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Nachlese: "So laßt uns ziehn in die geweihten Räume ..."

Schlesischer Gottesfreund, 58. Jg. / Juni 2007 / S. 87

100 Jahre Kirche in Görlitz-Moys

von Andreas Neumann-Nochten

Was jahrelang schon unser stilles Sehnen,
das hat sich endlich nun für uns erfüllt:
Ein Gottehaus laß`n wir im Ort erstehen
Ihm unser dankbar froher Sang heut gilt!
Nun kann an reiner, wahrhaft würd´ger Stätte,
Das Wort erschall´n, aus dem wir ständig lern´
Von Heilandsliebe und von Glaubenstreue,
das Wort vom Kreuz für alle – nah und fern.

So lasst uns zieh´n in die geweihten Räume,
In Maienpracht steht ringsum Feld und Wald!
Auch uns hier all´ umschließe und umsäume
Des Friedens und der Einheit goldnes Band.
Wenn deine Glocken dann des Sonntags rufen,
Gern leisten Folge wir dem ernsten Klang,
dringt doch bis zu des ew´gen Gottes Stufen
aus gutem Herzen jeder Lobgesang.

Mit diesen, in heutiger Zeit leicht antiquiert klingenden Gedichtstrophen soll eines Görlitzer Jubiläums gedacht werden, dessen sich nur wenige bewußt sind. Die zitierten, gewiß sehr volkspoetischen Verse widmete der Goldschmied E. Kalkbrenner der Gemeinde Moys aus Anlaß der Einweihung ihrer neuen Kirche am 15. Mai des Jahres 1907. Der Umstand, daß diese Görlitzer Kirche am rechten Ufer der Neiße zu finden ist, also auf heute polnischem Territorium steht, mag eine Ursache dafür sein.
Auf dem wundervollen Kupferstich von Samuel Weishun, der die kaiserliche Belagerung der von den Schweden verteidigten Stadt Görlitz aus der Vogelperspektive darstellt, sind am unteren Bildrand ein paar kleine Höfe erkennbar. Unzweifelhaft handelt es sich dabei um das bereits 1309 urkundlich benannte Dörfchen Moys. Über Jahrhunderte hinweg führte es sein beschauliches Dasein und fand nur einmal Eingang in die Geschichtsbücher.  Am 7. September 1757 wurde hier – in der „Schlacht von Moys“ – eines der preußischen Rückzugsgefechte im Siebenjährigen Krieg gegen die Österreicher ausgetragen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm Moys allmählich städtischen Charakter an. Seit 1847 bestand eine Eisenbahnverbindung der Niederschlesisch-Märkischen Eisenbahn von Kohlfurt nach Görlitz, die in Moys einen Haltepunkt hatte. Bald folgte der Bau eines Abzweigs der „Schlesischen Gebirgsbahn“ nach Lauban und Hirschberg. Der sprunghafte Anstieg der Görlitzer Einwohnerzahl führte zur planmäßigen Anlage von Straßen und Wegen und nicht wenige Görlitzer, die zu bescheidenem Wohlstand gelangt waren, investierten diesen hier in die Errichtung eines eigenen Häuschens. Auf eine Kirche mußte der Ort allerdings von seiner Ersterwähnung an gerechnet fast 600 Jahre warten. In den alten Zeiten begaben sich die Moyser an den Sonn- und Feiertagen zu Fuß in die knapp zwei Kiliometer entfernte Peterskirche. Auch in allen anderen Dingen, die des kirchlichen oder seelsorgerlichen Beistandes verlangten war der Weg in die Stadt unumgänglich. Das änderte erstmalig sich 1777. Maria Rosina Schön sorgte mit einer kleinen Stiftung dafür, daß ein Pfarrer der Peterskirche künftig arme und gebrechliche Menschen in ihrem Wohnort regelmäßig zu besuchen hatte. Daraus entwickelte sich mit den Jahren ein eigenes Gemeindeleben. Waren es zunächst nur Bibelstunden und die jährliche Christnachtsfeier in der Schule, so wurde daraus mit der Zeit ein regelmäßiges gottesdienstliches Leben. Freilich gebrach es immer noch am geeigneten Raum, aber man behalf sich zunächst mit dem Saal im „Lützelschen Hof“ und später mit den Räumlichkeiten im Gasthof „Zur Stadt Brünn“. Mit der Gründung eines Kirchbauvereines bekräftigten die Bewohner von Moys ihre Absicht nun endlich in einem „eigenen Gotteshause die Stimmen zu seinem Lobe erklingen lassen zu wollen“. Die Zahl der Mitglieder wuchs ständig und die Beiträge flossen reichlich. Mit zahlreichen Benefizveranstaltungen wußten sich die Moyser über die Ortsgrenzen hinaus bekannt zu machen und konnten dank hoher Zustiftungen bald nach der Jahrhundertwende konkrete Planungen für den Kirchneubau aufnehmen. Der Fabrikbesitzer Julius Arnade stellte das Baugrundstück zur Verfügung, so daß eigentlich alles problemlos hätte vonstatten gehen können, aber da hatten die Kirchbau-Enthusiasten, nicht mit dem Magistrat der Stadt Görlitz gerechnet nicht – wie wenig sich doch die Zeiten geändert haben. Dem paßte zunächst der Bauplatz nicht und als nach langen zähen Verhandlungen endlich die Genehmigung erteilt wurde, machte sich im Rat die Ansicht breit, daß an und für sich gar keine Notwendigkeit für den geplanten Bau bestehe. Es bedurfte erst einer Verfügung des Kultusministers um den Stadtvätern die Zustimmung abzuringen.
Der Elberfelder Architekt Fritsche , den Görlitzer bereits bekannt durch die von ihm entworfene Lutherkirche, zeichnete für die Gestalt des neuen Bauwerks verantwortlich. Am 24. November 1905 konnte der Grundstein gelegt werden. Dann schritt der Bau zügig voran. Günstiges Herbst- und Winterwetter ermöglichten die schnelle Ausführung der Erdarbeiten und den Beginn der Maurerarbeiten. Nach 10monatiger Bauzeit war der Rohbau fertig, so daß bereits am 26. September 1906 die Weihe der Glocken vorgenommen werden konnte. Die drei insgesamt 32 Zentner schweren Glocken stammten aus der Glockengießerei Schilling im thüringischen Apolda und ließen einen strahlenden E-Dur Akkord erklingen. Nach weiteren acht Monaten konnte die Gemeinde das fertiggestellte Gotteshaus in Besitz nehmen. Am Tag der Weihe traf sich in Moys alles, was in Stadt und Provinz Rang und Namen aufzuweisen hatte, nur der Görlitzer Oberbürgermeister Georg Snay fehlte pikanterweise, er hatte „wegen anderweitiger Unabkömmlichkeiten“ seine Teilnahme an der Einweihung abgesagt. Zeitgenossen mutmaßten allerdings, daß diese „Unabkömmlichkeiten“ als diplomatische Umschreibung für einen Schmollwinkel  herhalten mußten. Noch waren die „verlorenen Schlachten“ des Magistrats gegen den Kirchbauverein nicht vergessen. Vor dem Gasthof „Zur Stadt Brünn“ versammelten sich  die Festteilnehmer eine halbe Stunde vor Beginn der Feierlichkeiten, nicht um auf das neue Gotteshaus anzustoßen, sondern um Abschied von dem Saal zu nehmen, der ihnen bislang als Versammlungsort diente. Glaubt man den Aussagen von Augenzeugen, war die Einweihung „wahrhaft erhebend“. Und nicht nur das. Sie war vor allem sehr, sehr lang. Neben dem gottesdienstlichen Teil galt es ja auch Grußworten, Dankesreden und der Nennung aller an der Vollendung der Kirche Beteiligten, die gebührende Zeit einzuräumen. Die Liste der Spender war lang und wies klangvolle Namen auf: Die Kronleuchter waren ein Geschenk der deutschen Kaiserin, die Altarbibel „ein wahres Kunstwerk der Buchbinderei“ gestiftet durch den (Görlitzer) Buchbindermeisters Knothe“, für die Altargeräte sorgten Major von Witzleben und die Gräfin Schlieffen.
In den „Görlitzer Nachrichten und Anzeiger“ konnte man am Tag der Einweihung lesen: „So steht das Gotteshaus in allen Einzelheiten vollendet da … Und es ist wohl zu hoffen, daß bei der gewissenhaften, regen Seelsorge … sich die Zahl der Kirchenbesucher mehren und damit das kirchliche und religiöse Leben der Gemeinde Moys heben wird.“

Seit dem Ende des II. Weltkrieges treffen sich in dieser Kirche nun polnische katholische Christen zu Andacht und Gebet. In den 70er Jahren tat sie für junge evangelische Christen aus Deutschland wieder ihre Pforten auf. Pfarrer Tschaikowski, seinerzeit Geistlicher der Gemeinde organisierte regelmäßige ökumenische Treffen zwischen polnischen und deutschen Jugendlichen. Seine Berufung in eine Theologieprofessur nach Warschau und die bald danach erfolgte Schließung der Grenze zu Polen bereiteten diesen hoffnungsvollen Anfängen all zu schnell wieder ein Ende.  Dennoch ist es gut zu wissen, daß in seiner hundertjährigen wechselvollen Geschichte dieses Gotteshaus Ort gelebter Versöhnungsarbeit werden durfte.

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