7000 Menschen protestieren am Freitag für Arbeit in Görlitz.

Die Kirchen stehen an ihrer Seite                                               

Fotos: Bettina Bertram

Die Proteste gegen die Schließung des Siemens-Werkes in Görlitz und den Stellenabbau bei Bombardier haben am Freitag in der Neißestadt ihren derzeitigen Höhepunkt erreicht. Mehrere Tausend Beschäftigte aus den betroffenen Betrieben, dazu Delegationen anderer Betriebe des Freistaates und aus Brandenburg, Gewerkschaftsvertreter einschließlich der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, Kinder, Studenten, Frauen und Männer aller Generationen zogen von den Werkstoren aus durch die Innenstadt bis zum Obermarkt. Die Kirchen hatten vor der Großkundgebung die Glocken geläutet und zu einer ökumenischen Fürbittandacht in der Frauenkirche eingeladen.

Über 1000 Schülerinnen und Schüler der Grund- und Oberschulen und der Gymnasien der Stadt demonstrieren mit. Einzelhändler der Innenstadt schlossen solidarisch für eine Stunde ihre Geschäfte.

Generalsuperintendent Martin Herche, Görlitz: „Als Kirchen stehen wir an der Seite aller, die sich für eine gute Zukunft mit sicheren Arbeitsplätzen einsetzen. Deshalb haben wir zur Fürbittenandacht eingeladen und deshalb bin ich heute selbstverständlich dabei. Ich freue mich über die große Beteiligung an dieser Demonstration. Gerade in dieser schwierigen Situation sind Zusammenhalt und Solidarität in Görlitz und der ganzen Region wichtig. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen in den Konzernen die Botschaft deutlich hören: Die Arbeitsplätze in Görlitz und Niesky müssen erhalten bleiben!“
 

IG-Metall-Bezirkschef Jan Otto sagte, dass die Demonstranten stellvertretend für ganz Ostsachsen stehen. „Wir sind wütend, weil fatale Fehlentscheidungen das Wohl der gesamten Region gefährden. Aber wir geben diese Region keinesfalls und gegen niemanden auf!" Otto befürchtet, dass die Arbeitslosenquote in Görlitz, die derzeit bei 9,2 Prozent liege, auf über 20 Prozent ansteigen könne. Für die betroffenen Siemens-Mitarbeiter gebe es keine adäquaten Ersatzarbeitsplätze.

Christian Heinke, Siemens-Betriebsratsvorsitzender von Görlitz (li.): „Ohne Industrie kann Görlitz nicht bestehen.“ Belegschaft und IG Metall versprechen sich ein starkes Signal für die in der kommenden Woche beginnenden Gespräche zwischen dem Gesamtbetriebsrat und der Siemens-Konzernspitze.

Oberbürgermeister Siegfried Deinege (links): „Mir bedeutet der Schulterschluss der Gesellschaft hier, der besonders durch die Kirchen getragen ist, sehr viel. Die Kirche hat hier eine besondere Rolle. Für mich war besonders beeindruckend, dass es nicht nur das Mitfühlen war, das Gespräch, sondern die klare Botschaft an die Konzerne: So geht es nicht!“ V.l.n.r.: Siegfried Deinege, der katholische Bischof Wolfgang Ipolt und Generalsuperintendent Martin Herche vom Sprengel Görlitz der EKBO.

Martin Dulig, stellvertretender sächsischer Ministerpräsident (SPD), appellierte an die Konzernchefs von Siemens und Bombardier: „Schauen Sie in die Gesichter der Jugend, dann wissen Sie, was Sie zu tun haben!“ Betriebswirtschaftliches Kalkül ohne volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung sei zu wenig. Dulig forderte eine konstruktive und auf die Zukunft gerichtete Politik. Er warnte vor Kräften, „die aus der Angst ein Geschäft machen". Besser seien Zuversicht und Selbstvertrauen.

Beten und kämpfen: Vor Beginn der Kundgebung hatten die Kirchen mit Glockengeläut zu einer ökumenischen Fürbittandacht in die Frauenkirche eingeladen. Nachdem dort der Abschluss-Segen gesprochen war, hatten sich Christinnen und Christen unter die 7000 Menschen der Kundgebung auf dem Obermarkt gemischt. Gleich bei Bekanntwerden der drohenden Schließungs-Absichten hatte sich die Kreissynode der schlesischen Oberlausitz am 18. November 2017 an die Seite der Betroffenen gestellt und dem Wert der Aktien die Würde der dort arbeitenden Menschen und ihrer Familien gegenübergestellt. Seitdem gab es kirchlicherseits verschiedene Unterstützungsaktionen wie kurz vor Heilig Abend ein Weihnachtsliedersingen am Werkstor von Siemens in der Lutherstraße.

Dazu hatten die Generalsuperintendentur und Görlitzer Gemeinden mit ihren Chören eingeladen. 2000 Menschen mit Kerzen und Liedblättern versammelten sich zusammen mit der Innenstadtkantorei, dem Bachchor und Posaunenchören der Region unter der Leitung von KMD Reinhard Seeliger und Landesposaunenwart Steffen Peschel am Werktor, um die von Entlassung Bedrohten mit Hoffnung in eine friedvolle Weihnacht zu entlassen.

Bettina Bertram, 19.01.2018