Nachruf: „Keine Feier ohne Baier“

Wilfried Baier
Foto: Bettina Ernst-Bertram

Der frühere Akademieleiter und langjährige Landesposaunenpfarrer der Görlitzer Kirche, Wilfried Baier, ist am 25. Februar 2015 mit 81 Jahren gestorben.

Von Bettina Bertram

Die Stasi konstatierte 1981 zähneknirschend: „Es kann eingeschätzt werden, dass der Pfarrer Baier insgesamt die Fäden im Dorf zusammenhält und für die Stimmung im Dorf sorgt.“ Zu der Zeit bearbeitete sie den Markersdorfer Pfarrer Wilfried Baier, der zugleich Leiter der Evangelischen Akademie der Görlitzer Kirche war, im Operativen Vorgang „Mission“. Der den Menschen immer zugewandte Theologe las auch in seinen Akten, dass die Stasi ihn für einen „verstockten Christen“ (in Ruhland) und für einen „Kommunistenhasser“ (in Markersdorf) hielt, der nach Paragraf 106 („Staatsfeindliche Hetze“) im Visier stand und im Falle einer DDR-Staatskrise für „vorbeugende erzieherische Maßnahmen“ in einem Internierungslager unterzubringen gewesen wäre.

Baier war 35 Jahre Landesposaunenpfarrer der Görlitzer Kirche, 14 Jahre Kirchenleitungsmitglied und mit ganzem Herzen Landpfarrer, der Generationen von Menschen geprägt und beeindruckt hat - auch zuletzt noch, denn er lebte seit 18 Jahren tapfer mit einer Nervenkrankheit, die ihn von den Füßen aufwärts „lahm legte", während der Geist dabei gewohnt wendig blieb. In dieser Zeit hat er tiefschürfende und heitere Anekdoten und Tagebuchaufzeichnungen Band für Band im Eigenverlag herausgegeben. Es sind „verdichtete“ Begegnungen mit Zeitgenossen wie Bischof Hans-Joachim Fränkel, die er mit Humor, Mundartkolorit und philosophischer Tiefe beschreibt.

Leuchtspuren des Segens

Meist spielen aber Menschen, „die nicht im Rampenlicht stehen und dennoch Leuchtspuren des Segens hinterlassen“, bei ihm die Hauptrolle: Konfirmanden, die sich „Sioux“ nennen und ihn verschmitzt in ihre „Bude“ zum geklauten Hühnerschmaus einladen. Von einer fast vergessenen „Traufe“ (Trauung mit Taufe) handelt eine Story, eine andere vom Diensttrabanten, der unter der Anteilnahme der Landbevölkerung unfreiwillig im Dorfbach getauft wurde. Eine abenteuerliche Beerdigung in einem sorbischen Dorf mit allerhand abergläubischem Hokuspokus, so traurig auch der Anlass gewesen sein mag, erzählt Baier als wahren „Schenkelklopfer“. Als die Lähmung seine Stimmbänder bereits ergriff, haben wir - Pfarrer, Journalistin, Musiker, Freunde aus der Nachbarschaft - noch etliche musikalisch-literarische Geschichtenabende in Landschlössern und Pfarrhausdielen der Region für ihn und mit ihm absolviert.

Kein runder Geburtstag in Markersdorf, an dem Baier nicht mit einer Bläserabordnung erschienen wäre. „Keine Feier ohne Baier!“, diesen Slogan prustete Baier noch, als er schon krumm vor Krankheit war, die Sprechwerkzeuge erlahmt waren und er im Rollstuhl von seiner Familie oder treuen Freunden zu Gemeindefesten und Konzerten gebracht wurde. Denn das lebendige Interesse an seinen Mitmenschen und an der Musik blieb bis ins hohe Alter ungebrochen.

Der Kantoren- und Lehrersohn Wilfried Baier kam als Flüchtlingskind aus Schlesien in die Oberlausitz. Nach dem Abitur am Zinzendorfgymnasium in Niesky, dem Studium in Halle, der Vikariats- und Anfangszeit in Hoyerswerda und Ruhland blieb er mit seiner Familie für 25 Jahre als Pfarrer in Markersdorf, heute Kirchenkreis schlesische Oberlausitz.

Als Landesposaunenpfarrer und sprachtalentierter Theologe prägte er die Posaunenmission der Görlitzer Landeskirche und hat etlichen Bläsern bei Reisen nach Polen, Tschechien, Ungarn und Siebenbürgen das Tor zum Osten geöffnet. Lange Jahre lehrte er die biblischen Fächer an der Görlitzer Kirchenmusikschule und war in der Synode des Bundes der Ev. Kirchen aktiv. Sein dortiger „Banknachbar“ Walter Wessel erinnerte sich an Baier als „fröhlichen und mitreißenden“ Christen und als einen, „mit dem man hätte Pferde stehlen können“.