Weltgebetstag aus Slowenien: Blick über den Tellerrand

„Kommt, alles ist bereit!“, mit dieser Einladung aus Slowenien wird am 1. März 2019 in 120 Ländern rund um den Globus, auch in vielen Gemeinden unseres Kirchenkreises, der ökumenische Weltgebetstag gefeiert. Pfarrerin Sylvia Herche aus Görlitz ist Mitglied im Vorstand des deutschen Komitees und war bei der Bundeswerkstatt in Neuseddin dabei.  Bettina Bertram sprach mit ihr.

Titelbild der slowenischen Künstlerin RezkaArnuš

Frau Herche, seit Sie Vikarin in Heiligenstadt waren, sind Sie in der ökumenischen Weltgebetstagsarbeit aktiv, seit 40 Jahren. Was fasziniert Sie daran?

Weltgebetstag – das ist Gemeinschaft über Länder- und Konfessionsgrenzen hinweg und schärft den Blick für weltweite Herausforderungen, ob in Surinam, Simbabwe oder jetzt in Slowenien. Wer sich von einem fernen Land angezogen fühlt und sich über das Leben dort informieren will, ist willkommen. Beim Weltgebetstag treffe ich Frauen, die lebendige Gottesdienste gestalten wollen, und auch Frauen, die nicht viel mit Kirche zu tun haben, sich aber für Frauen in anderen Ländern interessieren und solidarisch sind.

Sylvia Herche auf dem Weg zum Vorbereitungstreffen.

Die diesjährige Einladung kommt aus Slowenien. Was ist da das Besondere?

Slowenien ist ein Land voller Schönheit und Widersprüche: ein Urlaubsparadies zwischen Alpen, Adriaküste und pannonischer Tiefebene, mittendrin die bezaubernde Hauptstadt Ljubljana mit knapp 300.000 Einwohnern. Und im „Souterrain“, im Süden, finden sich Karstgebiete mit interessanten Höhlen. Diese ganze Vielfalt spielt sich auf einer Größe von Sachsen-Anhalt mit nur zwei Millionen Menschen ab! Slowenien war schon immer ein Knotenpunkt internationaler Wanderungsbewegungen („Balkanroute“) und Handelswege. Männer und Frauen in Slowenien sind sehr froh über ihre staatliche Unabhängigkeit, die sie 1991 mit dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens nach jahrhundertelanger wechselnder Fremdherrschaft zum ersten Mal in ihrer Geschichte erlangt haben.

Wie leben Frauen dort?

Wir werden „typische“ Frauen des Landes zum Beispiel in Tischreden erleben: da ist Marjeta, eine Frau, die zu sozialistischen Zeiten als Christin nicht studieren konnte, die als „Gast“-Arbeiterin in der Schweiz lebte und die glücklich ist, wieder in ihrer Heimat zu sein. Mojca, eine 34-jährige Wissenschaftlerin schildert ihren beschwerlichen, doch heute gangbaren Bildungsweg als Alleinerziehende. Das Studium ist in Slowenien kostenlos, es gibt ein gut ausgebautes System der Kinderbetreuung. Sie wünscht sich dennoch, dass Frauen im Beruf weniger eingeschränkt und Familie und Berufstätigkeit besser vereinbar wären. Eine 80-jährige Frau berichtet über Altersarmut. Ema spricht über soziale Not, Alkoholismus und Gewalt. Natascha, eine Romafrau, berichtet über Akzeptanz einerseits und mangelnde Integration von Romadörfern ohne Strom und Wasser andererseits.

Was haben die Gastgeberinnen in der Vorbereitungswerkstatt berichtet?

Die meisten Sloweninnen verstehen sich als selbstbewusste taffe Frauen, sind heimatverbunden und zugleich sehr Europa zugewandt. In Bezug auf Frauenrechte hat sich die Rechtslage positiv entwickelt, im Alltag bildet sich Gleichberechtigung aber oft nicht adäquat ab.

In der Rubrik „Frauen in Führungspositionen“ steht Slowenien weltweit auf dem 20. Rang, Deutschland auf Rang 74 von 144 Ländern.Die meisten Frauen gehen arbeiten, dennoch sind viele ohne einen festen Job, obwohl sie gut ausgebildet sind. Etliche gehen zum Arbeiten ins Ausland, zum Beispiel nach Österreich in die Krankenpflege.

Wie begehen Sie in Görlitz vor Ort den Abend?

Wir rechnen im Wichernhaus in der Innenstadt mit 150 bis 200 Gästen. Es spielt die Mädchenband „Magnificat“ der katholischen St. Wenzels-Gemeinde, die tolle Musik macht und eine ganze Fraktion junger Menschen verschiedener Konfessionen anzieht.Es werden landestypische Gerichte vorbereitet– in diesem Jahr zum BeispielPotica, ein Nuss-Hefegebäck, für das es über 80 verschiedene Füllungen gibt!Vielleicht stellen wir eine lange Tafel, denn das Thema heißt ja „Kommt, alles ist bereit!“

Da drängt sich die Frage nach dem gemeinsamen Abendmahl auf?

Diese Frage wird auf jeden Fall wieder im Gespräch sein, denn es ist das Anliegen vieler Weltgebetstagsfrauen, besonders auch derjenigen aus konfessionsverschiedenen Ehen, Brot und Wein miteinander zu teilen.

Für welche Vorhaben wird die Kollekte gesammelt?


Die Weltgebetstagskollekte kommt ca. 100 Projekten weltweit zu Gute, die die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe von Frauen fördern. In Slowenien wird die Organisation „Kljuc“ („Schlüssel“) gefördert, eine Anlaufstelle für Frauen, die von Menschenhandel betroffen sind.

Wichernhaus Görlitz, Johannes-Wüsten-Straße 23 A, 1. März 2019, 19.30 Uhr