Reformation 2017: Erkennbar Kirche sein

Foto: R. Schmidt / Bistum Görlitz

Die ökumenische Zusammenarbeit im Bistum und im Sprengel Görlitz läuft gut, da sind sich der katholische Bischof Wolfgang Ipolt und Martin Herche, evangelischer Generalsuperintendent, einig. Gemeinsam sind sie in der Hospiz- und Bildungsarbeit tätig und setzen sich dafür ein, erkennbar Kirche in der Region zu sein. Bettina Bertram befragte beide für die Ev. Wochenzeitung „Die Kirche“ – Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, 11/2017.

Bertram: Herr Herche, „Ganz anders. Die Reformation in der Oberlausitz“, unter diesem Titel eröffnet am 30. Juli 2017 die Reformationsausstellung im Süden des Kreises Görlitz, in Zittau. Was ist hier reformationsgeschichtlich „ganz anders"?

Herche: Die Oberlausitz gehörte zum Zeitpunkt von Luthers Thesenanschlag noch für ein gutes Jahrhundert zum katholisch regierten Königreich Böhmen. Aber der König war weit weg. Der Status als Nebenland der böhmischen Krone hat der Oberlausitz Spielräume eröffnet. So gelang es den politischen Akteuren beider Konfessionen, aus der Region ein bikonfessionelles Territorium zu machen.

Bertram: Wie erleben Sie heute Ihre Zusammenarbeit hier? Wie steht es um die Ökumene im Sprengel und im Bistum Görlitz?

Ipolt: In den katholischen Gemeinden unseres Bistums gibt es bewährte ökumenische Kontakte insbesondere zu den evangelischen Gemeinden. Ich denke da an den Weltgebetstag oder ökumenische Gottesdienste zu bestimmten Anlässen. Die Zusammenarbeit zwischen uns in der Kirchenleitung empfinde ich als sehr gut und von gegenseitigem Respekt getragen und ich hoffe, dass dieses Jahr des Reformationsgedenkens auch im Nachklang gute Früchte tragen wird.

Herche: Ich stimme Bischof Ipolt zu, es gibt wirklich ein sehr gutes Miteinander. Das zeigt sich z.B. auch in der gemeinsamen Hospizarbeit in Görlitz oder in der Entstehungsgeschichte des Evangelischen Gymnasiums in Cottbus, die Vertreter beider Konfessionen gemeinsam geschrieben haben. Spannend wird es ja demnächst in Neuzelle, wenn die Zisterzienser-Mönche dort einziehen werden. Da kann sich die Ökumene noch einmal ganz anders bewähren. Ich wünsche dem Bistum, dass diese Klosterneuansiedlung zum Segen für die ganze Region werden kann.

Bertram: „Kann man sich eine größere Demutsgeste vorstellen?“, schrieb der „Spiegel“ im Herbst 2016 nach dem Besuch des EKD-Ratsvorsitzenden und des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz am Tempelberg in Jerusalem. Dort legten sie „aus Rücksicht auf die Gastgeber“ ihre Bischofskreuze vor dem Besuch des Felsendoms ab. Wie erkennbar soll der christliche Glaube auch in seiner Symbolik im Bistum und im Sprengel Görlitz in einer weithin entkirchlichten Umgebung sein und bleiben?

Ipolt: Ich gebe zu, dass ich es nicht glücklich fand, dass die beiden Bischöfe ihre Kreuze vor dem Felsendom abgelegt haben. Ich persönlich hätte wohl auf den Besuch des Felsendomes verzichtet, wenn man dies von mir verlangt hätte. Auch viele Mitchristen haben sich übrigens daran gestoßen.

Herche: Im Blick auf die „Kreuzabnahme“ in Jerusalem war bei vielen das Unverständnis auch deshalb so groß, weil sie sich daran erinnert haben, wie in der DDR-Zeit Mut dazu gehörte, das Kugelkreuz als Bekenntniszeichen der Jungen Gemeinde zu tragen.

Ipolt: Christlicher Glaube war von Anfang an ein öffentliches Bekenntnis – nicht etwas Geheimes. Das zeigt vor allem die Geschichte der Märtyrer in der frühen Kirche aber auch der Bekenner unserer Tage. Erkennbar muss der Glaube bleiben vor allem durch Menschen, die ihn leben und sich – wenn nötig auch öffentlich und profiliert – zu ihm bekennen. Menschen, die gläubig sind, haben schon immer auch Erinnerungszeichen für ihren Glauben sichtbar gemacht. An erster Stelle sind da unsere Kirchen zu nennen, sie sind Orte der Gottesverehrung und zeigen mit der Spitze des Turmes zum Himmel: ein Hinweis auf das Ziel unseres Lebens. Aber auch Kreuze am Wegesrand, Gedenksteine, kleine Kapellen oder Heiligenfiguren und Kreuzwegstationen, die im Freien aufgestellt wurden, um an den Glauben zu erinnern und zum Gebet einzuladen. Gerade in unserer entkirchlichten Gegend brauchen solche Zeichen natürlich auch ab und zu eine Deutung und Hilfe zum Verstehen. Ich fände es schade, wenn solche Zeichen verschwinden, nur weil derzeit eine Mehrheit nicht mehr gläubig ist.

Herche: Mir ist es wichtig, dass wir Christen durch unsere Haltung, in der wir unseren Mitmenschen begegnen und durch unser Wort- und Tatzeugnis erkennbar sind. Es ist unsere Berufung, im Geist der Nächstenliebe zu leben und zu handeln. Das soll man uns abspüren können. Dann sind aber auch sicht- und hörbare Zeichen wichtig. Die Kirche muss im Dorf bleiben, sagen mir viele. Und wenn es in einem Ort um die Erneuerung der Glocken geht, ist die Spendenbereitschaft immer ganz groß. Das ist nicht zufällig so.

Bertram: Demnächst wird in der Dreifaltigkeitskirche das Jakob-Böhme-Zentrum entstehen. Jakob Böhme war ein protestantischer Mystiker. Wird davon auch ein Signal für die Ökumene ausgehen? Wie geht die katholische Kirche mit dem Görlitzer Theosophen um, dessen Mystik und Pantheismus mit der Betonung der unmittelbaren Verbindung des Glaubenden zu Gott und damit der Infragestellung kirchlicher Hierarchien einhergeht?

Ipolt: Jakob Böhmes Schriften spielen heute in der katholischen Theologie nur eine sehr geringe Rolle und sind wenig bekannt. Zugegeben ist auch Manches für den modernen Menschen nicht leicht verständlich, was er uns hinterlassen hat. Sein Verdienst besteht aus meiner Sicht darin, dass er als Mystiker von der Wirklichkeit Gottes zutiefst überzeugt war. Er versenkt sich selbst in die Tiefen Gottes (1 Kor 2,10) und kann sehen, dass das gestörte Verhältnis zwischen Gott und Mensch in Christus geheilt worden ist. Damit ist er ganz nah an Kernaussagen des Glaubensbekenntnisses. Dennoch ist es zunächst seine Gotteserfahrung, eben ein mystischer Weg, der ihm geschenkt worden ist und den er versucht hat, in seinen Schriften auch anderen zugänglich zu machen. Manches wird mit dem Jakob-Böhme-Zentrum vielleicht auch neu entdeckt werden. An dieser Entdeckung könnten wir durchaus auch in ökumenischer Gemeinsamkeit arbeiten.

Herche: Es ist unser gemeinsamer Auftrag und zugleich ja auch eine große Herausforderung, dazu beizutragen, dass die Frage nach Gott nicht verstummt - oder neu geweckt wird. Deshalb finde ich Böhme für unsere Zeit gerade in seiner Fremdheit interessant. Und ich glaube, dass dieser Mystiker gerade bei all jenen auf eine Resonanz stoßen kann, die sich nach einer persönlichen Gotteserfahrung sehnen, ohne das möglicherweise gleich so benennen zu können.