Nachlese: „Hört ihr Leut’ und laßt euch sagen ...“
Aus: Schlesischer Gottesfreund – Nachrichten und Beiträge aus dem evangelischen Schlesien. 57. Jahrgang. November 2006. Nr. 8.
Die Nacht senkt ihren dunklen Schleier über die Stadt. Straßenleuchten flammen auf und tauchen Plätze und Straßen in heimeliges Licht. Es ist spät geworden. Schon verlöschen die ersten Lichter in den Häusern und nur noch ein blassblauer Schimmer im äußersten Nordwesten des sternübersäten Himmels gibt Kunde vom vergangenen Tag.
Hätte ich mir es nicht zur Gewohnheit gemacht, die Stunde vor dem Zubettgehen so oft wie möglich für einen kleinen Spaziergang zu nutzen, wer weiß, ob um diese Zeit überhaupt noch einer durch die alten Gassen streifte. So aber bin ich unterwegs und führe meine Sinne aus. Da ist es völlig egal, zum wievielten Male ich die Wege beschreite, dieses oder jenes Haus ansehe oder die Schattengebilde betrachte, die das Laternenlicht mittels Mauervorsprüngen oder Skulpturen auf das Pflaster und die Fassaden zaubert. Wie schnell finde ich mich da in einer Zeit wieder, die der unseren doch schon so fern ist, von der wir nur aus Büchern wissen und die wie keine andere unsere Phantasie fesselt und zugleich beflügelt.
Über diese Pflaster rollten einst die Pferdefuhrwerke, klirrten die Sporen Bewaffneter in Zeiten von Krieg und Belagerung, knarrten die speichenlosen Räder der Pestkarren und huschten leichtfüßig in der Dämmerung die Liebsten zueinander. Noch in solcherlei Gedanken versunken dringt aus einer Seitenstraße ein Geräusch zu mir herüber, das auf die Heimkehr einer vormals fröhlichen Zecherrunde schließen läßt, welcher freilich die Heiterkeit abhanden gekommen ist.
Hier täte jetzt ein Nachtwächter gut, denke ich und augenblicklich nimmt der auch vor meinem inneren Auge Gestalt an. Angetan mit langem Mantel, auf dem Kopf einen breitkrempigen Hut, in der einen Hand die große flackernde Laterne und in der anderen die Hellebarde, so schreitet er durch die nächtlichen Straßen und singt sein uraltes Nachtwächterlied: „Hört ihr Leut' und laßt euch sagen, der Hammer hat elf geschlagen. Elf der Jünger blieben treu. Gib Herr, daß keiner der zwölfte sei.“ Ist es die Kraft der Imagination, ist es Zufall, plötzlich steht er vor mir. Etwas schlanker ist er zwar, als ich ihn mir soeben noch in Gedanken ausmalte, aber ansonsten hat er alles, was den Nachtwächter ausmacht. Daß er mich grüßt und mit meinem Namen anspricht verwundert mich dann allerdings doch und erst bei genauerem Hinsehen erkenne ich in ihm den Görlitzer Jugendwart Ulrich Warnatsch. Das muß er mir erklären und gern steht er mir Rede und Antwort, was seinen ungewöhnlichen Auftritt anbelangt.
Seit langer Zeit schon schlüpft er beim Dunkelwerden in die Rolle des Nachtwächters und begibt sich mit Görlitzern und ihren Gästen auf eine Stadtführung der besonderen Art. Er erzählt beim Rundgang durch die nächtliche Stadt Sagen und Geschichten. Auch bei Geburtstags- und Hochzeits-feiern, bei Klassentreffen und anderen Gelegenheiten stellt so eine Nachtwächter-Runde den abendlichen Höhepunkt dar. Sie beginnt in der Dreifaltigkeitskirche und verläuft meist vom davor gelegenen Obermarkt über die Langenstraße hin zum Untermarkt. Das Evangelium und die Spuren, die es in Görlitz hinterlassen hat, spielt dabei immer eine wichtige Rolle. Warum gerade der Nachtwächter? Diese Berufsgruppe hatte es in der mittelalterlichen Stadt nicht einfach. Für Ruhe, Ordnung und Sicherheit hatte sie zu sorgen und war doch nicht hoch angesehen. Dieser Tradition fühlen sich engagierte Christen verpflichtet, da gerade sie in wichtigen Bereichen unserer Gesellschaft tätig sind, wo am Ende hohes Ansehen nicht unbedingt zu erwarten ist.
Aber nicht nur in dieser Hinsicht gibt uns der Nachtwächter die Gelegenheit über das Evangelium nachzudenken, Denn alle zwölf Strophen des Nachtwächterliedes sind Kurzpredigten. Wer sie hören will – an jedem letzten Freitag des Monats findet eine öffentliche Nachtwächter-Führung statt.
Und so zieht der Nachtwächter in Görlitz nicht nur als kostümierte Figur durch die Straßen, um Touristen billige Schwänke aus alter Zeit zu erzählen, sondern er hat vielmehr einen besonderen Auftrag. Der Obulus, den er bei seinen Gästen erhebt, dient der Finanzierung von Projekten der Kinder- und Jugendarbeit des „esta e.V.“ (Evangelische Stadtjugendarbeit).
Andreas Neumann-Nochten
