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Erinnerung: Freiheit zum Dienen

Eine Erinnerung zum 80. Geburtstag von Bischof Dr. Hanns-Joachim Wollstadt (06.02.1929 – 04.03.1991)

Von Hans-Wilhelm Pietz
Es mag Zeiten geben, in denen der christliche Glaube merkwürdig blass und schwach erscheint: Wenn Christen und Gemeinden um sich selber kreisen, wenn sich alles Reden und Zureden im Abwägen der Argumente und Schwierigkeiten erschöpft, wenn an die Stelle der Freude mitten im Leid die Resignation und die Müdigkeit treten. Und dann gibt es Aufbrüche einer mitreißenden Glaubwürdigkeit, einer ermutigenden Ausstrahlung, verwandelnder Kraft. Sie stellen sich wohl immer dann ein, wenn der christliche Glaube als Freiheit zum Dienen erfahren und ergriffen wird.
Servitium Domini summa libertas – Der Dienst für den Herrn ist die ganze Freiheit: So konnte es der große Kirchenvater Augustinus sagen. So spiegelte es sich wider im Leben und Wirken des Heiligen Franziskus. Und Martin Luther hat die Summe des Christlichen eben in der Erfahrung der Befreiung aus Unglaube, Lieblosigkeit und Hoffnungslosigkeit als einer Befreiung zum fröhlichen und dankbaren Dienst an Gottes Geschöpfen beschrieben: Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge – und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge - und jedermann untertan.
Ein besonderes Zeugnis solcher Freiheit zum Dienen steht in der Geschichte unserer Stadt Görlitz und des Görlitzer Kirchengebietes mit dem Leben und der Gestalt Hanns-Joachim Wollstadts vor Augen. Als so gerne Lernender und Lehrender, als Pfarrer und Seelsorger, als Bischof und brüderlicher Wegbegleiter vermochte er es, Hingabe und Klarheit, Reden und Tun in bewegender Weise miteinander zu verbinden. Dass die christliche Gemeinde daran gemessen wird, ob sie denen, die nicht für sich selbst eintreten können, ein verlässlicher Anwalt ist, das wusste er. Und was es bedeutet, Orte der Annahme und elementaren Hilfe, des Zuhörens und der Geborgenheit zu schaffen, das zeigte er im Pfarramt in Jänkendorf/Ullersdorf in den Jahren 1956-1960, als Provinzialpfarrer für Innere Mission im Görlitzer Kirchengebiet zwischen 1960 und 1965, als Vorsteher und geistlicher Leiter des Martinshofes in Rothenburg 1965-1979, als Bischof der Evangelischen Kirche des Görlitzer Kirchengebietes in den Jahren 1980-1985 und noch einmal im durch die eigenen Krankheitsbeschwerden nötig gewordenen Ruhestand bis zu seinem Tod im März 1991.
Treffend hat er seine eigene Erfahrung und Haltung am Beginn des Jahres 1984 so formuliert:
„Es muss nicht sein, dass es kälter wird zwischen den Menschen. Wer aus der Liebe Christi lebt, kann Liebe schenken. Er kann Zeichen der Zuneigung, Taten der Hilfe und aufrichtende Worte weitergeben aus einem unerschöpflichen Reservoir. Gott erneuert die Kraft zum Lieben in dem Maße, wie wir andere Menschen in unser Leben einbeziehen.“
Die untrennbare Verbundenheit von Spiritualität und Diakonie, die Hanns-Joachim Wollstadt prägte, hatte er wohl zuerst in der Kindheit und Jugend in einem Görlitzer Pfarrhaus erfahren. Später ist ihm diese Verbindung dann in der Geschichte und Gestalt der Herrnhuter Brüdergemeine begegnet und zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden: Im August 1965 promovierte er an der Theologischen Fakultät der Karl-Marx-Universität Leipzig mit einer Arbeit zum Thema: „Geordnetes Dienen in der christlichen Gemeinde, dargestellt an den Lebensformen der Herrnhuter Brüdergemeine in ihren Anfängen“.
Was Hanns-Joachim Wollstadt als Theologe da bedacht und erforscht hat, das bewegte ihn dann auf den verschiedenen Stationen seines Weges: Das Wissen darum, dass aller Dienst für andere ja nichts anderes ist als ein Echo selbst erfahrener Güte, eine dankbare Antwort darauf, dass uns selber die Tür zum Leben und zu einem gedeckten Tisch geöffnet worden ist, geöffnet wird – und am Ende noch einmal aufgetan werden wird.
In der ihm eigenen Weise hat er diese Erfahrung in seinem Bischofsvortrag aus dem Jahr 1980 „Dein Reich komme“ so beschrieben: „Wer vor der offenen Tür lebt, hat Hoffnung. So wie wir Kinder im Hof am Sonntagmorgen in der Sonne spielten und in dieser unbeschreiblichen Stimmung eines Sonntagmorgens darauf warteten, dass endlich der Ruf von drin kam: `Das Frühstück ist fertig!´ Es war ein Gefühl, das ich sofort wieder erzeugen könnte, dieses Wort von der offenen Tür.“
Immer schon und immer noch eine offene Tür. Die Erinnerung am 80. Geburtstag von Hanns-Joachim Wollstadt gilt eben der in unserem Leben erfahrenen und zu erfahrenden Güte als einer Befreiung zum Dienen.

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