Vom Tellerwäscher zum Missionar

Matthias Pommeranz
Foto: Bettina Bertram

Amerikanischer Physiker wird Görlitzer Pfarrer

Von Bettina Bertram

Ein 34-jähriger Physiker aus Amerika ist jetzt Pfarrer in der Reformierten Gemeinde und Gefängnisseelsorger in der JVA in Görlitz. Er heißt Matthias Pommeranz und kommt aus Toledo im Staat Ohio. Die 300.000-Einwohner-Stadt liegt südwestlich vom Eriesee. Sein Weg ins Pfarramt war nicht klassisch. Als Tellerwäscher, später als Koch, hat er zunächst sein Physikstudium in Ohio finanziert. Im „Hauptberuf“ aber, mit dem Herzen, arbeitete er für „Young Life“, eine überkonfessionelle Jugendorganisation, die High School Teenager jeglicher Herkunft für Jesus begeistern will. Seine Liebe, sein Engagement und seine Zeit brachte er dafür in Toledo-City, einem sozialen Brennpunkt, ein. Er zog sogar in die Nachbarschaft. Als die Gruppe zerfiel und ein persönlicher Schicksalsschlag dazu kam, stürzte er in eine Glaubenskrise. Nach zwei Jahren, den Bachelor in der Tasche, buchte einen Flug über den Atlantik, um einen Freund in Kiel zu besuchen. Matthias Pommeranz wollte nur ein wenig bleiben, um Abstand zu „kaputten Träumen und alten Wünschen“ zu bekommen. Es wurden bis heute elf Jahre daraus, in denen viel Neues entstand.

Von seinem Urgroßvater, der im vorvorigen Jahrhundert aus Pommern nach Amerika ausgewandert war, hatte er zwar den deutschen Namen geerbt. Die deutsche Sprache allerdings musste der Urenkel völlig neu lernen. Er begann zu studieren, weil er keine Arbeitserlaubnis bekam und keinen weiteren Grund zum Bleiben vorweisen konnte. Er studierte Theologie in Kiel und im Nebenjob arbeitete er als studentischer Hilfswissenschaftler an der Mars-Mission der NASA an der Kieler Uni mit. Wie viel Strahlung bestimmte Plastikteilchen aushalten, erforschte Pommeranz für die NASA unterm Mikroskop, zugleich verdiente er als freiberuflicher Englischlehrer damals seine Brötchen in der Wirtschaft.

Gefüllt bis auf den letzten Platz war die reformierte Kapelle am 11. Januar, als der bisherige Pfarrer Diedrich Immer nach 23 Jahren verabschiedet und seiner „coolen Pfarrfrau“ und den Kindern gedankt wurde. Matthias und Annika Pommeranz und ihre beiden kleinen Kinder wurden zugleich herzlich in den Kreis aufgenommen. Selbst aus Schönow-Buschgraben, wo er bis vor einem Monat noch Vikar war, hatten sich sein Vikariatsvater und 18 Reiselustige 220 Kilometer gen Süden aufgemacht.

Obwohl er unterdessen fast akzentfrei deutsch spricht, hört man seine amerikanische Herkunft sympathisch heraus, wenn er Wörter wie „hochliturgisch“ mit hartem „ch“ sagt. Das spricht er „houkliturgisch“. Das Wort wird er wahrscheinlich weder in der Bibelstunde im Gefängnis noch im Gottesdienst der reformierten Gemeinde oft brauchen. Auch bei der Kleiderordnung geht es nicht so hoch her, Talar? Fehlanzeige. „Der Pfarrer ist hier einer unter vielen in der Gemeinde“, sagt ein Mitglied des Presbyteriums. Die Gemeinde ist ungewöhnlich, klein, aber sehr aufgeweckt, mit vielen Ehrenamtlichen in bunt gemischter Zusammensetzung, und sehr musikalisch. Nicht zuletzt haben die sieben Kinder der bisherigen Pfarrersfamilie, die mit Piano, Geige und Band aufgewachsen sind, viel dazu beigetragen.

Pommeranz weiß es sehr zu schätzen, dass die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz für ihn eine Gemeinde gefunden hat: „so fromm, spirituell, evangelikal, pietistisch und konservativ wie ich bin!“ Respekt für die Vielfalt im Glauben ist ihm wichtig. „Ich mag Lobpreis, und ich mag Orgelmusik und ich mag wirklich auch Houkliturgie!“