Viel und noch mehr: Gipfeltreffen, Forstrüste und Konficamp

Forstrüstzeit im Kirchwald Königshain

Der Besuch in der Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendarbeit in Niesky zeigt, ohne Vereine geht im Süden der Landeskirche nichts

CVJM, esta, Jugendscheune Melaune, Evju – die christliche Vereinslandschaft zwischen Görlitz, Weißwasser und Hoyerswerda ist lebendig. Von Mädchen- oder Jungenfreizeit, Vater-Kind-Wochenende und Forstrüste im Kirchwald bis zum Männerausflug oder dem Mehrgenerationenwandern in Tirol ist im Süden der Landeskirche Vieles möglich. Auch die Kinderferienstadt „Nasze miasto – unsere Stadt“ für täglich 230 deutsche und polnische Ferienkinder im Görlitzer Stadthallengarten wäre ohne das christliche Netzwerk nicht denkbar gewesen.

Ludwig Hetzel, der Leiter der kreiskirchlichen Stelle für Kinder- und Jugendarbeit, hat seit kurzem in Niesky gegenüber der Superintendentur sein Büro. Denn auch die Jugendarbeit ist wie die Superintendentur in das Haus „Plitt“ der Diakonissenanstalt EMMAUS eingezogen. Im Eingangsflur riecht es jetzt nach Bohnerwachs und Holzpolitur. Die altehrwürdigen Türen sind mit bunten Flyern und frommen Sinnsprüchen beklebt.
„Hier ist viel Engagement da, aber was die Struktur der Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis angeht, ist die Lage denkbar unübersichtlich“, meint Ludwig Hetzel: „Wirrwarr würde ich nicht sagen, aber es ist uneinheitlich“. Nur einer von drei Regionaljugendwarten ist bei insgesamt 40.000 Gemeindegliedern auf Kirchenkreisebene angestellt. Die übrigen zwei Regionaljugendwarte sind bei Vereinen angestellt, die wiederum Finanzspritzen vom Kirchenkreis erhalten. Hetzel sieht diese Tendenz kritisch. Denn es werde „allzu viel Verantwortung an die Vereine delegiert, bei denen viel auf ehrenamtliches Engagement gesetzt wird und die gerechte Entlohnung der Mitarbeitenden eine Herausforderung bleibt“, sagt er.

Für die Arbeit vor Ort mit Kindern und Jugendlichen schließen Vereine wie die Evangelische Stadtjugendarbeit (esta e.V.) und die Jugendscheune Melaune in direkter Verhandlung Kooperationsverträge mit Kirchengemeinden ab, erklärt der Sozialpädagoge Christian Hüther, der den Görlitzer esta e.V. leitet. Sein Verein ist zurzeit in sieben Gemeinden aktiv. Ihm ist es wichtig, dass vor Ort Gemeindeglieder und Eltern dabei sind, die einen Beirat gründen und die Arbeit unterstützen. Die Christen von Esta e.V. laden dann in der Heimatgemeinde zur „Jungschar“, zur „Kinderkirche“ oder „Christenlehre“ ein oder halten dort die Junge Gemeinde. 32 Jugendgruppen gibt es im Kirchenkreis, statistisch in jeder zweiten Kirchengemeinde. „Wir könnten im Kirchenkreis aber mehr machen. Denn es gibt mehr Nachfragen nach Kooperationen, als wir bedienen können“, so Hüther. Es sei schwierig, Fachpersonal für Bruchteile von Anstellungen in den Südosten der Landeskirche zu locken. Zwar werden diese Kooperationen möglichst mit anderen refinanzierbaren Aufgaben kombiniert, aber eine zusammengestoppelte Stelle ist für qualifizierte Jugendmitarbeiter weniger lukrativ.

So fühlt sich Verantwortung an

Derzeit beginnen in der Arbeitsstelle in Niesky die Vorbereitungen für das nächste viertägige Konfirmandencamp, zu dem im Frühjahr wieder 100 Mädchen und Jungen der 8. Klassen im „KIEZ Am Braunsteich“ in Weißwasser erwartet werden. Das Konficamp stellen Aktive aus Vereinen und Gemeinden mit den Pfarrerinnen und Pfarrern jedes Jahr gemeinsam auf die Beine. 200 Konfirmanden gibt es im Schnitt in der Region zwischen Görlitz und Hoyerswerda. 2016 hatten sich Pfarrerin Jadwiga Mahling aus Schleife und CVJM-Jugendreferent Matthias Gelfert ein aufrüttelndes Planspiel zur Aufnahme von Flüchtlingen ausgedacht. Jeder hatte eine Rolle: in der Kommune, in der Kirche oder in der Notunterkunft oder kam selbst als Flüchtling über den See. „Sie wussten nachher, wie sich die Verantwortung für schwierige Entscheidungen anfühlt: Gebe ich Geld für die Flüchtlingsunterkunft aus und riskiere, dass das Kirchendach einstürzt?“ erinnert sich Teamerin Cornelia Immer. In den Sommerferien 2017 fahren 50 Konfirmanden auch noch ins große Konfirmandencamp in Wittenberg.

Janette Gisa (l), Ludwig Hetzel (r)

Im Büro der Jugendarbeit liegen Flyer für den „Liedergipfel“, der am 1. Oktober 19.30 Uhr in Schleife ausgetragen wird. „Kleinkünstler“ – Singersongwriter – Liedermacher wie Ludwig Hetzel treten dort auf und gestalten am darauf folgenden Sonntag den Gottesdienst der gastgebenden Gemeinde. „Gipfel“ heißt es wegen der Pilotveranstaltung, die sich einst auf dem Kreuzberg in Jauernick bei Görlitz in der Evangelischen Tagungsstätte zutrug, erzählt Ludwig Hetzel. Dann klopft es an der schweren Bürotür und Schwester Katarina Seifert, Diakonisse mit Haube und Tracht, schaut herein, um einen jungen Flüchtling zu einer Gitarrenfreizeit anzumelden. Abschließend verrät Hetzel seine große Herausforderung für 2017: Sie bestehe darin, im Juli, wenn er 60 Jahre alt wird, die finalen 280 Kilometer des Pilgerweges nach Santiago de Compostela zu Fuß zu bewältigen. Eine ökumenische Jugendgruppe hat er dafür schon organisiert.

Text und Fotos: Bettina Bertram