Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Aktuelles Schlesischer Gottesfreund Nachlese: „Jauer für den Frieden“

Nachlese: „Jauer für den Frieden“

Aus: Schlesischer Gottesfreund – Nachrichten und Beiträge aus dem evangelischen Schlesien. 56. Jahrgang. November 2005. Nr. 8.

Eine Nachlese zum Jubiläum der Friedenskirche vom 9.bis 11. September, erbeten von vielen, die selber nicht dabei sein konnten.

Ach möchte Gott der Herr in Gnaden
Beschützen dieses Heiligtum
Vor allem Ungemach und Schaden
Zu seines Namens Preis und Ruhm!
Daß wir vom Glauben nimmer weichen,
Daß wir an Mut und Festigkeit
Den glaubensstarkenVätern gleichen,
Das gebe Gott in Ewigkeit!

Das Jubiläumsgedicht ist hundert Jahre alt; ob es auch in diesem Jahr eines gab, ist nicht bekannt geworden, aber der Segenswunsch an das Gotteshaus ebenso wie an eine nach vielen Hunderten zählende Festgemeinde ist so aktuell wie damals. Es gab ja ein reiches, buntes „Rahmenprogramm“, doch blieb der Höhepunkt des 350-jährigen Jubiläums ganz geistlich.

Schon der frühe Morgen des Sonntags sah eine Menge Leute auf dem Ring in Jauer. Sie alle wollten dabei sein, wenn die blankgeputzten und geschmückten Pferde eingespannt wurden, um die Glocken zur Friedenskirche zu bringen. Die hatten, von einer Spezialwerkstatt in Nördlingen restauriert, schon über den Sonnabend hin vor dem Rathaus gestanden. Nachdem ein halbes Jahrhundert nach der Bauerlaubnis für die Kirche auch ein Glockenturm errichtet werden durfte, waren sie 1708 von der Firma Demminger in Liegnitz gegossen worden, 24 / 10 / 6 ½ Zentner.

Nun also, am Sonntagmorgen, formierten sich die Geistlichen beider Konfessionen mit ihren Bischöfen sowie die Abgeordneten des Stadtrates zu einer Prozession, der ein Kreuzträger voranging, gefolgt von einem Reiter auf einem Schecken mit der weißblauen Jauerschen Fahne, die das Stadtwappen mit dem Heiligen Martin trägt. Mit im Zug gingen auch die Mitglieder der Feuerwehr, und viele andere schlossen sich an, um die Glocken zu begleiten. Die Prozession zog einmal um das Rathaus herum, um dann über die Goldberger Straße und den Neumarkt den Weg durch das große schmiedeeiserne Tor zur Kirche zu nehmen. Vor dem Glockenturm wurden in kurzen Ansprachen die Initiatoren R. Blaschke und G. Simon gewürdigt, die die Restaurierung der Glocken ermöglicht hatten. Beide Herren richteten dann auch ein Wort an die Gemeinde.

Dann die Glockenweihe, auf die Namen „Glaube“, „Hoffnung“, „Liebe“. Nun erst begab sich die Gemeinde zum Gottesdienst in die Friedenskirche, während sich die Geistlichkeit zum Einzug durch das Westportal formierte. Dann setzte die Orgel ein, nach vielen Jahren nun wieder mit vollem Werk, gespielt vom Breslauer Organisten Marek Pilch, der auch Direktor des neuen Instituts für evangelische Sakralmusik in Breslau ist. Pfarrer Stawiak begrüßte die Gemeinde, die Repräsentanten der Politik sowie den Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Polen Reinhard Schweppe. Nach dem stehend gesungenen Lutherlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ predigte der Leitende Bischof der Evg.-augsburgischen Kirche Polens, Janusz Jagucki, über das Bibelwort „Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium“ (2. Timotheus 1,10); die Predigt war in deutscher Sprache an die Gäste verteilt worden.

Grußworte sprachen der katholische Bischof von Liegnitz, Stefan Regmund, der deutsche Boschafter Reinhard Schweppe, Bischof i.R. Klaus Wollenweber, Pfarrer Hans-Georg Bredull von der Partnergemeinde Bad Reichenhall. Der Bürgermeister der Stadt Jauer, Artur Urbanski, nannte die Friedenskirche ein Symbol des Glaubens und der Liebe und ein Zeugnis einer reichen Geschichte, die die Schicksale vieler Menschen miteinander verbinde; ein Ort, wo sich die evangelische Gemeinde versammle, der aber auch Katholiken und Protestanten in gemeinsamem Gebet vereine. So seien die seit neun Jahren stattfindenden Friedenskonzerte Höhepunkte für Musikliebhaber. Er glaube und wünsche, daß diese ungewöhnliche Kirche noch über Jahrhunderte Menschen aus aller Welt entzücken werde. Der Gottesdienst endete mit der Feier des heiligen Abendmahls und dem Schlußlied „Nun danket alle Gott.“

Es wäre so vieles zu berichten über das dreitägige Fest: von kirchenmusikalischen Darbietungen über ein wissenschaftliches Symposion bis zur Einweihung eines Gedenksteines mit der dreisprachigen Aufschrift: „Auf dem Gelände des heutigen Friedensparkes befand sich bis 1972 ein evangelischer Friedhof. Zum Gedenken an die Bürger von Jauer, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben.“

Jauer für den Frieden: so ist dieser Bericht überschrieben. Unter diesem Motto hatte schon die ganze Stadt auf vielfältige Weise das Jubiläum der Friedenskirche zu ihrem Fest gemacht, als wollte sie, als wollte gerade auch die nunmehrige polnische Bevölkerung sagen: diese Kirche und ihre Botschaft ist bei uns – und wir bei dieser Kirche angekommen. Wie ja doch die kleine evangelische Gemeinde und der Stadtrat von Jauer alles gemeinsam geplant und vorbereitet hatten.

(Text redaktionell nach drei dem Schriftleiter zugesandten Berichten)

Dietmar Neß

Artikelaktionen
Startseite | Impressum