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Fundstück: Geierswalde - Sonntagsfrieden im Dorf.

Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)

“Umfangen von der tragenden Kraft seiner Felder, gegründet in dem ewigen Mutterboden einfachen Daseins liegt das Dorf.
Sonntag.
Stille, die man hört, liegt über dem Land. Anders als sonnst stehen die Stimmen des Dorfes in der Luft. Seltsam neu treten Mensch, Tier, Garten und Feld aus des siebenden Tages tiefer Ruhe, die sich feierlich um das Herz legt, wenn dunkel und zwingend die Glocke der alten kleinen Kirche ruft.
Da öffnen sich die Türen und in gemessenem Schreiten, das nichts hat vom harten Tritt des Arbeitstages, kommen die Männer, Frauen und Kinder. Wie Tropfen sich sammelnd, strömen sie zum Gotteshaus, das im Frieden seines Hofes sie einmal behalten wird, wie es ihre Väter aufnahm und hält in treuer Hut.
Alte, alte Kirche – altes, altes Menschenherz, das der Ruhe bedarf und des Friedens des siebenden Tages.“

Diese Worte begleiten eine Reihe von Bildern oberlausitzer Großväter, Väter, Mütter und Kinder in ihrer heimischen Lausitzer Tracht. Diese Bilder verraten mehr vom Wesen der Heimat und ihrer Menschen, als es langwierige Erzählungen vermöchten, denn sie schildern Lebendiges.
Trotzdem wollen wir heute im Rahmen des Lausitzer Gemeinde – ABCs doch wieder einiges verraten aus der Geschichte von Geyerswalde (wendisch Dejn), aus dem zum großen Teil diese Bilder stammen.
Das Dorf liegt 1,5 Meilen nördlich von Hoyerswerda an der schwarzen Elster und grenzt an Seade, Tätschwitz, Laubusch, Neuwiese, Klein – und Groß – Partwitz, Klein- Koschen und die staatliche Waldung.
Über den Ursprung des Ortes und den Namen ist nichts Gewisses zu sagen. Das er von Geier abstammen soll, ist unwahrscheinlich. Allerdings waren hier bedeutende Sümpfe, mit Laubholz bewachsen (ljesy), wo sich wohl Fischreiher, aber keine Geier aufgehalten haben mögen.
Noch vor 80 – 90 Jahren versank das Vieh in diesem Sumpfland, und die Fischer wateten bis unter die Arme im Moor. Seit der Separation sind die Sümpfe in Wiesen verwandelt worden. In alter Zeit hat das Dorf näher an der schwarzen Elster, nach Tätzschwitz zu, wie auch die Ackerstücke, wo es gestanden, noch jetzt “stara wjes“ (altes Dorf) genannt werden. Wegen großer Überschwemmung ist es später weiter nach Norden gebaut worden. Nach dem großen Brande 1740 bauten sich mehrere nach Ost zu an, und es entstand das jetzige neue Dorf.
Der Boden der Umgebung ist teils lehmig und teils sandig und eignet sich vorzüglich Roggen, Heidekorn, Hirse und Kartoffeln, Weizen, Gerste, Hafer und Flachs werden nur für den Hausbedarf gewonnen, da es an Sommersaatacker fehlt. Seit der Separation ist viel des schlechten Ackers zu Forstland geworden und mit Kiefern bepflanzt. Die Schafzucht ist seit einigen Jahren eingestellt, um die neu angelegten Forsten zu schonen. Geyerswalde mußte einst seine Dienste bei dem Vorwerk Kortitz verrichten, wo jetzt noch die Kortitzmühle steht. Dieses Kortitz nebst einer Schäferei soll ein Mönchskloster gewesen sein, wie Frenzel in seiner Chronik erzählt. In nachfolgenden Zeiten haben zwei alte Jungfern dieses Vorwerk besessen, weshalb noch heute ein Stück Land, das sie urbar machten, “Jungfernstück“ heißt. Im Jahre 1766, den 29.September, wurde das Vorwerk an 22 Hüfner, 6 Gärtner und 2 Häusler von Geyerswalde in Erbpacht ausgetan, mit Ausnahme der 5 Teiche. Das Schloss mit den Wirtschaftsgebäuden wurde von den Erbpächtern angekauft, abgetragen, und die Baumaterialien wurden unter die Pächter verteilt. Der unter dem Schloss befindliche Keller und das Gesindehaus stehen noch und gehören jetzt zur Mühle, die stets ihren eignen Pächter hatte.
Gleich nach dem Dorfe hinter der Kirche liegt das Rittergut Skade (wendisch Skadow). Ehe dieses Dorf erbauet wurde, erzählt der Chronist Frenzel, hatten die Geyerswalder am selben Orte ihre beste Hutung, Graserei, Streu und Holz. Da nun angefangen wurde, den Ort zu bauen, so sagten die Geyerswalder: “ckoda“ d.h. „Schade“, das hier ein Dorf gebaut wird, wodurch sie vielen Schaden an Holz und Viehweide zu gewärtigen hatten, welches auch geschehen und der Ort dadurch seinen Namen erhalten.
In der Nähe von Geyerswalde scheinen noch Überreste der alten Wenden und ihres Gottesdienstes zu sein. Man hat in der Gegend Geyerswalde, Tätschwitz, Koschen, Laute, Hosena, usw. öftere Überbleibsel von der Heidenzeit gefunden, die vermuten lassen, daß hier in der Nähe von einzelnen Anhöhen, wie z.B. des Koschenberges, die alten Wenden gelebt und ihre Begräbnisorte und Operaltäre gehabt haben. Eine alte Sage erzählt, daß ja auch hier die große Schlacht unter dem deutschen Kaiser Heinrich I. 923 geschlagen wurde, in welcher die Wenden besiegt wurden.
Hiernach lässt sich auch vermuten, daß Geyerswalde wohl über 1000 Jahre alt sein möge. Die Lage des Ortes zwischen zwei großen Sümpfen links und rechts, wohin die Wenden von den Höhen durch die Germanen zurückgedrängt wurden, oder sich selbst in unzugängliche Gegenden zurückzogen, bestätigt diese Vermutung.

Christentum und Schicksal der Kirche.

Als die Christen hier eingedrungen, mögen sie die heidnischen Opferaltäre mit Sand verschüttet und dafür steinerne Kreuze, die man noch hier und da findet, errichtet haben. Wann die Reformation hier Eingang gefunden hat, ist unbekannt. Vor der Reformation mußte alle 14 Tage ein Pater kommen und hier Messen lesen. Bald nach der Reformation scheint auch Geyerswalde seinen eigenen Pfarrer erhalten zu haben. Die jetzige Kirche ist ganz massiv von Bruchsteinen 1678 bis 1679 erbaut, nachdem die erste alte von Holz erbaute Kirche bei dem großen Brand 1674 den 11. Mai, wobei das ganze Dorf abbrannte, ein Raub der Flammen wurde.
Bei dem großen Brande 1740 blieb die Kirche stehen. Im Jahre 1726 wurden bedeutende Reparaturen vorgenommen, neue Sparren und Balken eingezogen, an der Südseite ein neues Chor gebaut, die Fenster vergrößert und statt der runden Fensterscheiben andere eingesetzt; am westlichen Ende die Decke erhöht, um später die Orgel aufstellen zu können, die aber leider bis heute noch fehlt. In den Jahren 1834 und 1835 erhielt die Kirche einige nicht unbedeutende Geschenke: eine neue Kanzel-, Taufstein- und Altarbekleidung, von mehrerer Frauen des Ortes geschafft, ein gußeisernes Kreuz mit Vergoldung (von Krugbesitzer Säuberlich) Zwei geschliffene Glaskelche, sowie Flasche, Teller und Oblatenbehälter.
Der an der westlichen Seite der Kirche stehende Turm wurde erst im Jahre 1792 angebaut, bis zu welchem Jahre die vorhandenen Glocken in einem hölzernen Glockenhäuschen hingen, das im Jahre 1843 abgetragen wurde. Die Veranlassung zum Turmbau ist seltsam genug. Infolge eines langjährigen und endlich zu Gunsten der Gemeinde entscheidenden Gänseprozesses mit dem damaligen Rittergutsbesitzer von Seade wegen Aushutungsrecht mit Gänsen auf einer Koppelhutung mit dem Dominium Seade, wurde auf Vorschlag einiger Gemeindemitglieder beschlossen, zum Andenken an diesen glücklich beendeten Prozeß einen Turm zu erbauen. – Die ersten Glocken waren 1682 in Dresden gegossen worden, wovon die kleinere am 27.Mai 1742 zersprang und im darauf folgenden Jahre von Weinholz in Dresden umgegossen wurde. Im Jahre 1823 zersprang auch die große Glocke und wurde erst im Jahre 1834 von J. Gottlieb Hadank zu Hoyerswerda umgegossen und am 5. Oktober von Pastor Kubitze eingeweiht.

Die Schule.

Wann die Schule hier entstand, ist nicht genau bekannt. Im Jahre 1648 soll die Gemeinde das so genannte “ Tischlers Häusel“ zur Schulwohnung geschenkt haben. Das jetzige Schulhaus wurde im Jahre 1824 auf der Stelle des alten Spritzenhauses von der Gemeinde neu erbaut, weil nach Einschulung der Schulkinder von Seade nach Geyerswalde im Jahre 1820 das alte baufällige Schulhaus nicht mehr ausreichte.

Die Kirchgemeinden einst und jetzt.

Aus der von 1542 an bis in die Mitte des 19.Jahrhunders fortgeführten Chronik vermögen wir hier nur Weniges wiederzugeben: Aus dieser Zeit sind 19 Pastoren als Geistliche und 15 Schullehrer namentlich aufgeführt. Aus der buntem Fülle der zwischen 1616 und 1851 gewissenhaft festgehaltenen “Merkwürdigen Begebenheiten und Curiosa“ seien nur diejenigen Erlebnisse der Gemeinde genannt, die tief in ihren Bestand und das Dasein ihrer Glieder eingriffen.
Sechs z.T. verheerende Brände haben das Dort wiederholt in Schutt und Asche gelegt. 1674, am 11.Mai brannte, das ganze Dorf samt Kirche ab, am 19.April 1693 brannte wieder das ganze Dorf bis auf die Kirche ab. Es heißt am Schluss des Berichts über dieses Unglück: “Und so oft Gott das Dorf mit Feuer heimgesucht, ist auch die Pfarre abgebrannt.“ 1740, am 3.Juli, kam wieder in der Schenke beim Malzdarren Feuer aus, wodurch innerhalb einer Stunde das ganze Dorf bis auf die Kirche und zwei Häusler in Asche gelegt wurde.
Viermal schlug das Wetter in der Nähe des Ortes ein, einmal mitten im Dorfe unweit der Schmiede, “es war also für die armen Einwohner ein rechtes Angstjahr.“ - Von den aufgezählten 16 tödlichen Unfällen (darunter ein Totschlag um 6 Pfennig) zählen wir allein 8mal “Ertrinken im Pfuhl.“ – Auch andre Heimsuchungen, Truppendurchmärsche 1705 und 1813, Kirchenraub eine Heuschreckenplage 1771, Mißernten u.a.m. sind Geyersso wie andern Orten nicht erspart geblieben. Es gab wirklich keine sogenannte “gute alte Zeit“, wie gefühlsselige Leute meinen. Hart ist das Leben in unserm Land und es formt den Menschen nach dem Willen des Höchsten. – Zweimal sind wie schon berichtet, die Kirchenglocken gesprungen und mußten umgegossen werden. Die Pest forderte ihre Opfer und ängstigte die Menschen. Aber in aller leiblichen und seelischen Not gab es doch auch erfrischende Beweise gegenseitiger Hilfe und Opferbereitschaft. So ließ 1697 Hans Tabor, ein Hüfner, aus Laubusch, auf seine eignen Kosten einen neuen Altar und einen Taufstein aus Holz machen. 1730 ließen einige Wirte von Laubusch und Geyerswalde auf eigne Kosten eine neue Emporkirche bauen, so wie die Mädde beider Orte den Altar grün bekleideten.
Jung und Alt werden die beiden Sagen interessieren, die sich, von Mund zu Mund weitererzählt, bis auf den heutigen Tag erhalten haben: 1.) Vor vielen Jahren grassierte in hiesigem Orte die Viehseuche auf eine schreckliche Art. Es war an einem Sonnabend morgens, als ein hiesiger Einwohner mit zwei munteren Öchslein ein Fuder Dünger durchs Dorf fuhr. Er war kaum zu Ende des Dorfes gekommen, als seine Öchslein stehen blieben und nicht von der Stelle gingen. Es versammelten sich gute Freunde und Nachbarn, um ihm mit Rat und Tat beizustehen. Umsonst, seine Öchslein fielen, und so ein Gespann nach dem andern, bis an einem Sonnabend mit einem Fuder Dünger das letzte Gespann des Dorfes fiel. Von dieser Zeit an wurde bis jetzt des Sonnabends kein Dünger im hiesigen Orte gefahren.
2.) Nördlich zwischen dem Dorfkruge und der Dorfstraße liegt ein Kreuz, das “Pestkreuz“ genannt. Als vor vielen hundert Jahren, erzählt die Sage, die Pest in hiesiger Gemeinde schrecklich wütete, kam sie auch in Gestalt einer großen Kugel gegen Geierswalde, was damals mehr nach Süden zu lag. Die Kugel blieb in einem Morastloche stecken. Beherzte wendische Jungfrauen ergriffen einen Stein (dieses Kreuz), warfen ihn auf das Loch, wodurch die Pestkugel aufgehalten wurde, die Pest ihr Ende erreichte und Geierswalde davon verschont blieb. Zum Andenken daran wird alljährlich am Ostersonnabend dieser Stein vom Schmutz gereinigt, mit weißem Sande umstreut und in der Osternacht um 12 Uhr von dem Jungfrauen des Ortes umringt und ein Kirchenlied gesungen, während die jungen Burschen mit beiden Kirchenglocken hierzu läuten. Hierauf wird der übliche Umgang singend im Dorf abgehalten.
So sind wir über das Sagenhafte in die Gegenwart gelangt. Gewiß, wenn auch äußerer Einfluß heute manchen veranlassen mag, die Kirche zu meiden und sich nicht mehr freudig als Christ zu bekennen und zu betätigen, so besuchen doch alle mit geringen Ausnahmen regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst. In beiden Gemeinden ist des Sonntags außer dem Gottesdienst auch Kindergottesdienst, (in Tätzschwitz 14 tägig). Die Christenlehrer wird vom Pfarrer und seiner Frau gehalten, und zwar sind immer zwei Jahrgänge zusammengefaßt. Die Konfirmanden aus Tätzschwitz und Geierswalde – Skado treffen sich in Geierswalde zum gemeinsamen Unterricht beim Pfarrer; die Konfirmation aber findet getrennt in jeder Gemeinde statt. Die Jugendarbeit ist im Aufbau begriffen. Taufen, kirchliche Trauungen und kirchliche Beerdigungen werden noch von allen begehrt.
Rege und mit lebendiger Anteilnahme setzte sich der Gemeindekirchenrat, der durch einen Beirat (den Helferkreis) ergänzt wird, für die Gemeinde ein. In beiden Gemeinden besteht noch das Ehrenamt des Kirchenvaters. Die Kirchenväter, von denen jede Gemeinde zwei hat, sind nicht, wie sonst üblich, “Kirchendiener“, sondern noch die alten Kirchenvorsteher. Der erste Kirchenvater ist stellvertretender Vorsitzender des Gemeindekirchenrates und trägt neben den Pfarrer die Hauptverantwortung für die Gemeinde. Im Winter werden in beiden Gemeinden regelmäßig Bibelstunden gehalten, in der Passionszeit Passionsandachten, die gut besucht sind. Die Flüchtlingsfamilien besuchen regelmäßig den Gottesdienst, auch katholische Christen. Der neu eingeführte Diakoniegroschen hat zu einem erfreulichen Erfolg geführt.
Es wird nötig sein, die aus der Schule entlassene und konfirmierte Jugend weiterhin zu fördern und zu betreuen, damit sie vor seichtem Zeitvertreib und bedenklichen “Vergnügungen“ bewahrt bleiben.

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