Ordination: Zurück zu den Wurzeln - Katharina Ende ist seit Januar Pfarrerin Am Weißen Schöps

Katharina Ende (Foto: Bettina Bertram)

Am 24. März 2019 wird Katharina Ende als eine von 22 Frauen und Männern unserer Landeskirche in der Berliner St. Marienkirche von Bischof Markus Dröge ordiniert. Zu ihrem Ordinationshelfer hat sie Pfarrer Zsolt Kotyuk ausgewählt, ihren Mentor aus der Westukraine. Denn in der dortigen ungarisch-reformierten Gemeinde hat die gebürtige Görlitzerin als 18-Jährige ihr diakonisches Jahr im Ausland absolviert, in dem Dorf Szürte in der Region Transkarpatien. In der Romaschule Szürte, einer zweiklassigen Grundschule, unterrichtete Katharina Ende 15-20 ungarische Romakinder je Klasse, immer eine halbe Lektion im Lernen voraus. Aus dieser Zeit kann sie fließend Ungarisch. Sie hat auch ihren ersten Gottesdienst auf Ungarisch gehalten. Weiterhin erwartet sie sechs Gäste aus Kronstadt (rumänisch Brasov, ungarisch Brassó) in Rumänien zum Ordinationsgottesdienst, denn in Siebenbürgen hat die Theologin im vergangenen Jahr ihr Auslandsvikariat absolviert.

Seit ihrem Abitur am Görlitzer Gymnasium Augustum war sie 14 Jahre fernab von zu Hause unterwegs, im Januar begann sie ihren Entsendungsdienst im Pfarrsprengel Am Weißen Schöps, 30 Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt. Ja, die Gegend habe sie sich selbst gesucht. „Es fühlt sich heimatlich an“ Sie kennt die Sprachfärbung, die häufigen Satzabbrüche, bei denen das Gegenüber sinnstiftendes Ergänzen erwartet, während kein Wort, kein Satzobjekt oder schillerndes Attribut zu viel fällt. „Wir sind doch hier keine …“ – Plaudertaschen?

Zum Pfarrsprengel gehören 1800 Gemeindeglieder in vier Dörfern, neben Rietschen sind das Daubitz, Hähnichen und Kosel. Wer, wenn nicht sie passt in diese Gegend, freut sich Erich Schulze. Er war von 1990 bis 2001 Landrat, engagierte sich über Jahrzehnte als Synodaler und war Präses der Kreissynode. Das Daubitzer Urgestein ist Gemeindekirchenratsvorsitzender. Schulze hilft auf allen Baustellen, deren Handhabung Katharina Ende auf keiner Universität, in keinem Predigerseminar oder Vikariat lernen konnte, zum Beispiel die Geschäfte eines Kindergartens zu führen.

Auch um Förderanträge für eine Altarsanierung muss sich Frau Ende dank der Kirchbauvereine nicht kümmern. Im Pfarrsprengel war die Fluktuation des kirchlichen Personals in den letzten Jahren hoch. Das hatte verschiedene Gründe, Schulze will nicht im Detail drüber reden. Bei der vorletzten Pfarrerin mit kleinen Kindern hatte der Ehemann keine passende Arbeit gefunden, das letzte Pfarrerehepaar hat kulturell gefremdelt und kirchenmusikalisch war auch allerhand Aufreibendes los, „so dass wir jetzt Frau Ende unterstützen, wo wir können“, so Schulze.

Ende hält meist zwei Gottesdienste pro Sonntag. Durch die einjährige Vakanzzeit haben die Gemeinden aber auch Routine, gemeinsame Sprengelgottesdienste zu feiern – einmal monatlich findet für vier Gemeinden nur ein Gottesdienst statt. Nachbarpfarrer Ulf Schwäbe, Lektoren wie der Landtagsabgeordneten Lothar Bienst oder Manfred Hermasch übernehmen, wenn Frau Ende zur Ordination fährt oder Weiterbildungen hat.
Dass es trotzdem schwierig werden könnte, ahnt man, wenn Schulze als Gemeindekirchenratsvorsitzender von Daubitz seine Vorstellungen vom Gemeindeleben entfaltet: „Schon mal wollte ein Pfarrer hier einführen, dass am 1. Weihnachtstag kein Gottesdienst gefeiert wird, wegen der Familie“, für Schulze „völlig unvorstellbar! Das geht ja gar nicht. Da beißt die Maus keinen Faden ab.“ Auch Geburtstagsfeiern und Feste seien in einem traditionellen Dorf wie Daubitz wichtig und „eine missionarische Aufgabe“, zum Beispiel auch das St. Georgsfest und das Countryfest, sagt Schulze.

Im Gegenzug sagt Ende: „Die Leute sind absolut hilfsbereit und zugewandt. Ich bin gerührt.“ Wenn sie ihre Wohnzimmerlampe nicht selbst angeschlossen hätte, wäre jemand zu Hilfe gekommen. Wenn sie nach Rumänien fährt und Kinderbücher für eine deutschsprachige Bibliothek mitnehmen möchte, steht eine Bücherkiste von Gemeindegliedern wie von selbst vor ihrer Tür.

In der 10. Klasse stand der Entschluss fest, Pfarrerin zu werden. Ihre Mutter habe sich nicht weiter gewundert, „ich war ein frommes Kind, habe CVJM, LAK und das internationale EC-Teen-Camp (Entschieden für Christus) usw. besucht.“ Ihr Studium führte sie 2005 an die Universität Leipzig, 2008 an die reformierte Hochschule in Debrecen in Ungarn für zwei Semester - als einzige Lutheranerin. Ab 2009 studierte sie in Berlin weiter und belegte parallel an der Uni Halle bei Professorin Anne Steinmeier ihr homiletisches Hauptseminar.
Mit verschiedenen Jobs, u.a. als studentische Hilfskraft in der theologischen Bibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin und mit dem Transkribieren von Samaritanischem Hebräisch in Althebräisch für eine spezielle Buchausgabe finanzierte sie einen Teil ihres Lebens. Am Zentrum für evangelische Predigtkultur in Wittenberg fand sie ein „unorthodoxes“ Experimentierfeld der Homiletik, auf das auch Schamanen und Theaterpädagogen eingeladen wurden, erzählt sie.

Von Assisi nach Rom

Nach dem Ersten Examen im November 2014 gönnte sie sich zusammen mit einer Freundin eine Zeit des Pilgerns – auf dem Franziskusweg von Assisi nach Rom. Dann kam das Vikariat im spannenden Berliner Bezirk Friedrichshain und in Siebenbürgen bis Ende 2018.

Von Berlin nach Rietschen

Seit Januar wohnt sie nun in Rietschen. Sie lädt sie herzlich in ihre Pfarrwohnung ein, „die untere Etage soll offenbleiben“ – so geht Pfarrhaus, vermittelt die 32-Jährige. Rote Sitzgruppe vor grauer Wand – sie lacht, ja, die Wände sind neu gestrichen, mit Loriot würde man die Nuance zwischen „Aschgrau, Staubgrau oder frischem Steingrau“ verorten. Hingegen heben sich die strahlend rot-weißen ungarischen Wandbehänge gut ab, das rumänische Deckchen, der alte Plattenspieler auf polierter Anrichte mit Hellerau-Charme, dazu eine Intarsienarbeit aus Holzfurnier an der Wand, selbstgemachtes Geschenk ihres Großvaters, sympathisch zeitlos, solide und alles andere als überdreht. Das Interieur lässt absolut nicht auf die dem Studentenleben gerade entwachsene Mieterin schließen. IKEA hat hier keine Chance.
Zurzeit hört sie diverse Tipps von Kolleginnen und Kollegen, gleich am Anfang mit frischem Schwung zu verändern, was sie ändern wolle. Vor einigen Jahren waren in ihren vier Dörfern noch drei Pfarrer ansässig. Zwar möchte zum Heiligen Abend und zum Erntedankfest jede der vier Gemeinden ihren eigenen Gottesdienst, aber dazwischen sei auch Spielraum. Oder: „Als Pfarrerin musst du nicht alles neu erfinden und nicht Alleinunterhalter sein“, sagt einer ihrer Vorgänger. Kirche finde in der Region schon seit Jahrhunderten statt, Taufen, Beerdigungen, hohe Feste…

Katharina Ende hat ihre Netze weit ausgeworfen, gute Ideen im Gepäck und ist, seit sie 14 Jahre alt ist, mit ihrem Konfirmationsspruch unterwegs: Gott spricht: Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von Euch finden lassen (Jeremia 29,13f.). Es scheint so, als hätte sie am Suchen Freude.

Bettina Bertram, 20.03.2019