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Kaisertrutz: Bastion voller Geschichten

Görlitz steht ab dem 21. Mai im Fokus der 3. Sächsischen Landesausstellung. „Via regia. 800 Jahre Bewegung und Begegnung“ ist ihr Thema. 300.000 Besucher werden bis zum 31. Oktober in der 55.000-Einwohner-Stadt an der Neiße erwartet, darunter etliche Kirchengemeindegruppen.

Kaisertrutz: Bastion voller Geschichten

Die via regia verläuft quer durch Görlitz: Blick auf den Schönhof (hinten rechts), das älteste Renaissancehaus der Stadt von 1526. Foto: Ernst-Bertram

Von Bettina Ernst-Bertram

Die Ost-West-Handelsstraße via regia, die 1252 erstmals urkundlich erwähnt wurde, brachte Görlitz Reichtum und enormen Aufschwung. Noch heute erinnern spätgotische Hallenhäuser und prächtige Renaissancefassaden in der Altstadt daran. Der Fernhandel mit hochwertigen Tuchen und der Färbepflanze Waid entlang der via regia brachte die Stadt im 15. und 16. Jahrhundert zum Blühen, Görlitz „boomte“. Mit seinen 4000 denkmalgeschützten Häusern, die auch aus dem Barock und der Gründerzeit stammen, gilt die Stadt heute als das größte Flächendenkmal Deutschlands. 

Adrenalin und Lokalpatriotismus

Zentraler Ort der Landesausstellung ist der „Kaisertrutz“, eine imposante Kanonenbastei aus dem späten 15. Jahrhundert, ein Teil der früheren Stadtbefestigung. Dort werden auf fünf Etagen fünf verschiedene Themenwelten beleuchtet: Der Kaisertrutz wird zur Bastion voller Geschichten, Biografien und Ideen aus 800 Jahren. 450 Exponate von über 100 Leihgebern kommen derzeit aus Polen, Tschechien, der Ukraine und Deutschland in dem frisch sanierten Ausstellungsort an. Die Architektin und Historikerin Beate Löffler gehört zu den Kunstfreaks und Quereinsteigern, die hier Führungen halten werden. Sie hat eine Doktorarbeit über „Christliche Kirchen in Japan“ geschrieben, in Tokio gelebt und wird ab Mitte Mai der Landesausstellung zuliebe für fünf Monate an die Neiße ziehen. „Da ist viel Adrenalin dabei und viel Lokalpatriotismus“, sagt die gebürtige Görlitzerin. „Aber der interkulturelle Ideentransfer ist mein Thema.“ 

Pulsierende Lebensader unter den Füßen

Beate Löffler ist ein Urgestein der Landesausstellungen, sie hat schon bei der ersten Schau in Panschwitz-Kuckau 1998 („Zeit und Ewigkeit“) als Studentin durch das Kloster St. Marienstern geführt. 2004 bei der zweiten Landesausstellung in Torgau („Glaube und Macht“) war sie von Anfang bis Ende dabei. „In Görlitz ist die ganze Stadt die Landesausstellung, wer aus der Ausstellung hinaus tritt, hat bereits die historische via regia unter den Füßen“, die pulsierende Lebensader, die vom Kaisertrutz und Reichenbacher Turm über Ober- und Untermarkt verläuft, über Neißstraße und Stadtbrücke hinüber zum östlichen Neißeufer. Von da aus nach Breslau, Krakau, Lemberg, Kiew.

Viele Anknüpfungspunkte können Gemeindegruppen finden, die sich nach Görlitz auf den Weg machen von den Ursprüngen der Christianisierung im Untergeschoss bis zu der „Vertreibung der Wechsler aus dem Tempel“ in der 5. Etage, einem zornigen vorreformatorischen Gemälde Lucas Cranachs d. Ä. von 1510. Dazwischen gibt es diverse Biografien zu entdecken, beispielsweise die des Straßburger Kaufmannssohnes Abraham Dürninger, der im Geiste des Pietismus Handel trieb und den ehemals verschuldeten Gemeineladen in Herrnhut zum europäischen Handelshaus ausbaute. Da ist von mährischen Glaubensflüchtlingen zu erfahren, die auf dem Berthelsdorfer Gut des Grafen Zinzendorf Asyl bekamen und später Herrnhut gründeten. Von der eilig organisierten Krönungsreise des gerade zum Katholizismus konvertierten sächsischen Kurfürsten August im Jahre 1697 via Görlitz nach Krakau kündet die „Reisekrone“. Das ist ein silbernes Imitat mit Steinen aus Rauchquarz. Zur via regia gehören auch die Heilige Hedwig von Schlesien und Johann Hess, der Reformator von Breslau, dem ein Epitaph gewidmet ist. Was motivierte all die Menschen, unterwegs zu sein? Nicht zu vergessen ist der Görlitzer Kaufmann Georg Emmerich, der nach seiner Pilgerfahrt 1465 nach Jerusalem das Heilige Grab später als originalgetreue Kopie in Görlitz erbauen ließ. 

Kirchen laden zu „Oasen am Weg“ ein

Dass die interdisziplinäre Landesausstellung eine riesengroße Chance für die Region ist, wissen auch die Kirchen. Sie laden unter anderem zu „Oasen am Wege“ im Begleitprogramm ein, zu Rast und Einkehr in den Gotteshäusern. Auch im Kaisertrutz selbst wird es regelmäßig Führungen zu „Glaubenszeugnissen auf der via regia“ geben, jeweils am 1. und 3. Sonntag des Monats (s.u.) 

Für Kinder findet in den Sommerferien ein mehrtägiger ökumenischer Pilgerweg auf der via regia von Sachsen nach Görlitz statt.

Glaubenszeugnisse auf der via regia. Vortrags- und Gesprächsreihe der Ev. Kirche, jeweils am 1. und 3. Sonntag im Monat, um 16 Uhr. Teilnahme im Ticketpreis enthalten. 

5. Juni: Glaube als Kraft aus der Mitte
Ein Triptychon für die Heilige Hedwig 

19. Juni: Glaube als Zeugnis der Freiheit 
Reformationsepitaph für den Breslauer Theologen Johann Hess  

3. Juli: Glaube als Gegenüberstellung
Der Schmerzensmann im Blick auf uns selbst  

17. Juli: Glaube als Wegweisung
Die Görlitzer Passion auf dem Pilgerblatt des 18. Jahrhunderts 

7. August:  Glaube als Bildungsimpuls 
Das kleine Porträt des großen Pädagogen Petrus Vincentius 

21. August: Glaube als Kritik  
Tempelaustreibung – ein echter Cranach für uns heute 

4. September : Glaube als neue Weltsicht 
Wie der Geist den Schwachen stärkt - Jacob Böhme 

18. September: Glaube als Architektur 
Die Görlitzer Stadtansicht von 1565 

2. Oktober: Glaube als wirtschaftliche Verantwortung
Ökonomie zum Gemeinwohl im Lebenswerk des Herrnhuters Abraham Dürninger 

16. Oktober: Glaube als Hoffnung
Unvergängliches Sehnen kommt zu Tage (Crostwitzer Grabstein)

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