Vorstellung: Michael Jahn. „Über allem muß die Liebe stehen“

Pfarrer Michael Jahn

Michael Jahn (57) ist seit 2008 Pfarrer in der evangelischen Kirchengemeinde Krauschwitz und Podrosche / Pechern. Hier nimmt er oft weite Wege auf sich. Sie führen bis ins abgelegene Klein Priebus. Als Schwerpunkte seiner Gemeinde sieht er die Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit, die musikalische Arbeit und die Bibelarbeit in kleinen Hauskreisen.

Von Andreas Kirschke

Weite Wege nimmt Michael Jahn oft auf sich. Bis ins abgelegene Klein Priebus fährt der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinden Krauschwitz und Podrosche / Pechern. Zu ihr gehören etwa 900 Christen in Krauschwitz, Weißkeißel, Sagar, Skerbersdorf, Pechern, Werdeck, Podrosche und Klein Priebus. „Der Pfarrer ist wie ein Hirte. Er leitet zwar die Herde. Ist aber auch mit der Herde unterwegs“, verbildlicht der 57jährige. Die Herde braucht ihn. Und er braucht die Herde. Als Begleitung, Motivation und Korrektur. „Das ist meine Berufung“ sagt er und betont: „Über allem muss die Liebe stehen.“

Ursprünglich stammt Michael Jahn aus Schönebeck (Sachsen-Anhalt). Mit elf Jahren kam er in die Lausitz. Vater Eberhard Jahn wurde damals Pfarrer für Kunnerwitz und Jauernick bei Görlitz. Mutter Dita, gebürtige Lettin aus Riga, engagierte sich als Gemeindehelferin vor allem in der Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit. „Meine Eltern lebten uns den Glauben vor, gefeiert in den Gottesdiensten, gestärkt in den Sakramenten“ schildert Michael Jahn. Frühzeitig engagierte er sich mit in der Jungen Gemeinde Kunnerwitz. Als Heranwachsender suchte er nach den familiären Wurzeln des Glaubens. „Mutters Vater, Ernst Gurland, war Direk-tor des deutschen Gymnasiums in Riga. Er rief in den letzten Kriegs-jahren mit anderen Intellektuellen, die eine geistliche und liturgische Erneuerung der Kirche wollten, die Evangelische Michaels-Bruderschaft ins Leben“, erzählt der Pfarrer. „Die Bruderschaft ist verbunden im Halten der Tageszeiten-Andachten (orientiert am Tagzeitenbuch) und pflegt die evangelische Messe als Hochform des Gottesdienstes (nieder-geschrieben in der Agende von Karl-Bernhard Ritter).“

Ernst Gurlands Vater wiederum war Judenmissionar. Er pilgerte sogar von Riga bis Odessa. „Sein Vater – also mein Ururgroßvater mütterlicherseits – war Jude und strenger Rabbiner“, erzählt Michael Jahn. „Mein Urgroßvater las oft heimlich im Neuen Testament. Es bewegte ihn zutiefst. So fand er nach und nach zum Evangelium und wurde Christ.“ Nachzulesen ist das im Buch von Rudolf Hermann Gurland „Ein Rabbiner findet Jesus“.

Solche Spuren in der Familiengeschichte bewegen Michael Jahn bis heute. Er selbst fand vor allem in der Jugendarbeit zum lebendigen Glauben. Dietrich Heise, Stadtjugendwart in Görlitz, begeisterte ihn. „Er leitete uns Jugendliche damals an, selbständig Jungschar-Stunden zu halten. Er konnte gut organisieren, leiten und koordinieren, besonders aber für den Glauben Interesse wecken“, blickt der Pfarrer zurück. „Er hat uns immer mitgerissen – vor allem durch seine intensiven Bibelarbeiten, durch Andachten und die von ihm organisierten und mitunter selbst durchgeführten Evangelisationen. Bekannte Evangelisten, sogar Billy Graham, hat er nach Görlitz geholt!“

Getragen wurde diese Arbeit durch das Gebet. Dort lernte Michael Jahn die Gebetsgemeinschaft schätzen und den kompromisslosen Einsatz für die, welche die gute Nachricht noch nicht kennen. Prägend für seinen Glauben war auch das Ehepaar Frieder und Ingrid Schirrmeister. Es war damals nach Görlitz gekommen, als Frieder Schirrmeister, zuvor Jugendwart in Löbau, als Landesjugendwart berufen wurde. Jeden Montagabend luden die Eheleute zum Bibelkreis in ihre Wohnstube ein. „Dort habe ich das Bibel-Lesen neu gelernt und das Wort Gottes als Inspiration und Lebensquelle neu entdeckt. Einfache Fragen haben uns geholfen: Was steht im Bibeltext? Wofür kann ich Gott danken? Worum darf ich ihn bitten? Was erwartet er heute von mir? Diese vier Grundfragen beim Bibel-Lesen prägen mich bis heute“, sagt der Pfarrer. Darum empfiehlt er diese Form auch seinen Gemeindegliedern.  Darum praktiziert er sie genauso auch in den  beiden Hauskreisen der Gemeinde.

Nach seiner Schulzeit hatte Michael Jahn eine Lehre als  Moped- und Motorradschlosser in Görlitz begonnen. Nach deren Abschluss absolvierte er zunächst ein diakonisches Praktikum im Martinshof Rothen-burg, da die Arbeit mit Menschen ihm näher lag. Bald bewarb er sich um einen Platz in der Diakonen-Ausbildung. Zwei Jahre Fachschulstudium in der Stephanus-Stiftung Berlin-Weißensee und weitere zwei Jahre Fachausbildung im Diakonenhaus in Moritzburg folgten. Danach wurde er zum Diakon eingesegnet.

„Meine erste Stelle als Gemeinde-Diakon trat ich in der evangelischen Christus-Gemeinde Niesky an“, erinnert er sich. Im Kirchenkreis Reichenbach arbeitete Michael Jahn später drei Jahre als Jugendwart. Dann berief ihn die Brüderschaft des Martinshofes und übertrug ihm die Aufgaben des Brüderhausvaters. Dort war er bis zur Wende tätig. Die Veränderungen, die mit der Wende auch Struktur und Aufgaben des Brüderhausvaters betrafen, ließen ihn nach einer neuen Aufgabe suchen. „Ich WOLLTE nun in die Gemeindearbeit wechseln“, betont er. Zunächst kam er als Gemeindediakon nach Kollm und Groß Radisch. Doch bald schon wuchsen ihm mehr und mehr pfarramtliche Aufgaben zu. Zwischenzeitlich kamen die Kirchengemeinden Diehsa und später Gebelzig dazu. Nach absolviertem theologischen Fernstudium und 2. Examen wurde er 1996 zum Pfarrer ordiniert. Seit 1998 war er Pfarrer für die Kirchengemeinden Kollm, See und Petershain. Diese Kirchengemeinden intensivierten unter seiner Leitung die Zusammenarbeit der drei Gemeindekirchenräte, zunächst bei gemeinsamen Sitzungen und Gemeindeveranstaltungen. Bald konnte auch die Vereinigung der drei Gemeinden vorbereitet werden. Am 1. Januar 2003 fusionierten sie zur „Evangelischen Trinitatis-Gemeinde am See“. „Ich bin heute noch erstaunt und dankbar dafür, wie gut dies alles gelaufen ist“, erinnert sich der Pfarrer.

Als Pfarrer von See kam ihm die Aufgabe zu, die Kirchenwoche zu leiten. Sein Vorgänger, Pfarrer Johannes Hartmann, hatte sie ins Leben gerufen. In jedem Sommer kamen mehrere hundert Christen – vor allem junge Leute –  zur „Seer Kirchenwoche“. Sie kamen aus ganz Sachsen und weit darüber hinaus, um im Hören auf Gottes Wort – durch Bibelarbeiten und Vorträge zu Glaubensthemen – im Gebet und gemeinsamen Gesang vorrangig neuer Lieder, Ermutigung im Glauben zu finden und seelsorgerlichen Zuspruch in den Segnungsstunden zu erbitten. Dabei kamen auch öfter die Gaben des Heiligen Geistes, die Charismen, zur Anwendung. „Von der Kirchenwoche profitieren Gemeindeglieder, Gäste und Mitarbeiter gleichermaßen – nicht zuletzt der Pfarrer“ weiß Michael Jahn aus Erfahrung.

Seit 2008 ist er Pfarrer in Krauschwitz. „Noch als Jugendlicher sagte ich mir: Pfarrer willst du niemals werden – dann bist du stets im Dienst.“, erzählt er. „Doch mit dem Dienst am Nächsten, mit der Freude am Predigen ist der Wunsch, Pfarrer zu werden gewachsen. Heute kann ich mir keinen anderen Beruf mehr für mich vorstellen.“

In der Krauschwitzer Gemeinde fand er konstant gut besuchte Gottesdienste vor. Daran knüpft er jetzt an. „Es gibt hier qualitativ hochwertige musikalische Arbeit“, betont er. Damit meint er vor allem den Posaunenchor. Aber auch der Kirchenchor und gelegentliche Konzerte berei-chern das Gemeindeleben. Daran kann Michael Jahn anknüpfen. Zum Hauskreis, den er vorfand ist inzwischen ein zweiter hinzugekommen. Es gab zudem bereits einen Alpha-Glaubenskurs. An ihm nahmen auch einige Männer teil, die bei „FISH-Lausitz“, einer Suchtgefährdeten-Hilfe in  Weißkeißel mit Vor- und Nachsorgeeinrichtungen, Lebenshilfe in Anspruch nehmen. Pfarrer Jahn hält dort auch Bibelstunden.

Alles, so betont er, steht und fällt mit dem persönlichen Kontakt zu den Gemeindegliedern. Darum ist der Besuchsdienst ein weiterer Schwerpunkt in der Gemeindearbeit. Besonders die Senioren brauchen diese Zuwendung. Auch der Kontakt zu den kommunalen Behörden, zu den Betrieben, zu Bürgermeister und Ortschaftsräten ist ihm wichtig.

Hinzu kommt die Ökumene. In Krauschwitz und Umland wurde ein großer Teil der Bevölkerung durch die Aktivitäten und den Einfluss der Brüdergemeinden geprägt. „Offenheit füreinander und kleine Schritte im Miteinander sind nötig“ unterstreicht der Pfarrer. Hier kommen ihm seine Kontakte zu mehreren kirchlichen Bewegungen und Aufbrüchen und die Mitarbeit in übergreifenden Arbeitsgruppen der Kirche zu Gute. Weite Wege ist Michael Jahn gewöhnt. So ermutigt er auch die Christen in den entfernten kleinen Orten seiner Gemeinde. In Werdeck gelang es, den monatlichen „Treff Werdeck“ ins Leben zu rufen. Offen ist er für alle Generationen. Die Teilnehmer sprechen über aktuelle Fragen. Sie nehmen Impulse aus der Bibel auf. Michaels Jahns Ehefrau Barbara, die Kinderdiakonin gelernt hat, unterstützt ihn. Ihr gelang die Belebung der Gemeindearbeit in Klein-Priebus mit einer monatlichen Kinderstunde.

Foto: Kirschke