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Nachlese: "Sie sind ja so etwas wie unsere Vorfahren ..."

Schlesischer Gottesfreund, 58. Jg. / Nov. 2007 / S. 166

von Andreas Neumann-Nochten

Seit etlichen Jahren reise ich immer wieder in die Hirschberger Region. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Meistenteils waren es Reisebegleitungen, wobei in der Adventszeit dann auch gern meine musikalischen Talente in Anspruch genommen wurden – „Weihnachtliches Singen mit Lautenbegleitung“ am Kamin in Schloß Stonsdorf  oder „Adventsmusik im Kerzenschein“ in Schloß Lomnitz. Den Weg dorthin findet mein Auto inzwischen schon fast allein. Und bei jeder Fahrt ins Hirschberger Tal wurde die Versuchung größer, einmal die breite, gut ausgebaute Chaussee zu verlassen und den abseits gelegenen Dörfern einen Besuch abzustatten. Immer wieder mußte ich diesen Gedanken zur Seite schieben, da mich ein prall gefüllter Terminkalender in die Pflicht nahm. Vor wenigen Tagen nun klaffte da plötzlich eine Lücke, die meiner Aufmerksamkeit entgangen war. Kurzentschlossen stieg ich hinters Lenkrad, packte mir eine Straßenkarte aus dem Jahre 1937 ins Handschuhfach – eine polnische Bekannte hatte mir versichert, daß in den letzten 60 Jahren sich kaum etwas am Straßennetz verändert habe – und fuhr wohlgemut gen Grenze und nach deren Überquerung hinein ins Ungewisse. Das heißt, so ganz ungewiß war es natürlich nicht, schließlich gab es ein paar Orte, die zu besuchen ich mir vorgenommen hatte. Am Ortsausgang des polnischen Teils von Görlitz erhebt sich - nun fast fertig gestellt – eine neue katholische Pfarrkirche, die geradezu ein Paradebeispiel für architektonische Geschmacksverirrung ist – eine abstruse Mischung aus Disneyland und Playmobil. Doch weiter geht’s. Vor mir erstrecken sich linkerhand neue Bau- und Supermärkte und zur anderen Seite Äcker und Wiesen. Gleich hinter Leopoldhain ist der Abzweig nach Gruna, dem ersten Ziel meiner Fahrt. Im Schlesischen Gottesfreund war ja schon wiederholt von diesem Dörfchen die Rede. Im dortigen Herrenhaus ist seit einigen Jahren eine polnische Künstlerin mit dem wunderschönen Namen Wanda Sztokfisz ansässig, die sich nicht nur um den Erhalt des Anwesens verdient gemacht hat. Direkt neben dem Kirchhof ist die Zufahrt zum alten Herrenhaus. Zwar bin ich verabredet, aber das Tor ist verschlossen. Wer mich kennt, weiß, daß ich zu den vorsichtigen Zeitgenossen gehöre. Da es aber eine verbindliche Terminabsprache gab, zögerte ich nicht lang, stieß das wackelige Gatter auf und ließ das Auto einen verwachsenen Weg erst hinauf- und dann hinabrollen. Hätte ich nur ansatzweise geahnt, was mich vor dem Hauptportal erwartet, ich wäre  gewiß draußen geblieben. Nach cirka 60 Metern lichtet sich nämlich plötzlich das Dickicht und gibt den Blick frei auf das baufällige Schloß und eine weite Hoffläche, die - das läßt sich noch erkennen - ursprünglich mit Stallungen umstanden war. Zunächst aber nahm etwas ganz anderes meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Vor dem Hauptportal erhob sich nicht etwa die Hausherrin sondern viel mehr laut bellend zwei Deutsche Doggen. Und als ob das als Wachpersonal nicht schon genug ist, gesellte sich nur wenige Augenblicke später zu ihnen auch noch ein gewaltiger Bernhardiner. Letzterer baute sich vor meinem Auto auf, während die beiden erst genannten Posten vor meiner Fahrer- bzw. Beifahrertür bezogen und mich auf Augenhöhe musterten. An Aussteigen war also überhaupt nicht zu denken. Inständig hoffte ich, daß das wütende Gebell meine Gastgeberin anlocken würde, aber, Fehlanzeige. So nutzte ich die Zeit des Wartens, im Schutz meines Wagens einen genaueren Blick auf das Areal zu werfen. Dass hier bereits kreative Hände am Werk waren ließ sich unschwer ausmachen: liebevoll angelegte Rabatten und Beete ziehen sich quer über den Hof. Das Dach des Haupthauses zeigt Spuren der Erneuerung – Ausbesserung ist vielleicht das passendere Wort und auch an den Fenstern wurde schon gearbeitet. Im hinteren Teil des Anwesens stand einst eine alte Brauerei, die allerdings schon vor vielen Jahren einstürzte und deren Ruinen fast gänzlich unter wuchernden Pflanzen verschwunden sind. So weit meine Wahrnehmungen. Weiter auf sich warten ließ hingegen die Künstlerin, so daß ich über meinen Rückzug nachzudenken begann. Entgegen allen Befürchtungen gaben die drei furchteinflößenden Vierbeiner ohne nennenswerten Widerstand sofort den Weg frei und verfolgten mich auch nicht bis zum Eingang, so daß ich mir ein Herz faßte, ausstieg und das Tor wieder verschloß. Mein nächster Gang führte mich zur Kirche. In einem Winkel zwischen Westseite und Friedhofsmauer steht eine Grabplatte aus dem 18. Jahrhundert. Nach dem Ende des II. Weltkrieges überzogen die neuen Bewohner von Gruna diese mit einer dicken Mörtelschicht. Wanda Sztokfisz hat sie vor nicht allzu langer Zeit – so weit es möglich war – restauriert und konserviert. Bei diesem Vorhaben mußte sie durchaus auch mit dem Widerstand der ansässigen Bevölkerung zu kämpfen, obwohl unmittelbar neben dem Zugang zum Kirchhof  bereits das Denkmal für die Gefallenen des I. Weltkrieges zu sehen ist.
Ober Bielau stand als nächster Ort auf meiner Reiseplanung. Allerdings spielte mir dann meine Blauäugigkeit, mittels einer 70 Jahre alten Karte das heutige Polen erkunden zu wollen, doch einen Streich. Nach dem über Jahre hinweg der Bau der A4 in Richtung Breslau auf polnischer Seite so vor sich her dümpelte, hat es nun den Anschein, als wolle man in kürzester Zeit das lang Versäumte nachholen. Quer durch die Landschaft sind gewaltige Schneisen geschlagen und riesige Trassen aufgeschüttet, da helfen selbst aktuelle polnische Landkarten nicht weiter. Und wie ich da nun im Schrittempo über eine aufgeweichte Waldpiste dahin schlich, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben, wohin es mich verschlagen hat, tat sich plötzlich das Unterholz auf und ein gewaltiger Gebäudekomplex drängte sich in mein Blickfeld. Die Dächer sind zum großen Teil eingestürzt. Der Rest der Turmhaube hält sich allen physikalischen Gesetzen zum Hohn immer noch auf seinem Sockel und die Bedachungen der weitläufigen Wirtschaftsgebäude fehlen gänzlich. Etwas Trostloseres ist mir selten begegnet. Und dennoch hat dieses Ruinenpanorama etwas Beeindruckendes, ja Faszinierendes. Über dem zerstörten Hauptportal am Fuße des Turmes gibt eine kaum noch lesbare Tafel Auskunft über den Erbauer und Eigentümer: „Diesen Thurm und Wirtschaffts Haus erbauete durch Göttlichen Seegen Johann BARTHOLOMAEUS Behler. Auf SohrNeundorff und FlorßDorff und vollendete den Bau MDCCXL“. Darunter ist ansatzweise noch der Beginn eines Segensspruches zu finden, der aber bis auf das Wort „Gott“ nicht mehr zu entziffern ist.  Am Rande des Ruinenfeldes drang aus einem besser erhaltenen Gebäudeteil laute Radiomusik und ein paar ältere Männer standen um ein ebenso altes Motorrad herum. Um doch noch nach Ober Bielau zu kommen, entschloß ich mich sie nach dem Weg zu fragen. Meine Hoffnung, daß wenigstens einer von ihnen des Deutschen so weit mächtig sei, um mir Auskunft erteilen zu können, erwies sich als falsch. Aber nach eingehendem Studium meiner Karte konnten sie mir dennoch weiterhelfen. Wieder auf einer halbwegs befahrbaren Landstraße angekommen, gestaltete sich dann der Rest der Fahrt relativ ausgeglichen, sieht man mal von den immer wieder auftauchenden Baustellenbereichen entlang der künftigen Autobahn ab. Ober Bielau ist ein wunderschönes Beispiel für ein altes Siedlerdorf. An die Hänge eines sanften Tales geschmiegt schlängelt sich die Ortschaft lieblich dahin. Nur wenige Häuser haben einen neuen Anstrich, von Neubauten ganz zu schweigen. Mitunter drängt sich sogar der Eindruck auf, als sei die Zeit hier stehen geblieben, nicht vor Jahren, nein vor Jahrzehnten. Schon häufiger fielen mir angesichts solcher Dörfer die ersten Zeilen von Friedrich Gerstäckers wunderschöner Novelle „Germelshausen“ ein: „ … Von weiten Feldern umgeben, lag das alte Dorf mit seinem niedrigen Kirchturme und seinen rauchgeschwärzten Häusern. Über dem Dorfe aber hing düsterer Rauch und brach das helle Sonnenlicht, das nur mit einem gelblich unheimlichen Scheine auf die alten, grauen, verwitterten Dächer fallen konnte. Hier gingen die Leute … still und teilnahmslos vorbei ... Und wie wunderlich die alten Häuser mit ihren spitzen, mit Schnitzwerk verzierten Giebeln und festen, wettergrauen Strohdächern aussahen – und trotz dem Sonntag war kein Fenster blank geputzt, und die in Blei gefassten Scheiben sahen trüb und angelaufen aus und zeigten auf ihren matten Flächen den schillernden Regenbogenglanz … Dabei herrschte eine fast lautlose Stille überall …“ Ganz am Ende von Ober Bielau steht auf einer kleinen Anhöhe das alte Gotteshaus. Und auch hier ist das alte Kriegerdenkmal erhalten, wenn auch die Platten mit den Namen der Gefallenen fehlen. Auf dem Kirchhof wird seit vielen Jahren schon nicht mehr bestattet. Der neue Gottesacker befindet sich ein kurzes Stück Weges weit in Richtung Hermsdorf. Die Anlage um die Kirche selbst befindet sich in gutem Zustand. Frischer Rasen breitet sich rings des alten Gemäuers und an der Friedhofsmauer stehen alte Grabsteine, die an die früheren Bewohner erinnern. Unmittelbar neben der Kirche wohnt der Bürgermeister mit seiner Familie. Mir war bereits aufgefallen, daß ich während meines Rundgangs neugierig von diesem Grundstück aus beobachtet worden war. Als ich zu meinem Fahrzeug zurückkehrte sprach mich eine ältere Frau an. Ob ich denn die Kirche schön fände wollte sie wissen und fügte erklärend hinzu, daß hier zu ihnen kaum Touristen kämen. Über die Geschichte der Kirche konnte sie mir freilich kaum etwas erzählen, nur so viel, daß in den 70er Jahren wohl der Putz erneuert und der Turm neu eingedeckt worden sei. Ich sprach sie natürlich auf die alten deutschen Grabsteine an. Die waren offensichtlich während der Sanierungsarbeiten auf dem Friedhof aufgetaucht und an ihren jetzigen Standort verbracht worden. Ob meine Gesprächspartnerin das meinte, was sie sagte, weiß ich nicht. Bemerkenswert war ihr Satz aber allemal, der sinngemäß lautete: „Die Menschen die vor langer Zeit hier begraben wurden, sind ja so etwas wie unsere Vorfahren“.  Länger als beabsichtigt hielt ich mich in Ober Bielau auf, zumal ich ja noch nach Günthersdorf fahren wollte. Zwar wies mein Plan einen breiten Waldweg durch den Kieslingswalder Klosterforst auf, aber ich hatte wenigstens für diesen Tag genug von unwegsamen Pfaden durch unwegsames Gelände. So mühte ich mich nochmals mit meinem Gefährt durch einige Straßenbaustellen und gelangte schließlich nach Günthersdorf. Hier grüßt schon von Weitem die große klassizistische Kirche mit ihrem hohen schlanken Turm den Ankommenden. Anders als zu früheren Zeiten, da man jede Kirche betreten und besichtigen konnte, stand ich auch hier vor verschlossenen Türen. So blieb mir nichts weiter übrig, als den Versuch zu unternehmen, durch das Schlüsselloch einen Blick auf das Innere des imposanten Kirchengebäudes erhaschen zu können. Leider blieb mir der versagt. Dafür gesellte sich schnell ein alter Mann zu mir, der mich anhand des Auto-Nummernschildes bereits als Deutschen ausgemacht hatte. Den Zutritt zur Kirche konnte auch er mir nicht verschaffen, aber er berichtete in einem lustigen Gemisch aus Polnisch und Deutsch, wie sie in den vergangenen Jahren den Gottesacker aufgeräumt und das Gelände um die Kirche wiederhergerichtet hätten. Einige, besonders alte Steine seien bei dieser Gelegenheit an der Innenseite der Kirchhofsmauer angebracht worden. Dann führte er mich auf den hinter der Kirche gelegenen Acker, ... „weil man von dort einen besonders schönen Blick auf die Kirche bekommen könne ...“ meinte er und schielte vielsagend auf meine Kamera.
Es lohnt sich tatsächlich hin und wieder die breiten Pfade der Touristenströme zu verlassen und im Abseits der verwunschenen, manchmal auch vergessenen Dörfer, nach Schätzen zu suchen. Zum ersten Mal bin ich dabei über meinen Schatten gesprungen und habe direkten Kontakt zu den heutigen Schlesiern geknüpft. Beides gehört zueinander. Beeindruckend ist es zu beobachten, wie die Menschen trotz allerorts wahrnehmbarer Not und Armut Beziehungen zur Vergangenheit ihrer jetzigen Heimat herstellen. Sie werden damit offener für die, die als Vertriebene oder deren Nachkommen selbst auf Spurensuche sind. Da entsteht Dialog, wo er am dringendsten notwendig ist, an der Wurzel. Wie lebendig und offenherzig der sein kann, habe ich an diesem Tag wohltuend erleben dürfen.

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