Nachlese: Christian Knauthe 1706 - 1784. Pfarrer - Forscher - Wissenschaftler
Schlesischer Gottesfreund, 58. Jg. / Februar 2007/ S. 19
In Friedersdorf gedachte die Gemeinde mit einem Festsonntag der 300sten Wiederkehr des Geburtsjahres des bedeutenden Oberlausitzer Geschichtsschreibers und Pfarrers.
von Andreas Neumann-Nochten
Vor ein paar Wochen erreichte mich die Einladung zur Knauthe-Ehrung. Ich mußte gestehen mit dessen Namen bislang noch nicht in Berührung gekommen zu sein. Meinem bereits etwas betagten Lexikon konnte ich keine Informationen entnehmen. Da des Tages Arbeit getan war und das Wetter nicht zum nächtlichen Spaziergang einlud, begab ich mich auf eine kleine Entdeckungsreise ins Internet.
Und so begegnete ich dem Mann, zu dessen ehrendem Gedenken die evangelische Kirchengemeinde Friedersdorf den Festsonntag gestaltete, zum ersten Mal auf eher ungewöhnliche Weise, nämlich auf der Internetseite eines beliebten hiesigen Restaurants.
Gleich zu Beginn fielen mir die nachfolgend wiedergegebenen Zeilen ins Auge:
„…Die Sonne ist der vornehmste Gasthof vor den Toren der Stadt. Hier kehren mehrenteils die Fuhrleute und Viehhändler ein, weil sich hier selbst viel Stallung befindet. Hinter der 'Sonne' sind alte Steinbrüche. Einer ist voll Wasser und wird als Sauteich bezeichnet, weil die Viehhändler, die in die 'Sonne' einkehren, dort ihr Vieh tränken. Ehedem soll der Gasthof 'Zu den Drei Krebsen' geheißen haben. Nach dem Mord am Letzen Bruder sei vom neuen Wirt das Schild abgenommen und eine güldene Sonne davor aufgerichtet worden.“
Als Verfasser dieser Zeilen war da „der bedeutendste Oberlausitzer Geschichtsforscher des 18. Jahrhunderts, Christian Knauthe“ angegeben.
Aha, der Mann war also nicht nur Pfarrer der Gemeinde Friedersdorf und – wie man annehmen möchte – auch Kenner der damaligen gastronomischen Szenerie von Görlitz, nein, er war auch Geschichtsschreiber.
Die Festveranstaltungen, mit Gottesdienst, Vorträgen und Filmvorführung haben gezeigt, daß der weitgehend in Vergessenheit geratene Knauthe in seiner Zeit mit beachtlichen Leistungen aufzuwarten wußte, mit Leistungen, die es zu erinnern gilt und die unsere Würdigung verdienen.
In seiner Festpredigt ließ Regionalbischof Dr. Hans-Wilhelm Pietz noch einmal den Menschen und Pfarrer der versammelten Gemeinde lebendig vor Augen treten: „Er sei ein gelehrter und begabter, wie strenger und fester Mann gewesen, sagten die Leute von ihm“. Mehr als 42 Jahre hat er für die 900 Friedersdorfer als Pfarrer und Seelsorger gewirkt, in einer Zeit der Umbrüche, der Entdeckungen in Natur- und Geschichtsforschung, aber auch in einer Zeit, „in der die Toleranz des Glaubens und die Toleranz der Vernunft gemeinsame Schritte ausprobierten.
Am 19. Dezember 1706 in Friedersdorf geboren, besuchte Knauthe das Görlitzer Gymnasium Augustum und studierte hernach in Leipzig Theologie und Philologie. Ab 1742 hatte er die Pfarrstelle in Friedersdorf inne und lebte hier bis zu seinem Tode am 7. Januar 1784.
Er hat in seinem Leben Schweres erdulden müssen: Krankheit und Tod der Kinder, den Brand des eigenen Hauses, verbunden mit dem unwiederbringlichen Verlust seiner Bibliothek. Aber eines wußte und bekannte er: Ich hoffe auf dich, Herr, - und schon ist mir geholfen.
Zuerst und vor allem war er Seelsorger. An mehr als 2000 Sonntagen stand er auf seiner Kanzel, predigte, lehrte und mahnte. Mehr denn 1000mal spendete er die Taufe und in etwa ebenso groß war die Zahl der Bestattungen, bei denen er tröstende Worte sprach.
Von enormer Bedeutung war ihm die Unterweisung der Kinder, nicht nur im Worte Gottes. Er war ein Förderer des Lernens und Lehrens. Im Jahre 1764 beklagt er sich darüber, dass manche Väter ihre Kinder gar nicht, manche nur wenige Wochen und nur die wenigsten das ganze Jahr über zur Schule schickten. Knauthe wußte, daß für das Wohl und Gedeihen, die Zukunft des Ortes eine „gute Schule“ unverzichtbar ist. So wurde er selbst zum Lehrenden und Forschenden.
1765 veröffentlichte er erstmal eine Friedersdorfer Ortschronik und machte sich mit seinen Forschungen zur Geschichte der Oberlausitz weit über die Grenzen selbiger hinaus einen Namen.
Mit seiner Schrift „Derer Oberlausitzer Sorberwenden Umstandliche Kirchengeschichte“ verfasste er 1767 eine wahre Enzyklopädie der Sorabistik. Insgesamt 65 besondere Druckschriften entstammen seiner Feder. Er befasste sich mit der Geschichte der Kirchen, der Schulen aber auch der des Druckereiwesens, in seiner Schrift „Annales typographici Lusatiae superioris“.
Am Ende seines Lebens bereitete ihm zunehmender Gedächtnisverlust viel Beschwernis, er mußte erfahren, wie es ist, sich selbst nicht mehr zu kennen und zu gehören, ja sich selbst nicht mehr zu erkennen.
Alles zu berichten, was am 7. Januar in Friedersdorf an Wissenswertem zu erfahren war, ist an dieser Stelle nicht möglich, aber auch nicht geboten.
Vor dem gemeinsamen Kaffeetrinken fand sich die Gemeinde am Grabstein, eingelassen in die Wand des alten Pfarrhauses ein und hörte zum Gedenken auf die Bibelworte, die am Tage seiner Bestattung erklungen waren.
Es blieb auch Zeit für einen Rundgang durch die ehrwürdige St. Ursula Kirche und die Besichtigung des „Knauthe-Zimmers“ im Obergeschoß des alten Friedersdorfer Pfarrhauses. Ob dieser Raum nun tatsächlich dessen Arbeitszimmer gewesen ist, wollte keiner mit Sicherheit angeben, immerhin aber sei gut vorstellbar, daß er in diesem schlicht gewölbten Gemach seiner Tätigkeit nachging. In einer kleinen Glasvitrine können auch künftig die Besucher unter anderem eine handschriftliche Sammlung von Leichenpredigten in Augenschein nehmen.
In den schon erwähnten gut besuchten Festvorträgen entwarf der Görlitzer Ratsarchivar Siegfried Hoche nochmals ein Lebensbild, sprach Pfarrer Jordanov über den Pfarrer und Seelsorger und der sorbische Superintendent Jan Mahling aus Bautzen ging ausführlicher auf Knauthes Beschäftigung mit der „Kirchengeschichte“ der Oberlausitzer Sorben ein.
Am Ende dieses ereignisreichen Tages bin ich um manches Wissen reicher geworden und froh darüber diesen Mann näher kennen gelernt zu haben. Er hat sich mir als Mensch vorgestellt, der als Forschender von nichts anderem bewegt war wie auch als Predigender: vom Wissen, daß alle Geschichte von Gott her kommt und zu ihm führt und von der Gewissheit, daß alles Werden und Wirken in Gottes Frieden mündet.
