„Mein Bufdi entpuppt sich als Reichsbürger“

Pfarrerin Jadwiga Mahling aus Schleife im Gespräch mit Diakon Andreas Drese vom Martinshof aus Rothenburg (Mitte) und Pfarrer Burkhard Behr, dem Leiter des Zentrums für Dialog und Wandel in der Lausitz, aus Cottbus. Foto: Bettina Bertram

Forum Kirche und Gesellschaft in Niesky gegründet

Gleich nach den ersten Hochrechnungen am Abend der Bundestagswahl wandte sich Pfarrerin Jadwiga Mahling aus Schleife (Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz) in einem dringenden Brief an ihre Kolleginnen und Kollegen. Wie es nun weitergehen solle, wie etwa mit Anfeindungen in der Flüchtlingshilfe umzugehen sei, fragte sie angesichts des hohen Zulaufs für die AfD, gerade im südlichsten Kirchenkreis der Landeskirche, wo sich die Kirche mit Herz in der Flüchtlingshilfe engagiert hat.
Aus dem Brief wurde eine Einladung: Am 16. Januar 2018 trafen sich erstmals 23 Frauen und Männer, ein neuer Kreis gegen Rechtspopulismus, in der Diakonissenanstalt in Niesky.

Unter den Interessierten war auch die pensionierte Pfarrerin Katrin Müller, in deren Haus eine Flüchtlingsfamilie unterkam. Sie erlebte in einem Seniorenkreis, wie „liebe Altchens“ beim Thema Flüchtlinge aggro wurden. An der Ladenkasse wurde sie als „Gutmensch“ beschimpft. Dem Braunkohlegegner Adrian Rinnert von der Hofgemeinschaft „Eine Spinnerei e.V.“ wurde mehrfach der Briefkasten vom Zaun weggesprengt. Er arbeitete in Schulen in der Lausitz, in denen ein Obrigkeitsgehorsam präsent war, der ihm in Slogans wie „Hier wird nicht diskutiert“ entgegenwehte.

Gabriele Gojowczyk, Gemeindekirchenrätin aus Schleife, gab ein Statement ab für Menschen, die sich in der Lausitz vergessen fühlen, für diejenigen, die „Angst vor Fremden“ haben, für heimatverbundene Handwerker, die bei sinkenden Auftragslage immer höhere Lasten tragen müssten, für Eltern, deren Kinder weit wegziehen: „Wo gehen wir hin, wenn gelebte Traditionen aufweichen?“, fragte sie. „Kirchlich wird so vieles mitgemacht, dass man sich fragt, ob das noch biblisch ist.“

Der Abend bot Gelegenheit zum Austausch. „Ein Freiwilliger entpuppte sich als Reichsbürger!“, da staunte Diakon Andreas Drese nicht schlecht. Er ist im Martinshof Rothenburg für die Bildung von Freiwilligen zuständig. „Nun begegnet der junge Reichsbürger im Rothenburger Laden farbigen Flüchtlingen und Rothenburger Ureinwohnern mit schmalem Einkommen gleichermaßen, die dort Kleidung und nützliche Dinge für wenig Geld kaufen. Das ist schon spannend.“ Drese ermuntert dazu, mehr gute Beispiele zu erzählen, da er die Wandlung von Menschen immer für möglich hält. Davon scheint es in Rothenburg besonders viele zu geben: Wie die vom „früheren NPD-Funktionär, der seine politische Karriere an den Nagel hängte, um sich taufen zu lassen und Mitarbeiter, Kollege im Martinshof Diakoniewerk zu werden“.

Wo Menschenfeindlichkeit anfängt und wo die Würde Einzelner oder von Gruppen angegriffen werde, „dort mischen wir uns als Kirche ein!“, sagte Superintendent Thomas Koppehl: „Wir machen Ausfälligkeiten und Gewalt und derlei Vorfälle öffentlich, wir schließen sie in die Fürbitte ein!“ Kirche muss ein Ort für Demokratie, Diskussionen und Nächstenliebe bleiben. In dem Zuge mahnte er auch, es in der Kirche laut zu benennen, wenn Menschen sich nicht mitgenommen fühlen und wenn sie an Politik und Bürokratie verzweifeln. Gleichzeitig ermutigte er auch dazu, sich nicht abzuschotten, sondern sich die Vorteile der globalen Vernetzung bewusst zu machen.

Der Termin für ein öffentliches Gespräch mit Bundestagabgeordneten aller Parteien und Vertretern von Kirche und Diakonie ist für das 2. Quartal 2018 im Wichernsaal in Görlitz geplant.
Bertram, 05.02.2018