Fundstück: Gablenz O/L
Abschrift: Oberlausitzer Gemeinde-ABC. (Artikelreihe in "Die Kirche", 1950 bis 1952)
Gablenz O/L
Im nördlichsten Zipfel unseres Kirchengebietes, zwischen Weisswasser und Muskau, liegt das Kirchdorf Gablenz mit den eingepfarrten brandenburgischen Dörfern, Jämlitz, Kromlau und Klein-Düben. Einst an der großen Heerstraße gelegen, auf der nach dem Bericht des Chronisten unter Napoleon sechshunderttausend Mann nach Rußland zogen, führt es heute ein etwas abseitiges Dasein und ist nur durch eine Zweigstraße mit der Bautzener Hauptstraße Weißwasser- Muskau verbunden. Das Kirchspiel umfasst etwa 2.300 Seelen, Davon 1.300 in Gablenz, das mit 1.600 Einwohnern das größte Dorf ist. Gablenz ist der Typ eines Dorfes von werktätigen Bauern, die in unermüdlichem Fleiß dem kargen Heideboden seine Erträgnisse abringen. Eine große Landwirtschaft hat sich auf der von Wäldern rundum begrenzten Flur nicht entwickeln können. So sind ein hoher Prozentsatz der Belegschaften in den Gruben und Glaswerken von Weisswasser Arbeiter aus Gablenz, die daheim noch eine kleine Wirtschaft von zwei bis zehn Morgen oder auch mehr bestellen und mit Frau und Kindern und Eltern rastlos tätig sind, so daß über dem Leben fast aller das Wort aus dem 90. Psalm seine Geltung hat: „ Wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“
Aber Gott sei gedankt: Die Gablenzer wissen nicht nur von Mühe und Arbeit. Sie wissen auch von dem köstlichen Lebenswege, von dem der Apostel Paulus im 1. Korintherbriefe, Kapitel 12, Vers 31 geschrieben hat: von dem Wege der Liebe. Daß hier in vielen Herzen durch die Jahrhunderte hindurch ein echtes Feuer der Gottesliebe und Menschenliebe gebrannt hat und noch heute in vielen Herzen brennt, davon gibt nicht nur das stattliche, im Siebenjährigen Kriege (1756-1763) neu erbaute Gotteshaus Zeugnis, sondern auch das heutige Gemeindeleben, das doch nach göttlicher Verheißung auch lebt von dem Segen, den Väter und Vorväter, Lehrer und Seelsorger der Vergangenheit aus einem Leben in Glaubenstreue und barmherziger Liebe den Nachkommen mitgegeben haben. Wenn man bedenkt, daß der Chronist im Jahre 1830 davon berichtet, wie der hiesige Volkstamm einst in der Zeit des Heidentums „seine alten abgelebten Eltern mit einem Brote in die wüste Waldung geführt und dann verhungern läßt, weil sie nicht mehr auf die ermüdende weite Jagt mitgehen können“, so zeugt der Bericht desselben Pfarrers von der tiefen Wandlung der Gesinnung in der christlichen Zeit, da er berichten kann daß sie „bis auf den heutigen Tag meist das Brot wovon sie essen, mit einem Tuche zugedeckt auf dem Tische liegen lassen, um es so sogleich den bittenden, armen und ankommenden Gästen zur Speise darreichen zu können“ . Solche barmherzige Liebe hat auch in den Notjahren nach dem letzten Kriege ihre Bewährungsprobe bestanden, und in vielen Häusern haben die notleidenden Städter nicht vergeblich an die Türen geklopft. Als es dann galt, das durch den Krieg mitgenommene Gotteshaus wiederherzustellen, konnte das Dach durch eine Dachsteinsammlung im Dorfe gedeckt werden, und bereits am 1. Advent 1948 kündete ein neues Geläut aus drei Stahlglocken von der Opferbereitschaft der Gemeinde. 1950 hat die Gemeinde den Gefallenen des letzten Krieges eine Gedächtnismal gesetzt, nicht als ein „Kriegerdenkmal“ im üblichen Sinne; sondern als eine Stätte, wo die Namen aller derer, die während des Krieges und noch hernach bis 1948 fern der Heimat gestorben sind, unter dem Kreuze Christi ein bleibendes Gedenken gefunden haben. Dazu wurde der Turmvorraum zu einer würdigen Gedächtnishalle gewandelt, so daß jeder beim Eingang in das Gotteshaus am Denkmal der Verstorbenen vorübergeht, das zudem durch die Blumengaben der Angehörigen in einem würdigen Schmuck steht. Die meisterhafte Schnitzarbeit leistete die Synodale unserer Kirche, Fräulein v. Philipsborn, Bildhauerin in Trebendorf, der die Gemeinde für dieses Kunstwerk großen Dank schuldet. Auf der einen Tafel findet sich in der Mitte zwischen den Namen ein geschnitzter Kruzifixus mit den Worten: Fürchte dich nicht, denn Ich habe dich erlöst“, auf der andern Tafel die Statue des Auferstandenen: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“. Doch abgesehen von solcher äußerer Opferbereitschaft, hat auch im innern Leben die kirchliche Erneuerung durch das lebendige Wort Gottes manchen frohmachenden Handel geschaffen.
So werden die meisten Taufen zur Freude der ganzen Gemeinde im Sonntagsgottesdienst nach der Predigt gehalten, eine kleine bekennende Gemeinde sammelt sich Woche für Woche zur Feier des Heiligen Abendmahls, die „Frohe Botschaft für jedermann“ (herausgegeben von Diakon Schoch - Berlin) tut wöchentlich in hundert Exemplaren von Haus zu Haus als bester Volksmissionar ihren guten Dienst, und der Christliche Abreißkalender ist ein gern dazu unentbehrlicher Freund vieler christlicher Häuser geworden, aus dem man sich mit wachsender Liebe und Treue täglich das Wort des Herrn sagen läßt. Auch in Kromlau findet sich gern eine Gemeinde zu Gottesdiensten in der Kapelle des kommunalen Friedhofes zusammen und in Klein –Lüben wie in Jämlitz und Jämlitz- Hütte erwartet man immer mit Freuden die Bibelstunden.
So ist die Saat nicht ohne Frucht geblieben, die vor etwa 700 Jahren die ersten Boten des Herrn hier ausgestreut haben. Vermutlich ist das Kirchspiel Gablenz im 13. Jahrhundert unter dem Wendenapostel Methodius aus Böhmen erstanden. In der bekannten Meißner Bistumsmatrikel von 1346 wird es als zur Bautzener Probstei gehörig erwähnt. Das ursprüngliche Gotteshaus wurde im Siebenjährigen Kriege zur Zeit des Pfarrers Johann Kolar und unter dem Muskauer Standesherrn Johann Alexander Graf von Callenberg durch ein neues größeres ersetzen, das wenn Gott will, im Jahre 1959 sein 200jähriges Jubiläum feiern darf. Unter den Pfarrern der Vergangenheit seien besonders folgende erwähnt: Johann Schulze, der in den schweren Zeiten des Dreißigjährigen Krieges von 1611-1643 der Gemeinde gedient hat, und Peter Friedrich Halke, der mit 47 Jahren die längste Amtszeit in Gablenz erreichte. Ihm verdankt die Gemeinde eine überaus wertvolle Chronik, in welcher nicht nur die kirchlichen Ereignisse vermeldet sind, sondern auch viele historische Begebenheiten, vom Durchzug der Armee Napoleons bis hin zu der Nachricht, daß beim Bauer Starick 1672 ein Kalb mit zwei Köpfen geboren wurde. In ganz besonderer Treue hat Pfarrer Halke der Gemeinde gedient, als im Jahre 1813 eine Typhusepidemie ausbrach. Ihm und seiner Frau hat die dankbare Gemeinde die Grabstätte an der Südseite der Kirche gerichtet und ein großes Denkmal gesetzt, auf dem die Worte aus Daniel 12 Vers 3 geschrieben stehen: „Die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich“.
Den Alten im Kirchspiel Gablenz zuliebe seien auch noch die Pfarrer der letzten Jahrzehnte genannt, die manche der noch Lebenden getauft, konfirmiert oder getraut haben. Da steht an der Jahrhundertwende eine markante Persönlichkeit vor uns in dem Pfarrer Friedrich Franz Neumann (von 1888-1901). Als Pfarrer und Kreisschulinspektor war er gefürchtet und hochgeehrt. Um Kirche und Pfarrer hat er sich große Verdienste erworben. Zu seiner Zeit erhielt das Gotteshaus die beiden schönen Buntglasfenster im Altarraum. Ihm folgte von 1901 bis 1916 Pfarrer Adolf Aisch, der die gedruckte Chronik des Kirchspiels herausgab und von Gablenz aus einem ehrenvollen Rufe nach Weisswasser folgte. Er lebt heute im hohen Alter von 83 Jahren in Tündern bei Hameln und ist mit der Gemeinde durch einen lieben Briefwechsel verbunden. Am 12. Dezember 1950 waren es 50 Jahre her, daß er in Gablenz eingeführt wurde. Ihm folgte Pfarrer Gerhart Wessel, der 1927 nach Neurode ging und seit Kriegsende nicht weit von Gablenz in Hähnichen seine letzte Ruhestatt gefunden hat. Sein Nachfolger war Pfarrer Ekkehart Hübner, der heute in Groß- Tschacksdorf bei Forst die Pfarrstelle inne hat. Seit November 1946 wird das Pfarramt von Pfarrer Hans Joachim Kuhnt verwaltet.
Eine Dorfgemeinde nur wie viele andere in der Oberlausitz, so geht die Christenschar von Gablenz getrost ihren Weg, hineingestellt in mancherlei Anfechtung, aber überreich getröstet von ihrem Herrn, beseelt von dem einem Wunsche, daß sie nicht vergeblich berufen ward, sondern ein Baustein sei zur Ehre Gottes in Seinem Reich.
Kuhnt
