Fluthilfe mit gelben und weißen Zetteln
Gemeindeglieder in Görlitz-Weinhübel helfen Hochwasser-Opfern mit einem Büro, das Hilfesuchende und Spender zueinander bringt.
Von Gabriel Wandt
Gelb für die Hilfe-Suchenden, weiß für die Hilfe-Spendenden: Es ist alles eine Frage des richtigen Zettels im Hilfebüro für Flutgeschädigte der Versöhnungskirchengemeinde in Görlitz-Weinhübel. Der Stadtteil ist mit am stärksten vom Neiße-Hochwasser am 7. August getroffen worden. Danach stand das Telefon im Büro von Pfarrer Ulrich Wollstadt nicht mehr still, und er kam auf die Idee mit dem Hilfebüro.
Seither sind Kornelia Fischer und Angelika Litzba vor allem mit Telefonieren beschäftigt. Zwei Stunden am Tag, immer von 15 bis 17 Uhr, sitzen sie vor einem alten Holzschreibtisch, den Stift in der Hand – und den richtigen Zettel. Die weißen Zettel benötigen sie deutlich öfter als den gelben: Es kommen viel mehr Hilfeangebote herein als Hilfegesuche. Die Liste der angebotenen Spenden ist lang. Möbel, Betten, Kühlschränke oder eine Mikrowelle stehen darauf. Wenn Kornelia Fischer und Angelika Litzba mit ihrem Telefondienst fertig sind, kommen drei Kirchenälteste und organisieren die Hilfe. Sie gleichen die Listen ab, bringen Spender und Hilfsbedürftige zusammen. Denn eines gilt: Das Pfarramt dürfe sich nicht in ein Lager für all die gespendeten Sachen verwandeln, betont Pfarrer Wollstadt. Aus diesen Überlegungen heraus ist seine Netzwerk-Idee entstanden. Das Kirchenbüro koordiniert die Hilfe, und die Beteiligten finden selbst zueinander. Ruft jemand an, der einen Kühlschrank braucht, wird auf der Liste geschaut, ob ein solches Gerät im Angebot ist, und der Kontakt weitergegeben. Kommt die Spende nicht zustande, bekommt das Büro eine Rückmeldung, ansonsten gilt der Fall als erfolgreich gelöst.
Pfarrer Ulrich Wollstadt zeigt sich überwältigt von der Hilfsbereitschaft, und tatsächlich: Beim Besuch im Kirchenbüro steht das Telefon kaum still, Kornelia Fischer hat alle Hände voll zu tun, die Anfragen entgegenzunehmen. Dabei steht sie auch in Kontakt mit den Hilfsbüros der Stadt Görlitz und des Landkreises. Fragen oder Bitten, die das Kirchenbüro nicht leisten kann, werden weitergereicht, um dennoch helfen zu können.
Die Netzwerk-Idee von Pfarrer Wollstadt zieht mittlerweile Kreise über die Stadtteile Weinhübel und Hagenwerder hinaus, obwohl die Gemeinde vor allem hier helfen will. Doch vor ein paar Tagen wurde eine Lkw-Ladung lauter nützlicher Dinge angeboten – aus Zwickau. Da schien der Aufwand zunächst viel zu groß, doch dann wurde auch das möglich: Über Mitglieder der Kirchgemeinde, Freunde und Bekannte. Da war plötzlich ein Lasterfahrer bereit, die Spenden mit nach Görlitz zu bringen. Immer wieder entstehen so Verbindungen, an die im Kirchenbüro so vorher niemand gedacht hätte. „Der liebe Gott macht auch mit“, kommentiert das Pfarrer Ulrich Wollstadt.
Das Hilfebüro in Görlitz-Weinhübel soll erreichbar bleiben, solange weiterhin so viele Anrufe eingehen. Knapp 30 Spenden hat das Büro in den ersten vierzehn Tagen nach der Flut weiter gegeben. Dass bislang die Nachfrage nach Spenden eher gering ist, führt Ulrich Wollstadt auf die noch geringe Zeit nach der Flut zurück. Die Menschen müssten erst einmal ihre Keller oder das Erdgeschoss austrocknen, bevor sie überlegen, welche Möbelstücke sie wieder in die Räume stellen wollten, schätzt er. Er kann sich gut vorstellen, dass die Hilfeanfragen daher in einigen Wochen deutlich zunehmen. Im Angebot hat das Büro aber nicht nur Sachleistungen, sondern auch ganz praktische Hilfe. So kann beispielsweise auch mal ein hilfreicher Tipp oder Handgriff eines Klempners oder eines Elektrikers nachgefragt werden. Die Listen mit den Hilfsangeboten hängen in der Schaukästen der Kirchengemeinde aus und werden auch an die Haushalte verteilt. Manches Hilfegesuch, hat der Pfarrer erfahren, erreicht das Hilfebüro gar nicht erst. Denn wenn der Bote gleich eine rettende Idee hat, helfen sich die Menschen untereinander und die Damen am Telefon können sich dem nächsten Anrufer widmen.
Und bei allem eigenen Schaden vergessen die Süd-Görlitzer auch die nicht, die es noch schlimmer getroffen hat. Ins polnische Bogatynia (Reichenau) etwa haben sie auch einen Hilfstransport geschickt. „Der Blick über den Tellerrand ist wichtig“, sagt Ulrich Wollstadt.
Hilfebüro der Versöhnungskirchengemeinde Görlitz: Telefon 03581/83403, täglich von 15 bis 17 Uhr besetzt.
Bild: Kornelia Fischer und Pfarrer Ulrich Wollstadt am Schreibtisch des Hilfebüros für die Flutopfer.
Foto: Gabriel Wandt
