sich entlang ziehenden echt deutschen Dörfer von Deutsch – Paulsdorf bis Kodersdorf und um 1200 auch Gersdorf.
Das Geschäft, Ansiedler in der Nähe oder Ferne anzuwerben, überließen die ersten Grundherren einzelnen Unternehmern, "Lokatoren " genannt. Sie vermaßen das ihnen übergebene Land nach Hufen, wiesen es den Kolonisten zu und leiteten so die erste Einrichtung der Dorfgemeinde. Im voraus waren ihnen eine oder einige Freihufen zugesichert, und meist waren sie die ersten Dorfrichter. Eine oder mehrere Hufen wurden gleich bei der Anlage des Dorfes für die künftige Kirche und Pfarre bestimmt; denn die Deutschen wollten in ihrem Dorfe eine eigene Kirche besitzen, und das Widmutsgut sollte zum Unterhalt des Pfarrers dienen.
Die Kirchgemeinde
Von den rund 930 Einwohnern des Dorfes gehören heute etwa 850 der evangelischen Konfession an, und rund 30 % sind Flüchtlinge und Umsiedler. Das Dorf besitzt Kirche, Friedhof und Pfarrhaus. Seit 1. Mai 1943 ist Herr Pfarrer Schachschal als Ortsgeistlicher tätig; er hatte zunächst (bis 1947) auch die vakante Pfarrstelle von Friedersdorf zu verwalten.
Die Kirche ist zuerst 1346 in der Matrikel des Bistums Meißen erwähnt. Wann die Reformation Eingang fand, lässt sich auf Jahr und Tag nicht bestimmen, da sie nicht nur einmal, sonder allmählich durchdrang. Als erster evangelischer Pfarrer wird Franziskus Hiller (1539) erwähnt. Daß am 23. Januar 1534 die Gersdorfer Kirche erbrochen und ihrer Kelche beraubt wurde, mag wohl den Wirren zuzuschreiben sein, die die Einführung der Reformation hervorriefen. Kirchenpatron war von jeher der Gutsherr. Sein Patronatsrecht ist ein historisch begründetes Recht, da der Grundherr es war, der die Kirche errichtete und sie und die Pfarre mit Widmut und anderen Einkünften ausstattete und in der Folgezeit für ihre Unterhaltung sorgte. Dem Patron stand das Recht der Pfarrwahl zu. Mit der Verwaltung der äußeren Kirchensachen waren früher neben dem Pfarrer zwei von der Herrschaft ernannte Kirchväter betraut. Bei Übernahme ihres Amts hatten sie folgenden Eid zu schwören: „ Ich N.N schwöre zu Gott, dem Allmächtigen, und dem Hoch – und Wohl – Edelgeborenen Herrn N.N. (!) als Erb – und Lehnsherrn dieses Orts, dass ich mir denen Intradan und Einkommen der Kirche allhier zu Girsdorf nützlich und bewahrsam umgehen, derselben nichts wissentlich verwenden und Unrecht tun: Sondern wie einem ehrlichen und getreuen Kirchvater gehöret und zustehet in allem mich zu verhalten. So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium und meines Erlösers Jesu Christi willen. Amen.“
Anstelle der Kirchväter trat im Jahre 1851 ein Gemeindekirchenrat. „Kirchvater“ heißt seitdem der Küster. Es gab bis 1944 zwei Küster, welche abwechselnd Dienst taten. Ab 1944 wird dieser Dienst hauptsächlich von bestimmten Jugendlichen versehen, welche dann zugleich zum Helferkreis gehören. Der eine Kirchvater – Herr Richard Obse – jetzt fast 80 Jahre alt, ist honoris causa im Amt geblieben und hilft zu Festtagen in alter Treue mit.
Um das Jahr 1430 wurde auch die Gersdorfer Kirche wie die meisten Landkirchen der Umgebung von den Hussiten in Brand gesteckt, wobei wohl kaum mehr als die Umfassungsmauern stehen blieben. Sie ist nach den Hussitenkriegen schöner wieder aufgebaut worden. 1685 wurden die Kirchenfenster vergrößert. Wesentliche Änderungen werden erst wieder 1830 durchgeführt, die Sakristei abgebrochen, die Haupttür an die Stirnseite verlegt u.a.m..
1854 erhielt die Gemeinde eine neue Orgel, und 1889 wurde die Kirche vergrößert, äußerlich neu geputzt und der ganze Turm ausgebessert und neu gestrichen. Die Sakristei wurde in einen bis dahin als Gruft dienenden Raum verlegt, entbehrliche Emporen im Altarraum wurden beseitigt und ein unzweckmäßiger Eingang vermauert. Der Turm trug drei alte, aus katholischer Zeit stammende Glocken, von denen die große die Umschrift aufwies: „Ave Maria benedicta virgo mater dei cum pace“ ( Sei gegrüßt, Maria, du gebenedeite Jungfrau, Mutter Gottes, mit Frieden“). An wertvollen Altertümern besitzt die Kirche eine Altarbibel, gedruckt in Lüneburg 1665 und eine alte Begräbnisfahne, die jetzt, unter Glas gebracht, im Altarraum aufgehängt ist. Und sie besaß einen leider verloren gegangenen kunstreich gearbeiteten vergoldeten Abendmahlkelch vom Jahre 1705. Eine Steinplastik, Joachim Ernst von Nostiz und seine Gemahlin darstellend, sowie ein Steinsarg mit den Gebeinen des eben Genannten zeugen von der Kunst der alten Steinmetzen. Nach der gründlichen Erneuerung der Kirche im Jahre 1889 wurde am 1. Dezember des gleichen Jahres die Kirche von neuem feierlich eingeweiht. Den Festgottesdienst, an dem die Gemeide fast vollzählig teilnahm, hielt Generalsuperintendent Dr. Erdmann aus Breslau. In den letzten Kriegstagen 1945 büßte die Kirche nur ihre Fenster ein, die ohne fremde Beihilfe allein aus Opfergaben der Gemeinde stilgetreu wiederhergestellt wurden. In der im Jahre 1934 in ein evangelisches Jugendheim umgebauten Pfarrscheune sind heute die Kantoratswohnung und ein Gemeindesaal für die Christenlehre und den Konfirmandenuntericht untergebracht. Auch die Männerabende, sowie die Zusammenkünfte der Frauenhilfe und der Jungen Gemeinde werden dort abgehalten. Im Winter finden dort auch Gottesdienste und Kindergottesdienste statt.
