Vorstellung: Hans-Albrecht Lichterfeld. "Zeit für Vertrauen"

Hans-Albrecht Lichterfeld
Hans-Albrecht Lichterfeld

Draußen vor den Fenstern knirschen Reifen im Schnee. Die Kinder der Evangelischen Kita in Ebersbach wissen schon, wer jetzt kommt. Eine Minute später erscheint Pfarrer Hans-Albrecht Lichterfeld in der Tür, ein hochgewachsener Mann Anfang 50 mit kräftiger, tiefer Stimme.

Von Ines Eifler

Ein Lächeln erhellt sein Gesicht, als sich ihm die fröhlichen Kindergesichter zuwenden. Nur kurz ist er da, sagt "Guten Morgen, Kinder", verstrubbelt einige Köpfe und fragt, welches Märchen sie denn heute schon gehört haben. "Vom Hans im Glück", rufen ihm zwei Mädchen entgegen. Noch ein Wort zu Kitaleiterin Irina Nozinski, und schon ist der Pfarrer wieder aus der Tür.

Die täglichen Besuche bei den Kindern hat Lichterfeld eingeführt, als er vor einem guten Jahr die Pfarrstelle für die Gemeinden Ebersbach/Girbigsdorf und Kunnersdorf, etwas später auch für Kleinkrauscha, Großkrauscha und Neukrauscha und die evangelische Kita in Zodel  übernahm. Dieser Beginn war nicht ganz einfach für ihn, denn einige Mitglieder des Ebersbacher Gemeindekirchenrats waren nicht überzeugt, dass Lichterfeld eine gute Wahl für die dörflichen Gemeinden des Schöpstals sei, und stimmten gegen ihn. Zuvor war er viele Jahre lang Pfarrer der Evangelischen Christuskirchengemeinde in Görlitz-Rauschwalde gewesen, hatte sich aber aus persönlichen Gründen für einen Wechsel, einen Pfarrertausch, entschieden, auch wenn die Trennung ihm und der Gemeinde schwer fiel. Sein Vorgänger in Ebersbach, Erdmann Wittig, stellte seine Position zur Verfügung und ging für Lichterfeld nach Rauschwalde.

Dass sich mancher nur schwer an den Wechsel gewöhnen kann, akzeptiert Lichterfeld voll und ganz. "Ich kann auch gut damit leben, wenn jemand nicht mit mir klarkommt. Die Gemeinde soll schließlich an Gott glauben, nicht an den Pfarrer." Durch seine offene, direkte Art gewinnt er jedoch viele Leute, nicht nur die Kinder, sondern auch Familien, die er über den Gartenzaun grüßt, oder die älteren Leute, die er regelmäßig besucht, weil sie es nicht mehr in den Gottesdienst schaffen. „Es ist mir wichtig zu wissen, wie die Leute leben, und umgekehrt sollen sie auch mich kennenlernen.“ Die ab 50-Jährigen besucht er an den runden Geburtstagen, die ab 70-Jährigen dann jedes Jahr. Dabei lernt er meist gleich die ganze Verwandtschaft kennen. „Das ist ein Anknüpfungspunkt für die Menschen“, sagt Lichterfeld, „danach ist auch klar, dass ich ansprechbar bin, auf der Straße, am Telefon, jederzeit.“ Atheistischen Familien bringt er die gleiche Form der Nächstenliebe entgegen. „Kontakt zu den Leuten halte ich nicht nur innerhalb der Kirchengemeinde, sondern in meinem ganzen Lebens- und Arbeitsumfeld.“

Wird Hans-Albrecht Lichterfeld nach seinem Werdegang gefragt, beschränkt er sich auf das Allerwesentlichste, erzählt ein ganzes Leben in wenigen Minuten. 1959 in Görlitz geboren und in Tauchritz sowie Schwarzkollm bei Hoyerswerda, immer dicht an der Kohle, aufgewachsen, wurde er erst Maschinist für Wärmekraftwerke und arbeitete im Großkraftwerk Lübbenau/Vetschau. Weil er sich als Bausoldat gemeldet hatte, durfte er weder Meister werden noch Kraftwerkstechnik studieren, wollte sich aber weiterentwickeln. Zwei Pfarrer aus Vetschau weckten sein Interesse für den Pfarrberuf. Lichterfelds Vater war auch Pastor, aber für die Entscheidung des Sohnes spielte das keine Rolle. Er studierte an der Predigerschule Paulinum in Berlin, und es gefiel ihm. An der Görlitzer Kreuzkirche wurde er Vikar bei Frau Pastorin Bast, 1990 übernahm er von Pfarrer Wähner die Christuskirchengemeinde in Görlitz-Rauschwalde.

Sein Verhältnis zum Glauben hat sich seit der Kindheit nie verändert. Aus der „lebendigen Auferstehungshoffnung“ schöpft Hans-Albrecht Lichterfeld zu allen Zeiten seine Kraft. „Der Glaube war immer eine Selbstverständlichkeit für mich, aus der heraus ich lebte und nun predigte.“

Der Kern seiner Arbeit ist der Mensch, das betont der Pfarrer immer wieder: Der Mensch stehe an allererster Stelle. Weil Lichterfeld der Seelsorge alles andere, die administrative Arbeit, die Zeit an Schreibtisch und Computer, unterordnet, schafft er viel trotz der durch Pfarrstellen- und Gemeindezusammenlegungen wachsenden Aufgaben. „Man muss gut planen und das Wesentliche im Blick haben, dann ist alles machbar.“ Die Gespräche mit den Menschen seien zwar zeitaufwendig, aber das Bedürfnis danach sei sehr groß, ein Hunger geradezu. Deshalb sei das wachsende Vertrauen die Zeit wert. „Außerdem sind diese Begegnungen ein ganz wichtiger Kraftquell“, sagt Lichterfeld, „für meine Arbeit, für mich, für meine Predigten. Alles andere setze ich dahinter.“