Vorstellung: Erdmann Wittig

Erdmann Wittig

Strecken planen, Wege optimieren wollte er mal. Als Pfarrer zeigt er den Menschen noch immer den Weg.

Von Ines Eifler

Wenn die neuen Fahrpläne herauskamen, las er sie wie andere die Abenteuer von Karl May. Sobald seine Eltern den 13-Jährigen allein mit dem Zug fahren ließen, erkundete er ganz Berlin und Umgebung mit der S-Bahn, lernte alle Strecken kennen. Für Erdmann Wittig war früh klar: Irgendwann würde er als Verkehrsplaner selbst Kursbücher entwickeln und die Fahrpläne so optimieren, dass jeder schnellstmöglich an sein Ziel gelangt. Aber es kam anders. Er wurde Pfarrer. Was war geschehen? Erdmann Wittig stammt zwar aus einer Pfarrersfamilie, doch er hatte nie Ambitionen, seinem Vater beruflich zu folgen und Theologie zu studieren. Es gab kein bestimmtes Ereignis, das seine Entscheidung auslöste. Doch er war schon früh in der Kirche aktiv und gelangte allmählich auch beruflich auf diesen Weg.

Pfarrerssohn an der EOS

Als seine Eltern und die vier Kinder Anfang der 80er-Jahre von Pirna nach Görlitz umzogen, musste er ihnen ein paar Wochen vorauseilen, damit er zugleich mit seinen Altersgenossen die zehnte Klasse beginnen konnte. „Ich kam also ganz allein in die Stadt, kannte niemanden und suchte Anschluss zu jungen Christen“, erzählt der heute 44-Jährige. Im „Kirchenblättl“ fand er Adressen, kam herum, lernte Leute aus verschiedenen Kreisen kennen. Manche davon traf er tagsüber in der Schule wieder, wenn sie in der großen Pause ihre Runden auf dem damaligen Karl-Marx-Platz, heute Wilhelmsplatz, drehten. Mit ihnen tat er sich zusammen, um einen „Oberschülergesprächskreis“ zu gründen, der später vom Schuldirektor als „Untergrundbewegung“ bezeichnet wurde. Denn dort wurden politisch kritische Themen verhandelt, ein Gegenpol zum offiziellen Schulalltag, zu FDJ und SED, als deren „Kaderschmiede“ die Görlitzer EOS galt. Dass Erdmann Wittig überhaupt da lernen durfte, war für Görlitzer Verhältnisse außergewöhnlich, in den Augen des damaligen Schuldirektors ein Versehen der Pirnaer Schulbehörde. Vielen Christen war das Abitur verwehrt, und auch ihm wurde nahegelegt, die Schule besser nach der zehnten Klasse zu verlassen. Was er nicht tat.

Die Junge Gemeinde von Königshufen

Zeitgleich bekam er Kontakt zum evangelischen Jugendwart Uli Warnatsch, damals Bausoldat, und dessen Vertreter Andreas Nedo. Von ihnen angesprochen, ging Wittig daran, zusammen mit Cornelia Fichtner beim Aufbau der Jungen Gemeinde in Görlitz-Königshufen zu helfen, dem gerade entstehenden Plattenbaugebiet, wo es noch nichts gab außer Betonhäusern und lehmigen Wegen. Die jungen Christen kannten zwar die Adressen zugezogener Gläubiger, die sie zuerst hätten ansprechen können, doch sie klingelten an jeder Tür. Manche Leute waren aufgeschlossen, weil sie als Kinder die Taufe und später die Konfirmation erhalten hatten. Am Windmühlenweg hatte die neue Jugendgemeinde ihr Domizil: einen Zirkuswagen. Dort ging es weniger um politische Kritik, sondern um biblische Themen, die Botschaft der Schrift für jeden Einzelnen, um die Gestaltung von Andachten, auch um das Christentum in Literatur und Schlagern. Den Kontakt zu jungen Christen hat Erdmann Wittig später, als er längst Pfarrer war, wieder aufgenommen. Bis vor kurzem war er Seelsorger der Görlitzer Studentengemeinde. Gerade wird aber darüber nachgedacht, wie die Arbeit mit christlichen Studenten weiter verlaufen soll.

Bausoldat und Nachtdienste im Krankenhaus

Gleich nach der Schule wurde er „gezogen“, kam als Bausoldat nach Neubrandenburg, erkrankte nach einer mehrstündigen Fahrt auf einem offenen LKW bei Minusgraden und wurde deshalb nach sechs von 18 Monaten entlassen. Ein paar Wochen hatte er bereits am Görlitzer Bezirkskrankenhaus als Krankenträger gearbeitet. Dort, in der Telefonzentrale des Krankenhauses, fand er auch jetzt Arbeit, um die Zeit bis zum Studium zu überbrücken. „Das war die beste Vorbereitung auf den Pfarrberuf“, sagt Wittig. „In den Spät- und Nachtschichten hatte ich viel mit Patienten und Angehörigen zu tun, manchmal war ich der Überbringer schlechter Nachrichten, und ich lernte zuzuhören.“ 1986 begann er in Rostock Theologie zu studieren, kurz nach der Wende wurde er fertig und kam zurück nach Görlitz, mit seiner Frau und dem ersten Kind. Von der Evangelischen Kirche des Görlitzer Kirchengebiets hatte er sich nie entfernt, denn von da aus war er zum Studium geschickt worden.

Pfarrer in Ebersbach und Rauschwalde

Nach dem zweijährigen Vikariat bei Pfarrer Martin Königer in Görlitz Weinhübel wurde er ins nahe Ebersbach entsandt, wo er bis Oktober 2009 Gemeindepfarrer war. Neun Jahre lang war die Stelle zuvor vakant gewesen, und so wurde der junge Pfarrer mit der kleinen Familie sofort freundlich aufgenommen. „Dort waren wir nicht die ‚ewig Fremden‘, und kleine anfängliche Fehler hat man mir schnell verziehen.“

Seit einem Jahr ist Erdmann Wittig Pfarrer der Christuskirchengemeinde in Görlitz-Rauschwalde. Er hat mit Hans-Albrecht Lichterfeld getauscht, der aus persönlichen Gründen einen Wechsel wollte. „Es war eine schöne Zeit in Ebersbach, und Veränderungen brauchen immer eine Weile“, sagt Wittig, „aber ich denke, für die Gemeinde ist es gut, wenn Pfarrer wechseln.“ Man werde sonst vielleicht betriebsblind, selbstgenügsam, und nach zehn Jahren am selben Ort müsse man aufpassen, dass man sich in den Predigten nicht wiederholt.

Den Menschen zu helfen, auf dem richtigen Weg schnellstmöglich an ihr Ziel zu gelangen, hat Erdmann Wittig als Verkehrsplaner nicht verwirklicht. Als Pfarrer aber kann er sie dabei unterstützen, einen richtigen Weg zu wählen. „Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Mensch einen Halt braucht, der über die Werte unserer Konsumgesellschaft hinausgeht“, sagt Wittig. „Es gibt auch andere Richtungen, die man einschlagen kann. Aber wer sich für Jesus Christus entscheidet, dem sage ich: Habe den Mut, Ja zu sagen, und versuche, dass der Glaube dich trägt.“