Projekt: Orte der Reformation

Joachim Mühle (links), Sekretär des Kulturraumes Oberlausitz-Niederschlesien, hält das gerade erschienene Reformationsjournal „Oberlausitz“ mit dem Titelbild des Bautzener Domes St. Petri in den Händen. Neben ihm sind Margrit Kempgen (Stiftung Evangelisches Schlesien) und Lars-Arne Dannenberg, Herausgeber und Autor, zu sehen. Foto: Bettina Bertram

Der Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien koordiniert Vorhaben zum Jubiläum 2017

Bettina Bertram

Der Dom St. Petri in Bautzen ist das steinerne Symbol des friedlichen Zusammenlebens verschiedener Konfessionen in der Oberlausitz. Als eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands bietet das Gotteshaus seit der Reformation bis zum heutigen Tage Protestanten und Katholiken über fast 500 Jahre ein gemeinsames Dach. „Diese Kirche steht für Reformation und gelebte Glaubenstoleranz in der Oberlausitz“, sagte Oberkirchenrat Christoph Seele, der auch für die EKBO Ansprechpartner der Ev. Kirchen beim Freistaat Sachsen ist, am 26. April in Görlitz. Deshalb werden in St. Petri am 6. Januar 2017 auch offiziell die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum für Sachsen eröffnet, so Seele.

Gelebte Glaubenstoleranz in der Oberlausitz

Die soeben in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erschienene 92-seitige Broschüre „Oberlausitz. Orte der Reformation“ hat den frisch renovierten Innenraum der Kirche auf dem Titel. Im Auftrag des Kulturraumes Oberlausitz-Niederschlesien, der für die Region Mittel und Projekte zur Reformationsdekade koordiniert, haben die Historiker Lars-Arne Dannenberg und Matthias Donath dieses reich bebilderte Journal herausgegeben. Im Aufsatz „Reformation und kirchliches Leben in der Oberlausitz“ skizzieren beide Autoren die Besonderheiten der konfessionellen Vielfalt der Region zwischen Kamenz, Bautzen, Löbau, Zittau, Görlitz und Lauban durch die Jahrhunderte. Während sich in der Reformationszeit ein Großteil der Bevölkerung innerhalb weniger Jahrzehnte der neuen Lehre öffnete, blieben die Zisterzienserinnenklöster St. Marienthal und St. Marienstern, das Magdalenerinnenkloster Lauban sowie das Bautzener Domstift weiterhin katholisch. Man fand lebbare Einigungen, wie die gemeinsame Nutzung des Doms seit 1540 zeigt. Bezeichnend ist, wie die Oberlausitz, die von der Gegenreformation verschont blieb, zum Zufluchtsort für evangelische Glaubensflüchtlinge aus Böhmen und Schlesien wurde. Bis heute hat die Herrnhuter Brüderunität, die Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760) auf seinem Oberlausitzer Gut gründete, eine große internationale Ausstrahlung. Anhänger des schlesischen Reformators Caspar von Schwenckfeld fanden vorübergehend in Berthelsdorf Aufnahme. 1815 erfolgte Teilung der Oberlausitz in den sächsischen und den preußischen Teil quer zu gewachsenen Strukturen, so Dannenberg und Donath, die auch landeskirchlich bis heute sichtbar ist.

Das Buch lädt zu einer spannenden Spurensuche ein: Ein Kapitel beleuchtet protestantische Kirchenbauten in der Oberlausitz. Darin werden die Grenzkirche von Podrosche, der schlichte Herrnhuter Betsaal, asketische Bartning-Kirchen des 20. Jahrhunderts oder die spektakulär umgesetzte bzw. nachgebaute Dorfkirche von Deutsch-Ossig mit dem Rokoko-Interieur, die dem Tagebau weichen musste, vorgestellt. Den sorbischen Einwohnern der Oberlausitz ist ein zweisprachiges Kapitel gewidmet, ein weiteres dem Theosophen Jakob Böhme und vielen mehr. Marius Winzeler, Direktor der Sammlung Alte Kunst an der Prager Nationalgalerie, stellt den beeindruckenden „Zittauer Epitaphienschatz“ vor. Pfarrer Cezary Królewicz aus Lauban eröffnet auf Deutsch und Polnisch den Horizont für die Situation der heutigen Ev.-luth. Kirchengemeinde Lauban.

Wanderausstellung „Reformation in Schlesien“

Ein weiteres der aktuellen Projekte ist die Wanderausstellung „Reformation in Schlesien“, die derzeit von der Kulturreferentin für Schlesien, Annemarie Franke, und dem Schlesischen Museum Görlitz vorbereitet wird. Dieses Projekt ist ein Regionalmodul des Ausstellungsvorhabens „Reformation im östlichen Europa“, das vom Deutschen Kulturforum östliches Europa in Potsdam verantwortet wird. Daneben werden weitere Einzelschauen wie beispielsweise zu Polen-Litauen und Preußenland, Pommern und Neumark, Böhmen-Mähren, Oberungarn-Slowakei und Siebenbürgen realisiert. „Damit wollen wir im Horizont behalten, dass die Reformation zwar von Deutschland ausging, aber weltweit Auswirkungen hatte“, so Franke in Görlitz. In der Schau sollen unter anderem Breslau als frühes Zentrum der Reformation, Impulse für das Bildungswesen (Valentin Trozendorf, Goldberg) und die Literatur (Martin Opitz, Andreas Gryphius), die Ausmaße der Gegenreformation oder das Wirken von Innerer Mission und Diakonie im 19. Jahrhundert beleuchtet werden. Zeitlich reicht das auf 15 Textilbannern Dargestellte von der Reformation bis hinein ins gegenwärtige kirchliche Geschehen des 21. Jahrhunderts.

„Ein so kompakt gebündeltes, vielfältiges und auch grenzüberschreitendes Projekt wie die ,Gesichter der Reformation‘ unter der Federführung des Kulturraumes Oberlausitz-Niederschlesien im Rahmen der Reformationsfeiern ist schon einmalig“, sagte Oberkirchenrat Christoph Seele aus Dresden bei der Pressekonferenz am 26. April in Görlitz.

Kulturräume sind regionale kulturelle Zweckverbände, eine Besonderheit in Sachsen, die regional bedeutsame Kulturmaßnahmen und –einrichtungen dezentral fördern. Das große Gesamtprojekt des Kulturraumes Oberlausitz-Niederschlesien, dessen Mitglieder die Kreise Görlitz und Bautzen sind, heißt zur Reformationsdekade „Gesichter der Reformation“. Unter diesem weiten Dach werden noch bis 2017 vielfältigste Projekte wie Wanderausstellungen, internationale Tagungen, Theaterstücke wie „Luther war nie in Schlesien“ und Publikationen wie „Orte der Reformation“ koordiniert und weitgehend finanziert. 2016 fließen weitere 50.000 Euro des Bundesministerium für Kultur und Medien in Reformationsprojekte regionaler Partner des Kulturraumes.

Oberlausitz. Orte der Reformation. Hrsg. von Lars-Arne Dannenberg und Matthias Donath im Auftrag des Kulturraumes Oberlausitz-Niederschlesien, Leipzig 2016. ISBN 978-3-374-04268-5, 9.90 Euro