Schlesien: Der evangelische Kirchenbau
Der evangelische Kirchenbau in Schlesien – ein Überblick
Die evangelische Kunst in Schlesien lässt sich am eindrücklichsten an den Bauformen der dortigen Kirchen, d. h. also an der Architektur ablesen. Durch die besondere konfessionelle Situation des Landes mit seiner katholischen Obrigkeit auf der einen und Territorien mit überwiegend evangelischer Bevölkerung auf der anderen Seite schuf sich die unsichtbare Kirche sichtbare Zeugnisse, die weit über die Provinzgrenzen hinaus die Situation dieser Kirche als "ecclesia pressa" verdeutlichten. Nicht ohne Grund wurden das Haus Brandenburg, die schwedische und dänische Krone beim Wiener Hof immer wieder vorstellig, um Zusagen der freien Religionsausübung, d.h. auch die Erlaubnis zum Bau evangelischer Kirchen zu erhalten.
Im Reformationszeitalter hat es in Schlesien keine eigenen Kirchenbauten gegeben. Die Evangelischen übernahmen die verlassenen katholischen Kirchen und gestalteten sie nach den neuen Bedürfnissen. Hierzu zählten der Einbau von Emporen, die Schaffung einer Bestuhlung sowie die Vergabe von Aufträgen für Abendmahlsgeräte, Kanzeln, Altarbilder und Taufbecken. Trotz der gegenreformatorischen Maßnahmen der katholischen Kirche und des Hauses Habsburg im späten 16. und im 17. Jahrhundert haben sich viele dieser Altäre, Kanzeln und Emporenmalereien bis heute erhalten und spiegeln auf diese Weise eindrücklich die Frömmigkeit des schlesischen Luthertums zwischen 1520 und 1650 wider.
Ein erster besonderer schlesischer Bautypus sind die Grenz- und Zufluchtskirchen, die unmittelbar nach Ende der Friedensverhandlungen von Münster und Osnabrück (1648) entstanden. Es handelt sich dabei um Kirchen, die an den Grenzen evangelischer Territorien (Kursachsen, Brandenburg) oder in evangelischen Territorien (Liegnitz, Brieg, Wohlau) errichtet wurden. Größtenteils waren es einfache Holzkirchen, die schon nach wenigen Jahren wegen der leichten Bauweise durch Neubauten ersetzt werden mussten. Nur wenige Bauwerke haben, wie zum Beispiel die Grenzkirche in Schlichtingsheim/Kr. Fraustadt oder in Podrosche, die Jahrhunderte überdauert. Die kunsthistorische und die kirchenhistorische Forschung haben diesen Kirchen bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt.
Die Friedenskirchen in Glogau, Jauer und Schweidnitz zählen im 17. Jahrhundert zu den bedeutendsten evangelischen Kirchenbauten in diesem Teil der Habsburger Monarchie. Sie wurden auf der Grundlage des Westfälischen Friedens zwischen 1652 und 1658 errichtet, wobei von den Architekten Albrecht Säbisch und Andreas Gamper verschiedene Raumlösungen gewählt wurden (in Glogau und Jauer ein rechteckiger, in Schweidnitz ein kreuzförmiger Grundriss). Allen drei Kirchen war gemein, dass eine überaus große Zahl von Gläubigen Platz finden musste, da die Friedenskirchen in den Erbfürstentümern Glogau, Jauer und Schweidnitz die einzigen evangelischen Gotteshäuser waren. Die Friedenskirchen in Jauer und Schweidnitz sind in ihrer Innengestaltung recht unterschiedlich gehalten: so schuf Valentin Säbisch in Jauer ein Bildprogramm mit alt- und neutestamentlichen Themen in Form einer "Biblia pauperum". In der Schweidnitzer Friedenskirche herrscht dagegen eine überwiegend ornamentale Ausgestaltung des Kircheninnern vor.
Während man bei den Friedenskirchen von einem singulären Beispiel evangelischer Kirchenbaukunst sprechen muss, zu dem es im Alten Reich keine Parallele gibt, weisen die Gnadenkirchen (Hirschberg, Freystadt, Militsch, Landeshut, Sagan und Teschen), die in den Jahren von 1709 bis 1753 entstanden, auf Vorbilder in Schweden (Hirschberg und Landeshut: Stockholmer Katharinenkirche) sowie im eigenen Land wie die Friedenskirchen in Glogau und Jauer hin. Die Gnadenkirchen wurden den Evangelischen in Schlesien durch die Intervention Karls XII. von Schweden und entsprechende Verhandlungen mit dem Wiener Hof im Anschluss an die Altranstädter Konvention (1707) zwischen 1707 und 1709 zugesichert. Es entstanden je nach finanzieller Möglichkeit der Gemeinden in Hirschberg, Landeshut und Teschen Steinbauten, während in Freystadt, Militsch und Sagan Fachwerkkirchen errichtet wurden. Die Kirchen sollten in der damals gespannten konfessionellen Situation den Willen der Evangelischen zur Ausübung ihres freien "exercitium re1igionis" symbolisieren. Dabei ist bemerkenswert, dass sich die Baumeister nicht in einem protestantischen Purismus erschöpften, sondern sich der Freudigkeit des katholisch geprägten schlesischen Barock, der besonders durch italienische Einflüsse bereichert wurde, stellten.
Die Gleichberechtigung der Konfessionen setzte nicht gleich mit dem Einmarsch Friedrichs des Großen im Jahre 1740 in Schlesien ein. Die Protestanten mussten noch über zwanzig Jahre warten, ehe sie nach dem Hubertusburger Frieden von 1763 mit der katholischen Kirche in allen Rechten gleichgestellt wurden. Folglich konnten sie nach 1 740 auch keine großen Kirchen bauen, sondern schufen lediglich sogenannte Bethäuser, die an die Tradition der einfachen Grenzkirchen anknüpften. Die Ausstattung dieser "Kirchen" war den Bedürfnissen der Zeit angepasst und bescheiden. Die Bethäuser wurden oft auf rechteckigem Grundriss errichtet; Kanzel, Altar und Taufstein waren zunächst die einzigen Ausstattungsstücke. Orgeln wurden wegen fehlender Mittel erst später eingebaut. Erst seit 1763 wurden sogenannte "Bethauskirchen" errichtet, die den barocken Bauten der Katholiken, vor allem im Innern, um nichts nachstanden.
Bei vielen dieser Bauten wurde versucht, bei der Raumlösung neue Wege zu gehen. So wurde zum Beispiel die Rechteckanlage in eine Ovalform aufgelöst. Frühestes Beispiel dafür ist die reformierte Breslauer Hofkirche Johann Boumanns d. Ä. aus dem Jahre 1750, die als erste Kirche in Schlesien eine ovale Emporenanlage sowie einen der ersten Kanzelaltäre in dieser Provinz besaß. Seine Vollendung errang der ovale Grundriss durch Carl Gotthard Langhans und Valentin Christian Schultze. Besonders typisch für den Langhansschen Baustil sind die Kirchen in Waldenburg, Groß Wartenberg und Reichenbach u. E. mit ihrer sparsamen Anwendung des Ornamentalen. Die Kirchen bestechen durch ihre Schlichtheit und Sachlichkeit und wirken somit beinahe reformiert.
Mit Karl Friedrich Schinkels Bautätigkeit in Schlesien erfuhr nicht nur die Denkmalpflege in dieser Provinz, sondern auch der evangelische Kirchenbau einen beachtlichen Durchbruch. Schinkels Kirchenbauten in Erdmannsdorf oder Malapane/OS haben Programmcharakter und sollten in der Zeit der preußischen Reformen, die im kirchlichen und staatlichen Bereich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die preußischen Minister Karl vom Stein und August Hardenberg eingeleitet wurden, die Gläubigen auf die Anfänge der christlichen Baukunst hinweisen.
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, als Schlesien fest in den preußischen Staatsverband integriert war, lassen sich keine speziell schlesischen Bautraditionen mehr nachweisen. Berlin bestimmte in den folgenden Jahrhunderten die kirchliche Bautätigkeit. Auf provinzielle Besonderheiten wurde kaum noch Rücksicht genommen. Besonders das Eisenacher Regulativ von 1861 wirkte lähmend auf den evangelischen Kirchbau in Schlesien. Trotz eines beachtlichen Kirchenbaufrühlings am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts blieben spektakuläre Kirchenbauten aus. Erst mit der Görlitzer Kreuzkirche, der Breslauer Königin-Luise-Gedächtniskirche und der Gustav-Adolf-Kirche in Breslau-Zimpel wurden neue Maßstäbe im Kirchenbau gesetzt, die die veränderten kirchlichen Bedingungen seit dem Ersten Weltkrieg spiegelten. Bei den Kirchenbauten in Altenlohm oder in Breslau-Carlowitz wurde versucht, die Tradition der Friedens- und Bethauskirchen wieder aufzunehmen.
Mit der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Schlesien in den Jahren von 1945 bis 1948 wurde auch das Ende der evangelischen Kirche in dieser Provinz eingeleitet. Die erhaltenen evangelischen Kirchen wurden vom polnischen Staat in den Besitz der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen überführt. In den Fällen, in denen die evangelische Kirche Polens für die früheren deutschen Kirchenbauten keine Verwendung hatte, wurden diese evangelischen Kirchen katholisiert oder verfielen. Besonders Zeugnisse aus preußischer Zeit gingen in großer Zahl der Nachwelt verloren.
Die erhaltenen Reste schlesisch-protestantischer Kirchenbaukunst sind heute ungehindert zu besichtigen. Dabei wird deutlich, dass die Bedeutung des schlesischen Protestantismus nicht nur in schriftlichen Quellen und Überlieferungen, sondern ebenso in seinen Bauwerken liegt. Dass auch die polnische Denkmalpflege und die kunsthistorische Forschung den Wert dieser Bauwerke erkannt haben, ist erfreulich und zeigt, dass die schlesische Kunst nicht mehr allein unter einer nationalen Perspektive gesehen werden darf, sondern ein Teil der abendländischen Kunst und somit ein gesamteuropäisches Erbe ist. Dabei ist auf deutscher wie auf polnischer Seite die Erkenntnis gewachsen, dass es heute nur im gemeinsamen Bemühen und Ernstnehmen der historischen Wahrheit möglich ist, eine Geschichte der evangelischen Kunst in Schlesien zu schreiben. Erste Ansätze dazu sind von polnischer Seite in den letzten Jahren durch den Breslauer Kunsthistoriker Jan Harasimowicz für die Reformations- und Nachreformationszeit vorgelegt worden. Agnieszka Zablocka-Kos hat sich der Aufarbeitung der Kirchenbaukunst der Neogotik im 19. Jahrhundert gewidmet. Auch auf deutscher Seite findet das Thema des evangelischen Kirchenbaus in Schlesien wieder verstärktes Interesse. Hierzu zählt z. B. die Arbeit von Andrea Langer über die Gnadenkirche in Hirschberg, die im Jahre 2002 erschien, und in der die Verfasserin eine Synthese zwischen protestantischem Klassizismus und römisch geprägtem katholischen Barock herausarbeitet. Es bleibt zu hoffen, dass in den kommenden Jahren weitere Epochen der evangelischen Kirchenbaukunst in Schlesien behandelt werden. Vordringlich müssten dies vor allem das späte 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts sein, da diese Epochen in den Darstellungen des evangelischen Kirchenbaus in Schlesien von Günther Grundmann und Alfred Wiesenhütter nur unzureichend dokumentiert sind.
Ulrich Hutter-Wolandt
